Winterlingen

Rebellen sind erwachsen geworden

von Beatrix Müller

Eine instrumentale Zeitreise hat "Wendrsonn" beim Auftritt auf der Kleinkunstbühne K3 mit dem Publikum unternommen: altbekannte Stücke, ganz neue Seiten.

Winterlingen. "Wendrsonn" will erwachsener werden: durch ernstere Stücke, weg vom Rockigen hin zum Folk. So feurig wie die schwäbische Wintersonne, so feurig sind die Songs – und die Stimmung – beim Auftritt der Folkband auf der Kleinkunstbühne K3. Vor allem der junge Schlagzeuger Heiko Peter verausgabt sich bei seinem rasanten Spiel derart, dass er auf Wunsch des Publikums sein Shirt auszieht, und erobert die Herzen der Besucher mit seinem großartigen Können – in sein Solo baut er den Notenständer, den Boden und weiteres mit ein und erntet tosenden Applaus.

Markus Stricker, Gründer, Songwriter und Sänger der Gruppe, punktet mit Komik, die an Otto Waalkes, und mit Tempo, das an das Rumpelstilzchen erinnert. Stricker kommt gerne nach Winterlingen, wie er betont – gerade weil er in der Unterkunft im Nachbarort keinen Handyempfang hat, und überhaupt mag er die Mentalität der Menschen dort, die Ehrlich- und Aufrichtigkeit, die er in der Stuttgarter Gegend eher vermisst.

In einer instrumentalen Zeitreise erinnert er an alte Filme wie "Lassie" und "Winnetou", wobei sich orientalisch anmutende Klänge und Trommelschläge abwechseln. Das Lied "Bucklichs Male" erzählt von einem Buckligen, der anderen immer zuvorkommt. Traurig mutet hingegen "Ninna Nanna" an, das in einem ebenso traurigen Wiegenlied endet: Das vierjährige Mädchen eines italienischen Wanderarbeiters ertrinkt, und der evangelische Pfarrer weigert sich, das katholische Mädchen auf evangelischem Boden zu begraben – das Thema ist heute, in anderer Form, so aktuell wie eh und je. Eine gehörige Portion Kritik steckt auch im Rebellensong "Widelewedele", der das Publikum in die Zeit der Bauernkriege entführt und thematisiert, wie schwer es ein "Reig’schmeckter" – der Feind, der die Inzucht unterbricht – hat.

Den "Teufelsgeiger" Klaus Marquardt bezeichnet Stricker als "Bombenleger" und erklärt, dass das früher ein Kompliment gewesen sei für jemanden, der alles richtig mache. Biggi Binder überzeugt mit ihrem Waschbrett-Grove als Sängerin, Keyboarderin und Piccolo-Flötistin. Micha Schad und Stricker wechseln im Minutentakt die Gitarren, und Ove Boschs Solo "Bettsoicherle" rührt die Zuhörer fast zu Tränen dank Marquardts genialem Violinenspiel.

Neu im Repertoire ist der Song "Will hoim", ein Hasslied auf die "schlimmsten Autofahrer": Esslinger, Ludwigsburger und Künzelsauer. An Pink Floyd erinnert das Instrumentalstück "Traum" mit blauem Hintergrund und Micha Schads hellblau strahlender E-Gitarre.

Die schwäbische Band verlässt damit die Straße des Rock und bewegt sich – noch stärker als bisher – Richtung Folk, von witzigen hin zu ernsten Themen. Vielleicht hat der Song "Alter Sack" den sechs Musikern zu dieser Einsicht verholfen. Ohne Zugaben – drei an der Zahl – lässt das stehend applaudierende Publikum "Wendrsonn" nicht von der Bühne: "Es schneielalet" passt zwar nicht mehr ganz zur Jahreszeit, selbst in Winterlingen nicht, "Schlotzer" hingegen schon, und an "Babba" hätte selbst Janis Joplin ihre wahre Freude gehabt – vor allem, als Biggi Binder die Original-Version mit brillanter Stimme singt.