Wolfgang Bergmann

"Nicht dramatisieren!"

von Carolin Sadrozinski
Hannover - Totschweigen lässt sich ein Problem wie Würgespiele nicht, sagt Wolfgang Bergmann. Der Kinder- und Familienpsychologe rät Eltern dazu, offen und nüchtern mit dem Phänomen umzugehen.

Herr Bergmann, sollten Eltern an Tagen wie diesen die Zeitung besser vor ihren Kindern verstecken?

Auf keinen Fall. Moderne Kinder können Sie nicht von Nachrichten fernhalten. Ich habe das bei meiner Tochter versucht, als Saddam Hussein hingerichtet wurde - keine Chance. Die einzige Möglichkeit ist, offen mit solchen Sachen umzugehen.

Wie sollen sich Eltern konkret verhalten, wenn es um das Thema Würgespiele geht?

Sie sollten auf keinen Fall mit übertriebenem Entsetzen oder moralischer Empörung reagieren. Jede Art der Dramatisierung weckt erst recht das Interesse bei Kindern. Wenn der Sohn oder die Tochter das Thema von sich aus anspricht - und nur dann -, ist es besser, ein gewisses Desinteresse zu zeigen. So nach dem Motto: "Lass mich doch damit in Ruhe. So was Dummes machst du doch eh nicht." Wenn jetzt alle Eltern überbesorgt auf den Hals ihres zehnjährigen Sohns starren, bringt das gar nichts.

Und was bringt was?

Ganz genau zuhören! Kinder fangen mit Würgespielen, Klebstoffschnüffeln oder Komasaufen an, wenn sie unglücklich sind oder unter besonderem Stress stehen. Das sollten Eltern rechtzeitig merken.

Wie bringt man seine Kinder dazu, offen über ihre Probleme zu sprechen?

Indem man sich genug Zeit und sie absolut ernst nimmt. Ein Vertrauensverhältnis kann man nicht herbeireden. Aber man kann versuchen, es zu organisieren.

Wie das?

Zum Beispiel mit einer Art heiligen Stunde, in der sich Eltern und Kind jeden Tag zusammensetzen und bei einem Eis oder einer Tasse Cappuccino miteinander reden. Wenn genug Vertrauen aufgebaut ist, rückt das Kind damit heraus, wenn etwas Bedrohliches in seinem Umfeld geschieht. Und dass Würgen bedrohlich ist, wissen Kinder.

Warum machen es einige trotzdem zum Spiel?

Kinder haben ein Bedürfnis nach rauschhaften Zuständen - nach allem, was nicht Realität ist. Neu ist das nicht.