Wolfach

Melanie Wick hört nach elf Jahren auf

von Evelyn Jehle und Melanie Steitz

Wolfach-Halbmeil - Droht der Erfolgsgeschichte der ganztägigen Ferienbetreuung in Wolfach jetzt das Schlusskapitel? Der hiesige Ortsverein der Arbeiterwohlfahrt (Awo) hat die vergangenen elf Jahre das Programm ehrenamtlich bewerkstelligt. Doch die Zukunft ist ungewiss.

Awo-Vorsitzender Manfred Maurer sorgte logistisch für die Organisation und Melanie Wick plante und leitete das gesamte pädagogische Angebot der Betreuung. Nun stellt sich die Sozialpädagogin neuen beruflichen Herausforderungen. Eine adäquate Nachfolge ist laut Maurer aber nicht in Sicht. Seiner Meinung nach erfordert die Situation eine grundsätzliche Neuausrichtung der personellen Struktur.

Das findet die Awo: "Wir kriegen kein Personal und schon gar nicht zu den bisherigen Konditionen", erklärte Maurer. Eine Umstellung vom Prinzip Ehrenamt auf Vollpersonal könne von dem kleinen Awo-Ortsverein nicht geleistet werden.

Bisher sind die bereits entstandenen Defizite aus Mitteln der Landessammlung finanziert worden. Diese finden aber laut Maurer aus Mangel an Kollektoren nicht mehr statt. Das Hauptproblem indes ist seinen Worten nach jedoch, qualifiziertes Personal zu akquirieren. Das sagt die Betroffene: Bereits seit Ende vergangenen Jahres ist die Stadt Wolfach über den Stand der Dinge informiert. Im Februar wurde nach Kenntnis von Wick in nicht-öffentlicher Sitzung die von ihr ausgearbeitete Hochrechnung der vermutlichen Kosten einer Fachkraft im Gemeinderat vorgestellt. Auf eine Rückmeldung warten die Organisatoren bis heute. "Wünschenswert wäre für uns eine Positionierung der Stadt, ob überhaupt und wenn ja, in welchem Umfang sie sich einbringen will", formulierte Wick die schwebende Sachlage.

Das sagt die Stadt: In der Sache sei es seinerzeit um eine Voranfrage hinsichtlich der Bereitstellung städtischer Personalstellenanteile für die Awo-Ferienbetreuungen ab dem Jahr 2019 gegangen, teilt Bürgermeister Thomas Geppert dem Schwabo mit. Der Gemeinderat der Stadt habe dies jedoch aus Kostengründen abgelehnt. Die damals vorsprechenden Personen seien aber nach besagter Ratssitzung von der Verwaltung telefonisch über den Beschluss informiert worden, widerspricht Geppert dem Vorwurf der Organisatoren.

Die bisherigen städtischen Unterstützungsleistungen für das Awo-Programm, zum Beispiel die Bereitstellung des Biesle-Areals und Aufräumarbeiten des Bauhofs, werden weiterhin gewährt. Zudem, so Geppert, sei auch die Bereitschaft zur Hilfe der Awo signalisiert worden, falls sich bis Herbst 2018 keine anderweitige Lösung abzeichnet, zum Beispiel über Sponsoring oder Ähnliches.

So reagieren die Eltern: Viele der Eltern von Ferienkindern seien aus allen Wolken gefallen, als Wick ihnen ihre berufliche Veränderung mitteilte. "Die Eltern dachten, ich sei angestellt für die Ferienbetreuung", erzählte die dreifache Mutter im Gespräch mit dem Schwabo. All die Jahre habe sie sich jedoch ehrenamtlich bei der Awo eingebracht und nun die Chance auf einen unbefristeten Arbeitsvertrag im öffentlichen Dienst ergriffen.

Ab September wird die 41-Jährige an den Beruflichen Schulen (BS) in Wolfach die Stelle als Schulsozialarbeiterin antreten. Gern sei sie aber bereit, einem neuen Team Starthilfe zu geben.

So lief es aber bisher: "Eine größere finanzielle Beteiligung der Stadt oder auch eine Personalgestellung ist nicht vorgesehen", stellt Geppert indes klar. Sofern ein Defizit durch die Awo nicht mehr aufgefangen werden kann, müssten im Dialog andere Wege für die Ferienbetreuung gesucht werden, zum Beispiel eine Anpassung der elterlichen Kostenbeteiligungen, schlägt er vor. "Es handelt sich immerhin um eine nicht unbeachtliche Dienstleistung, die bislang seitens der Awo-Verantwortlichen auf nahezu ›Ehrenamtsbasis‹ geleistet wird", erläutert Geppert.

Die Stadt verknüpft eine künftige, mögliche Schulentwicklung (wir berichteten) zunächst auch nicht mit der gefährdeten Ferienbetreuung. "Die Schulsozialarbeitsstellen in Wolfach sind und waren nicht vakant", rechtfertigt er die Tatsache, dass Wick nicht anderweitig als bezahlte Pädagogin von der Stadt verpflichtet wird. Eine personelle Aufstockung sei auch im Bereich der Randzeiten- und Mittagsbetreuung der Herlinsbachschule –­ gegebenenfalls unter Einbeziehung einer Ferienbetreuung anstelle der Awo – "derzeit nicht angedacht", so Geppert.

Das bleibt das Problem: "Unter der Regie der Awo braucht’s Fachpersonal", stellte Maurer kategorisch fest. Ohne ein qualifiziertes Team ist die Betreuung von 60 Kindern, wie aktuell am Biesle, seiner Meinung nach nicht verantwortbar. Zudem schätzt er, dass der Betreuungsbedarf von sechs- bis elfjährigen Kindern aufgrund gesellschaftlicher Veränderungen zukünftig noch steigen wird.

"Viele berufstätige Eltern geben bereits einjährige Kinder in eine Krippe und richten ihre weitere Lebensplanung darauf aus, dass der Nachwuchs in jeder Altersstufe auch in den Ferien eine Betreuung findet", sagt Maurer. Er sieht die Ganztagsbetreuung rund ums Jahr als unverzichtbaren Bestandteil der Infrastruktur einer lebendigen Kommune.

Das ist die Vision: Idealerweise beteilige sich die Stadt bei der Ak­qui­rie­rung von qualifiziertem Personal und dessen Finanzierung. Vorstellbar sind für Maurer betreuende Personen aus Berufsfeldern der Sozialarbeit, Jugend- und Heimererziehungspfleger, Erzieher und Ähnlichem. Er und Wick sind sich einig, dass mit der Ferienbetreuung etwas "Tolles" aufgebaut wurde und der Fortbestand des Erreichten gesichert werden sollte.

Kommentar

Eine Freizeitaktion, die so beliebt ist, wie die Abenteuerwochen am Biesle, muss erhalten bleiben. Alles andere wäre destruktiv. Was Manfred Maurer und Melanie Wick elf Jahre mit größter Hingabe aufgebaut haben, steht nun auf dem Prüfstand. Wick hat all die Zeit gegen eine Aufwandsentschädigung für die saisonale Awo-Ferienbetreuung gearbeitet. Solche Menschen wie Wick kann man mit der Lupe im Heuhaufen suchen. Wenigstens bleibt sie der Region durch ihre neue Stelle an den Beruflichen Schulen erhalten, wo ihre Arbeitskraft auch angemessen bezahlt wird. Ein solches Betreuungsmodell auf ehrenamtliche Beine zu stellen, ist fraglich. In Wolfach hat es aber elf Jahre lang perfekt funktioniert. Der enorme Ansturm der Eltern auf die Betreuungsplätze für die Sechs- bis Elfjährigen, die in Wolfach sonst keine Alternative besuchen können, gibt den Organisatoren recht. Natürlich ist es kein primäres Angebot der Stadt, allerdings schmückt sie sich in gewisser Weise auch damit. Sie verlässt sich darauf, dass die Awo diese Fürsorgefunktion wahrnimmt. Durch Wicks Fortgang kann die Ortsgruppe das Angebot nun allein nicht mehr stemmen. Eine gemeinsame Lösung mit der Stadt muss her. Die Verantwortlichen wissen nicht erst seit gestern von dem Problem. Für berufstätige Eltern ist es keine gute Nachricht, sollte der Alptraum wahr werden. Ein Wegfall des Angebots würde bedeuten, dass für junge Familien vor Ort ein Stück weit Lebensqualität schwindet.

Die Ursprünge der ganztägigen Ferienbetreuung liegen in von Arbeitsgemeinschaften vor rund 13 Jahren ermittelten Analysen und Auswertungen der Situation von Wolfacher Familien in der Ferienzeit. In den Arbeitsgemeinschaften wirkten Vertreter aus der städtischen Verwaltung, Gemeinderat, Vereine, Kindergärten und Eltern mit.

Als Ergebnis der intensiven Analysen stellte sich heraus, dass vor allem für die Altersgruppe von sechs bis elf Jahren keine passende Ganztagsbetreuung in den Ferien existierte. Diese Lücke wurde mit der ganztägigen Ferienbetreuung geschlossen. Das Erfolgsmodell in Wolfach wurde Vorbild für mehrere andere Orte im Ortenaukreis.

Das Angebot der Awo umfasst die Betreuung von sechs bis elf Jahre alten Kindern für jeweils ein oder zwei Wochen, montags bis freitags, von 8 bis 16.30 Uhr in den Oster-, Pfingst- und Herbstferien in den Räumen der Herlinsbachschule oder in den Sommerferien am Biesle.