Zehn Jahre nach Lothar

Orkan lehrt neue Forstpolitik

von Hilmar Pfister
Ohlsbach - Am zweiten Weihnachtsfeiertag vor zehn Jahren veränderte der Wald im Südwesten sein Gesicht. Der Orkan Lothar mähte Bäume um, als seien sie Zahnstocher und hinterließ eine kahle Fläche von 56.000 Fußballfeldern. Langsam wächst alles nach, doch Katastrophen dieser Art könnten sich wiederholen.

Sie werden angesägt, beschnitten, mit weißer Farbe bepinselt, gefällt, entastet, über den matschigen Boden gezogen und am Ende am Wegesrand abgelegt. Wer das Schicksal von Bäumen beschreibt, verfällt leicht in einen vorwurfsvollen Ton. Gerichtet an all jene, die tagtäglich mit der Ware Holz zu tun haben: Waldarbeiter, Förster und ihre vielen Helfer. Nur gerechtfertigt ist dieser Ton nicht immer. Denn das Verhältnis von Waldarbeitern zu ihrem Wald geht tief. Weit hinaus über eine rein geschäftsmäßige Beziehung. So mag man sich das jedenfalls vorstellen, wenn man den südbadischen Forstratspräsident Meinrad Joos reden hört. Er steht am Dienstagmorgen auf einem schmalen Waldweg in Ohlsbach, einer kleinen Gemeinde bei Offenburg und blickt hinunter auf die Rheinebene.

Die Hänge am Horizont schmiegen sich friedlich aneinander, der Wind rüttelt an den Ästen und Blättern. Ein Bild, wie es sein sollte, wenn man eine idyllische Landschaft nachzeichnet. Doch dann spricht der Forstratspräsident über die Vergangenheit. "Ich habe Männer weinen sehen", sagt er. Das war damals, am 26Dezember, als die Waldarbeiter und Förster, und all jene, die sich verantwortlich fühlten, abends hinaufkletterten auf die Hänge von Ohlsbach und sich alles anschauten. Ob Buchen, Eichen oder Fichten: "Alle Bäume waren umgeknickt, wie wenn jemand den Hang gekämmt hätte", sagt Stefan Grimm, und zerschneidet mit seiner Handfläche horizontal die Luft. Grimm arbeitete damals im Forstamt des benachbarten Gengenbach.

Alles, für was sich die Männer jahrelang die Hände zerschunden hatten, für was sie jeden Morgen in der Frühe aufgestanden waren - all das war vernichtet. Einfach umgeknickt, entwurzelt, zerborsten. Von Lothar, dem unheimlichen Orkan, der vom Nordatlantik gekommen war, mit Windgeschwindigkeiten von weit mehr als 200 Stundenkilometern und sich von Nordfrankreich nach Deutschland gefressen hatte und dann weiter nach Osten. Dieser Lothar, der neun Menschen im Südwesten den Tod brachte, 30 Millionen Festmeter Holz durch die Luft wirbelte und an Gebäuden und Autos einen Schaden von 500 Millionen Euro anrichtete.

Ohlsbachs Bürgermeister Horst Wimmer war einer der Männer, die damals auf Ohlsbach Wald hinunterblickten. Die Erinnerung daran hat er immer noch nicht verwunden, auch zehn Jahre danach nicht. "Es tut noch weh", sagt er, als er eine kurze Pause am Wegesrand macht. "Wir hatten doch immer einen Vorzeigewald gehabt." Mit einer guten Mischung von allem: Laub- und Nadelbäume, in einem ausreichenden Abstand zueinander, nicht zu dicht aufeinander gedrängt. Doch es nützte nichts. Ohlsbach wurde am härtesten getroffen von allen Gemeinden Baden-Württembergs. Lothar hinterließ 70.000 Festmeter unbrauchbares Holz, etwa 25 mal so viel, wie die Förster der kleinen Gemeinde jedes Jahr umsägen.

Noch heute klagt die Stadtverwaltung über die Spuren, die der Orkan gezogen hat. Jedes Jahr muss die Gemeinde 100.000 Euro zahlen - für die Pflege der nachwachsenden Bäume. Doch so ungern die Menschen von Ohlsbach an Lothar zurückdenken - so froh sind Förster und Waldexperten, dass sie etwas daraus gelernt haben. Zusammenzuarbeiten zum Beispiel. Zusammenzuhalten. Deshalb hat sich nach dem Orkan auch die Forstliche Solidargemeinschaft Gengenbach gebildet, ein Zusammenschluss von Waldbesitzern. Sie hat den Wiederaufbau organisiert, die Aufräumarbeiten vorfinanziert und Lagerplätze angelegt. Ganz ohne fremdes Geld ist man dabei freilich nicht ausgekommen. Die Landesregierung hat 153 Millionen Euro in einen neuen, standhafteren Wald investiert.

"Bei allem Schaden hat das Umdenken zugunsten stabiler und produktiver Mischwälder durch den Orkan einen Schub bekommen", sagt Landwirtschaftsminister Peter Hauk am Dienstmittag auf einer Pressekonferenz in Ohlsbach. In der Tat stehen in Baden-Württemberg immer mehr Laubbäume. In den neunziger Jahren, lange vor Lothar, hat das Land das Programm naturnahe Waldwirtschaft ins Leben gerufen. Einer der Grundsätze damals: Die Wälder sollen stabil werden durch so genannte Mischwälder - mit vielen verschiedenen Baumarten. Gegen Lothar hatten die Bäume zwar keine Chance. Das Konzept der Mischwälder erhält trotzdem mehr Gewicht. Notgedrungen. "Aufgrund der Klimaveränderung muss in Zukunft häufiger mit schwersten Stürmen gerechnet werden", sagt Hauk.

Wenn Ohlsbachs Bürgermeister Wimmer an die Zukunft denkt, fällt ihm das Jahr 2012 ein. Dann ist er 68 und reif für die Pension. "Bis dahin darf es keinen größeren Sturm mehr geben", sagt er. Nocheinmal solche einen Anblick von Ohlsbachs Hängen - das will er sich nicht antun