Wolfach

"Königin hat falsche Entscheidung getroffen"

von Evelyn Jehle

Meist werden sie erst im August als lästig wahrgenommen, wenn sie sich auf Zwetschgenkuchen und Co. setzen. Die Rede ist von Wespen, die auf der Skala der Unbeliebtheit ganz weit oben stehen. Doch in Halbmeil haben sie schon früher zugeschlagen.

Wolfach -Halbmeil. Während Bienen wegen ihrer Honigproduktion eher von der Bevölkerung akzeptiert werden, können sich Wespen glücklich schätzen, wenn sie am Leben gelassen werden. Dabei sind sie besser als ihr Ruf und vor allem im Naturhaushalt unentbehrlich, sagt Lothar Krikowski (76), Naturpädagoge vom BUND Ettenheim. Er arbeitet ehrenamtlich für die Untere Naturschutzbehörde des Landratsamts Ortenaukreis und setzt sich seit 20 Jahren als Fachberater für eine veränderte Einstellung gegenüber den Wespen ein. Seine Tätigkeit umfasst Beratungen, Sicherung von Wespennestern und – wenn es gar nicht anders geht – auch deren Umsiedlung.

Der Schwabo durfte Krikowski bei einer Wespennestsicherung begleiten. Er wurde von einer Familie aus einem Ortsteil von Wolfach um Hilfe gebeten, weil sich in ihrem Garten ein Wespenvolk in einem verlassenen Mauseloch niedergelassen hatte.

Seit März 2010 unterliegen alle wildlebenden Tiere, also auch Wespen, dem allgemeinen Schutz des Bundesnaturschutzgesetzes. Auf das Fangen, Verletzen oder Töten von Wespen sowie Beschädigung oder Zerstörung ihrer Fortpflanzungs- oder Ruhestätten stehen empfindliche Bußgelder. In Baden-Württemberg sind dies bis zu 15 000 Euro und bei besonders geschützten Arten wie Hornissen und Hummeln bis zu 50 000 Euro.

"Da hat die Königin ja eine ganz falsche Entscheidung getroffen", stellt der Fachberater bei der Begutachtung des Nestes im Wolfacher Garten fest. Seiner Meinung nach dürfte eine Sicherung des Nests ausreichen, um den Sommer über ein Miteinander von Wespen und Menschen zu ermöglichen. Im Herbst hat sich laut Krikowski das Problem erledigt, denn spätestens dann sterben die Tiere.

Einsätze bis nachts

"Es ist kontraproduktiv, hinterher aufzuräumen, denn alte Nester werden nie mehr neu besiedelt", rät der erfahrene 76-Jährige. Die Einsätze des in Ringsheim wohnenden Fachberaters finden vom späten Nachmittag bis zum Einbruch der Dunkelheit statt, vor allem bei Nestsicherungen, wenn die Wespen sich zur Ruhe begeben.

Schornstein errichten

Nach der Begutachtung des Exemplars im Mauseloch entscheidet er sich für dessen Sicherung durch das Errichten einer Art von Schornstein, um die Ein- und Ausflugsschneise der Insekten rund zwei Meter höher zu legen. Damit wird ein versehentliches Hineintreten verhindert und die Stelle ist auch gut sichtbar für die Kinder der Nachbarsfamilie.

Zunächst markiert der Fachberater die Größe des Schornsteins mit Metallstangen, die in den Boden getrieben werden. Durch die Erschütterung werden die Wächterinnen aufgeschreckt, die nach der Ursache der Störung suchen.

Krikowski ist gut ausgerüstet mit Schutzkleidung und betont, dass er dringend von einer Umsiedlung oder gar Zerstörung eines Wespennests auf eigene Faust abrät. Erstens stehen die Tiere unter Naturschutz und zweitens ist es gefährlich, ein Wespennest selbst zu entfernen: Die Insekten verteidigen ihr Heim und stechen zu. Eindringlich warnt er vor Gifteinsätzen, denn die hochtoxischen Mittel bergen für Menschen ebenfalls ein hohes Risiko.

Laut Paragraf 44 des Bundesnaturschutzgesetzes (BNatSchG) gelten Hornissen, Hummeln, Wildbienen und Waldameisen als besonders geschützte Tier- und Pflanzenarten. Die Befreiung von den Geboten und Verboten dieses Gesetzes kann auf Antrag gewährt werden, wenn es aufgrund von überwiegenden, öffentlichen Interesses, einschließlich solcher sozialer und wirtschaftlicher Art, notwendig ist oder die Umsetzung der Vorschriften im Einzelfall zu einer unzumutbaren Belastung führen würde und die Abweichung mit den Belangen von Naturschutz und Landschaftspflege vereinbar ist.

Jagd auf Schädlinge

Bis wieder Ruhe einkehrt im Wespennest, bleibt Zeit für weitere Infos über die Insekten. "Wespen sind Jäger und ernähren ihre Brut hauptsächlich mit Eiweißnahrung in Form von erbeuteten Insekten wie Stechmücken, Fliegen, Raupen. Damit übernehmen sie die wichtige Aufgabe der natürlichen Schädlingsbekämpfung", erklärt Krikowski und ergänzt, dass erst die erwachsenen Tiere Kohlenhydrate benötigen. Er weiß aus seiner jahrzehntelangen Erfahrung heraus viele spannende Geschichten zu erzählen und mit der Zeit stellt sich wirklich eine andere Sichtweise zu den Wespen ein.

Das "geheime" Bienen- und damit auch Wespen- und Hornissensterben durch den umstrittenen Unkrautvernichter Glyphosat geht nach Ansicht von Krikowski weiter. Die EU-Kommission habe die Europa-Zulassung für weitere 18 Monate genehmigt und jetzt gehe es um eine Verlängerung von zehn Jahren.

Unterschriftenaktion

Abgesehen davon, dass die Bienen ihr Erinnerungsvermögen durch das Mittel verlieren, kam die Internationale Krebsforschungsagentur (IARC) zum Schluss, dass Glyphosat beim Menschen wahrscheinlich krebserregend ist. "Durch eine Million Unterschriften von EU-Bürgern, die gegen die Verlängerung der Zulassung des Mittels sind, muss sich die Kommission mit dem Thema beschäftigen", führt der Fachberater aus. Er könne die Landwirte verstehen, aber es müsse einfach mehr Druck gemacht werden, andere Mittel zu entwickeln.

Mittlerweile ist es richtig dunkel geworden und mithilfe einer Taschenlampe drapiert Krikowski eine Plane um die Metallstangen herum. Anschließend wird ein Teil der Plane als Schürze am Boden mit Steinen beschwert. Derweil ist es spät geworden und bis Krikowski heim kommt, wird es Mitternacht. Das sei meistens so, meint der Fachberater gelassen und packt seine Ausrüstung zusammen.

Weitere Informationen: Zuständig für das Kinzigtal ist die Untere Naturschutzbehörde des Landratsamts Ortenaukreis, für die der Experte Lothar Krikowski tätig ist. Bei Bedarf ist der Fachberater unter Telefon 07822/47 14 und per E-Mail an lothar.krikowski@bund.net erreichbar.