Villingen-Schwenningen

Wegen versuchtem Mordanschlag angeklagt

von Marc Eich

Schwarzwald-Baar-Kreis - Fünf Schüsse durchlöcherten am 27. Mai 2017 die Scheibe einer Kneipe in Hüfingen. Schütze war wohl einer der mutmaßlichen Köpfe der Drogenbande, der derzeit der Prozess gemacht wird. Wie kam es zu dieser Tat?

Fast zwei Jahre sind vergangen, seit ein lauter Knall an jenem Samstag gegen 5.22 Uhr den 34-jährigen Gastwirt und seinen Bekannten, die sich im Inneren des bereits geschlossenen Lokals befanden, aufschreckte. "Ich hab zuerst gedacht, dass eine Glühbirne geplatzt ist", so der Ex-Betreiber der Kneipe "H41" in der Hinterstadt. Doch es war keine Glühbirne – es handelte sich um den ersten von insgesamt fünf Schüssen, die aus einem Auto heraus auf den Gastraum abgegeben wurden.

Der 28-jährige Bekannte begriff als Erster die lebensbedrohliche Situation, zog seinen Kumpel hinter die Theke, während die Splitter des durchschossenen Fensters umherflogen. Die fünf Geschosse verfehlten die Beiden, doch der Schock saß. Dass diese Tat Teil eines Prozesses gegen eine mafiöse Drogenbande aus dem Kreisgebiet sein wird, konnten sie zum damaligen Zeitpunkt nicht ahnen. Aber dass so etwas ähnliches passieren wird, damit hatte zumindest der Gastwirt gerechnet. Doch warum?

Marihuana liegt auf Tisch

Vor Gericht erzählte er am Donnerstag völlig unerschrocken vor den Angeklagten die ihm beim Landgericht im Nacken saßen, von den Vorgängen, seit dem er erstmals auf Nicolo M. (50) und seinen Sohn Giacomo (26) traf. Der Donaueschinger Geschäftsmann Nicolo ist dabei einer der mutmaßlichen Köpfe der Bande, die Kontakte zur Mafia haben soll und die sich seit vergangenem Jahr in einem Mammutprozess vor dem Landgericht Konstanz verantworten muss.

Man habe sich mal in einem Pub kennengelernt, berichtet der Kneipier, darauf habe Giacomo ihm einen Job als Kellner in einem Gasthaus in Behla angeboten. Dicke Pakete mit Marihuana seien auf dem Tisch in den Räumlichkeiten über dem Gastraum gelegen, erzählt der 34-Jährige. Große Gedanken habe er sich darüber keine gemacht, schließlich sei er selbst Konsument. Das Angebot, selber zu dealen habe er aber nicht angenommen – obwohl es mit dem Job im Gasthaus nicht sonderlich gut gelaufen sei. Denn das Verhalten von Giacomo gegenüber den Gästen sei beleidigend gewesen und habe diese vertrieben.

Da kam es ihm gerade Recht, dass der Vater des 26-Jährigen ihm stattdessen anbot, die Kneipe "H41" in Hüfingen zu übernehmen. Was der 34-Jährige zunächst als gut gemeinte Geste auffasste, diente aber dem Geschäft von Nicolo. Dieser hatte im "H41" Spielautomaten aufgestellt, deren Umsätze seien direkt an ihn flossen. Der Gastwirt sah von diesem Geld offenbar nichts.

Es dauerte seinen Angaben zufolge nicht lange, bis jedoch Probleme mit Nicolo und seinem gesamten Clan an der Tagesordnung waren. Gepöbelt hätten sie, sobald sie die Bar betraten. "Wenn er getrunken hatte, war er aggressiv und hat immer wieder Leute geschlagen und auch mir Respekt-Schellen verteilt", so der "H41"-Betreiber.

Eines abends, als ein Gast von Nicolo M. den ihm zustehenden Gewinn aus dem Spielautomat haben wollte, sei die Situation eskaliert. Gläser und Aschenbecher seien umher geflogen, es sei zu Handgreiflichkeiten und Tritten gekommen – bis nach Aussage des Gastwirts ein Satz des 50-Jährigen fiel: "Ihr werdet nicht mehr ruhig schlafen können, bis ihr im Blut badet." Auch der Sohn habe dem 34-Jährigen mit dem Tod gedroht.

Anwohner berichteten im Vorfeld der Verhandlung im Gespräch mit dem Schwarzwälder Boten ebenfalls von zahlreichen Konflikten in der Bar. "Zu der Zeit habe ich das Haus immer verriegelt", so ein Nachbar gegenüber unserer Zeitung. Dann sei es eine Zeit lang ruhig gewesen – bis zu jenem Tag im Mai 2017, als plötzlich die Schüsse fielen. Abgefeuert, davon ist die Staatsanwaltschaft überzeugt, von Nicolo M. Der 50-Jährige habe sich zu der Kneipe chauffieren lassen, ihm sei ein Revolver gereicht worden, ehe er sich über den Fahrer gebeugt habe und in das Fenster schoss. Anschließend sei M. gemeinsam mit den Insassen im Auto geflüchtet.

Exempel statuiert

Knapp zehn Sekunden habe der Anschlag gedauert, berichtete ein Kriminalbeamter bei der Verhandlung. Das hätte die Auswertung der GPS-Daten des Tatfahrzeugs ergeben. Dieses wurde aufgrund der bereits laufenden Ermittlungen gegen die Drogenbande ohnehin schon observiert. Auf Innenraumaufnahmen seien laut Staatsanwaltschaft zudem die Schüsse zu hören. Auch deshalb könne man die Tat genau nachvollziehen.

Doch warum die Schüsse gegen den 34-Jährigen, der mit den Drogengeschäften nichts am Hut hatte? Nach Angaben von Staatsanwalt Joachim Speiermann habe es Nicolo M. wohl darüber hinaus auf Kontrahenten der Drogenbande abgesehen, die im beschossenen Objekt in Hüfingen wohnten.

Möglich sei deshalb das Statuieren eines Exempels – sowohl gegenüber dem Gastwirt, als auch gegenüber der weiteren Widersacher. Eine Machtdemonstration, die deutlich mache, dass die Bande auch vor solchen Taten nicht zurückschreckte.

Die weiteren Verhandlungen und ein Vor-Ort-Termin sollen nun beweisen, dass Nicolo M. den Tod von Menschen billigend in Kauf nahm. Denn einer der Beamten machte bereits am Donnerstag deutlich: Das Licht im Gastraum ist von außen sichtbar gewesen. Der Schütze müsse also geahnt haben, dass trotz der späten Uhrzeit noch jemand in der Kneipe war.