Wildberg

Gegen Bebauung: Anwohner gehen auf Barrikaden

von Martin Bernklau

Wildberg - Sie meinen es ernst mit ihrem Protest, die Anwohner des Sulzer Wegs am Wächtersberg. Dort sollen neun Bauplätze erschlossen und Wald gefällt werden.

Auch die Stadt nimmt das ernst. Bürgermeister Ulrich Bünger hatte Regionalverbands-Vize Thomas Bahnert als Moderator gewonnen. Zwölf Stadträte kamen auch zum Ortstermin.

Rund 40 Anwohner hielten geschlagene zwei Stunden stehend durch am Parkplatz vor dem Wäldchen am Wächtersberg, das einer Bebauung weichen soll – ebenso die Gegenseite, die aus dem Bürgermeister, Stadtbaumeister Arthur Sadlers sowie zwölf Mitgliedern des Gemeinderats bestand. Vom Forst war Revierleiter Lutz Endres gekommen, früher selbst Stadtrat. In der Mitte moderierte der stellvertretende Direktor des Regionalverbands das Ortsgespräch, für das sich die Beteiligten auf die Besprechung von neun Streitpunkten geeinigt hatten.

Klagen über rücksichtslose Autofahrer

Neben dem drohenden Verlust des Wäldchens schälte sich sehr schnell ein zweites Hauptthema heraus, das auf den ersten Blick nicht besonders viel mit neun zusätzlichen Einfamilienhäusern zu tun hat: die Verkehrsbelastung an der verkehrsberuhigten, aber von 1700 Autos täglich (auch als geschickte Durchgangsstraße) genutzten Sulzer Straße. "Das ist hier doch die A 81!", schimpfte eine Aktivistin über rücksichtslose Autofahrer. Rund 300 Nachbarn haben die Protest-Petition der Bürgerinitiative unterschrieben. Die Stimmung war geladen und gereizt, stellenweise sogar giftig.

Die Anwohner sind auch deshalb so sauer, weil sie – bis zu einer Änderung der Bundesgesetze zur Förderung des Wohnungsbaus – nicht damit rechnen mussten, dass der Wald zwischen den Baugebieten Lindach I und II nach geltendem Flächennutzungsplan bebaut würde. Zumal ein kleinerer Teil des Streifens von 1,3 Hektar bisher auch als Landschaftsschutzgebiet ausgewiesen war. "Man konnte von Nichtbebauung ausgehen", beklagte der Wächtersberg-Anwohner Andreas Humboldt, was ihm der Regionaldirektor und der Bürgermeister ("nach damaliger Rechtslage") bestätigten.

Die Nachbarn fürchten um ihr kleines Naherholungsgebiet, um das Kleinklima und die Ruhe. Sie sehen mehr Verkehr und weniger Parkplätze sowie Baulärm und Behinderungen auf sich zukommen. Vor allem aber soll der Wald nicht fallen. Das Landratsamt als untere Naturschutzbehörde hatte in einem Gutachten vom vergangenen November zwar durchaus schützenswerten Baumbestand festgestellt, aber keine Tierarten mit Schutzbedarf. Es sah "keinen gravierenden Verlust" in einer Rodung, wenn von der Stadt Ausgleichsflächen ("Waldrefugien") ausgewiesen würden. Als Moderator Bahnert das berichtet hatte, warfen ihm einige Umstehende Parteilichkeit vor.

Befall durch Eichenprozessionsspinner

Revierleiter Lutz Endres wies auf viele Totholzäste und den Befall durch den allergenen Eichenprozessionsspinner hin: "Den Eichen geht’s da nicht gut." Mit blauen Schrägstrichen habe man die vielen kranken und absterbenden Bäume gekennzeichnet. "Von diesem Wald bleibt sowieso nicht viel", sagte der Forstbeamte.

Unmut und heftige Einwände – "man kann doch im November kein Waldgutachten machen!" – gab es dagegen vonseiten der Anwohner. Man fälle "einen letzten Stadtwald", mit vielen Vögeln und Fledermäusen und "schönen Bäumen". Das sei ein Verlust, den man ausgleichen müsse, räumte Bürgermeister Bünger ein. "Aber der Eingriff wäre zulässig", sagte er. "Wir tun nichts Rechtswidriges." Er zeigte auch Verständnis für die Enttäuschung der Anwohner. Sie seien aber nicht hintergangen worden, sondern die Rechtslage habe sich wegen der Wohnungsnot geändert und ermögliche nun eine – für die Stadt kostengünstige – Erschließung dieser neun neuen Bauplätze.

Zu Hinweisen auf andere freie Baugrundstücke sagte der Rathauschef, man könne die Besitzer von "stadtweit 250 baureifen Grundstücken, die nicht auf dem Markt sind", kaum zum Verkauf oder zur Bebauung zwingen. Man habe aber "Versuche gestartet und Eigentümer angesprochen".

Als der Gemeinderat Günther Landgraf von der Grünen-Fraktion nach seiner Meinung zum ökologischen Verlust dieses Waldes gefragt wurde, entgegnete er, als Grüner sei er "froh, dass wir als Gemeinderat so ein Stück als Bauland anbieten können, das so wenig ökologische Probleme macht". Als ihm daraufhin höhnische Rufe entgegenschallten ("Auch so ein Ja-Sager!"), sah sich der Bürgermeister genötigt, die Räte in Schutz zu nehmen: "Ich dulde auch hier keine solchen persönlichen Angriffe auf gewählte Gemeinderäte, die nur ihre Meinung sagen!", rief er.

Moderator Bahnert gelang es aber, die zwischenzeitlich kippende Stimmung immer wieder einzufangen. Er nannte in seiner Zusammenfassung des Streitgesprächs neben vielen weiteren Details eine wirksamere Verkehrsberuhigung als wichtigen Wunsch der Anwohner und hielt die Zusagen der Verwaltung fest: das Naturschutzgutachten noch einmal überprüfen zu lassen, ebenso wie die Qualität des nahen Spielplatzes und die Sicherheit für Schulkinder an der Bushaltestelle nebenan. Für die Anwohner appellierte Silvia Schneider an die anwesenden Stadträte: "Gehen Sie bitte mal durch unseren Wald, bevor Sie entscheiden!"