Waldachtal

Jubiläum: Fischer-Dübel feiert 60. Geburtstag

von Michael Ossenkopp

Waldachtal - Der Spreizdübel von Fischer revolutionierte die Baubranche. Nun feiert er seinen 60. Geburtstag: Am 7. November 1958 meldete Artur Fischer ein Patent auf seinen Plastikdübel an. Heute werden rund 14,5 Mio. der kleinen Stopfen pro Tag produziert.

Vor der Erfindung des Dübels war es schwierig, Dinge an Wänden oder Decken zu befestigten. Es wurden Löcher gebohrt oder mit dem Meißel geschlagen, mit Mörtel ein Stück Holz eingemauert, um dann Schrauben einzudrehen. Ein Spreizdübel hingegen klemmt sich mit der Schraube fest. In der Patentschrift 1097117 umschrieb Artur Fischer seine Erfindung so: "Der über einen Teil seiner Länge geschlitzte, zylinderförmige, aus zähem und alterungsbeständigem Kunststoff hergestellte Spreizdübel weist an seinem hinteren Ende eine Bohrung zum Einführen einer Befestigungsschraube auf, während er vorn am Dübelumfang mit sägezahnförmigen Einschnitten versehen ist." Dazu reichte er ein dreiseitiges, mit sechs Abbildungen versehenes Dokument ein.

Zwar war der kleine Plastikstopfen nicht gänzlich neu, dennoch sollte er weltweit vor allem das Leben von Handwerkern erleichtern. Denn die bis dato existierenden Dübel boten nur unzureichend Halt. Ihre Verwendung war zudem kompliziert – ein besserer Dübel musste her. "Das erste Exemplar habe ich aus einem Stück hochwertigem Nylon gefeilt", erinnerte sich Fischer später. Als er seine Erfindung in eine Wand haute, konnte er sie auch mit größter Kraftanstrengung nicht mehr entfernen. Da wurde ihm klar: "Das ist es!"

Der Kunststoff frisst sich förmlich in die Wand

Im Jahr 1910 engagierte das British Museum den Londoner Handwerker John Joseph Rawlings, um möglichst schonend neue Elektro-Kabel zu verlegen. 1911 beantragte er ein Patent auf einen von ihm entwickelten Metalldübel. Nach Erteilung des Schutzrechts wurden sie bald massenhaft industriell gefertigt. Für heutige Verhältnisse eher ungewöhnlich bestanden sie aus einer Hanfschnur. Tierblut als Klebstoff, schuf jedoch nur begrenzt Stabilität.

In Deutschland stellte 1926 die Hamburger Firma Max Langensiepen erstmals ihre "Upat-Kralle" zur Befestigung "in dünnen Platten" her. Auch sie hatte eine Blechhülle und eine Gewebeeinlage aus Hanfschnur. 1928 ließ der Ingenieur Fritz Axthelm – Gründer und Mitinhaber der Firma Niedax – ein Patent für einen "Hülsenspreizdübel" eintragen. Der Niedax-Dübel wurde zunächst aus Metall gefertigt und nach dem Zweiten Weltkrieg auch aus Kunststoff. Axthelm ist so vermutlich der Erfinder des Kunststoffdübels. Obwohl 1957 der Schwede Oswald Thorsman ein Patent für den ersten Kunststoff-Spreizdübel aus Nylon-Rundstäben erhielt.

Die Geburtsstunde des legendären grauen Fischer-S-Dübels schlug im Sommer desselben Jahres. Über Wochen hatte Fischer in seiner Werkstatt im Nordschwarzwald an einem zylinderförmigen Plastikstift gefeilt, ihn innen ausgebohrt, seitlich Sperrzungen und Schlitze eingefräst. Das Ergebnis machte schließlich den Unterschied aus: Sobald er eine Schraube in die Öffnung drehte, spreizte sich der Plastikdübel. Der nach außen drängende Kunststoff fraß sich förmlich in die Wand hinein und bot wegen seiner gezackten Form sowohl in harten wie auch in bröseligeren Mauern sicheren Halt.

Fischers späteres Patent beanspruchte nicht die Erfindung des Kunststoff-Spreizdübels für sich, sondern bezog sich auf dessen Form – das war die eigentliche Neuerung.

Die Plastikstopfen sorgen für rund drei Viertel des Umsatzes

Bereits 1948 hatte der gelernte Bauschlosser und Erfinder Artur Fischer ein Unternehmen in Tumlingen, das heute zu Waldachtal (Kreis Freudenstadt) gehört, gegründet. Der 1919 geborene Fischer galt als "Patentkönig", allein hierzulande hielt er 570 Patente, weltweit waren sogar mehr als 1100 auf seinen Namen registriert. 2014 erhielt er für sein Lebenswerk den europäischen Erfinderpreis. Er starb 2016 im Alter von 96 Jahren.

Im vergangenen Jahr beschäftigte die Unternehmensgruppe Fischer etwa 5000 Mitarbeiter, bei einem Jahresumsatz von 812 Mio. Euro. Im Jahr 1980 übernahm Artur Fischers Sohn Klaus das Familienunternehmen. Er ist heute Inhaber und Vorsitzender der Fischer-Holding.

Moderne Dübel aus Kunststoff oder Metall sind in verschiedenen Bauformen und Größen für die unterschiedlichsten Verwendungszwecke erhältlich. Je nach Material gibt es Varianten, mit Gipskarton-, Kipp-, Dämm-, Hohlraum-, Schraub- und Stabdübeln. Die schwäbische Firma ist zwar mit den kleinen Plastikstopfen berühmt geworden, doch längst stellt sie auch andere Dinge wie Becher- oder Telefonhalter für Autos, Brandschutzsortimente mit Abschottungen oder Kleber und Schrauben her.

Trotzdem sorgen die kleinen Plastikstopfen bis heute für rund drei Viertel des weltweiten Umsatzes. "Wenn wir unsere Produkte nicht international verkaufen würden, dann gäbe es uns heute gar nicht mehr", sagt Unternehmer Klaus Fischer. Der "kleine Graue" ist nach wie vor der meistproduzierte und meistkopierte Dübel auf allen Kontinenten. Fischer stieg in den vergangenen sechs Jahrzehnten zum Marktführer auf – und weltweit zum Synonym für Dübel-Technik. Das Erfolgsgeheimnis einer bahnbrechenden Idee brachte Artur Fischer einmal auf den Punkt: "Jede Erfindung muss der Menschheit dienen."