Villingen-Schwenningen

Undercover-Polizist auf vier Pfoten

von Cornelia Spitz

Villingen-Schwenningen/Oberbaldingen - Ihre Namen sind geheim. Wenn es sein muss, sind sie lebende Waffen. Ihre Verwandten: Bello, Wuffi und Co. Aber Sondereinsatzhunde, wie der Vierbeiner, der den Schützen aus Oberbaldingen am Samstag überwältigte, sind besondere Exemplare ihrer Art.

Es muss den Polizisten, der den tapferen Polizeihund hält, unglaubliche Überwindung gekostet haben: Er wusste, dass sich in dem Gebäude ein bis an die Zähne bewaffneter Mann verbarrikadiert hatte. In diese Höhle des Löwen musste er seinen treuen Gefährten auf vier Pfoten schicken. Der hat den Mann überwältigt, so dass die Polizei ihn festnehmen und ein stattliches privates Waffenlager inklusive Handgranate und Kalaschnikov sicherstellen konnte.

Eigentlich also sollte dem Hund, wir nennen ihn im Folgenden Rex*, ein Orden oder mindestens aber eine öffentliche Extra-Wurst verliehen werden. Stattdessen: Schweigen. Keine Präsentation des tapferen Polizeihundes, keine Pressekonferenz mit dem Vierbeiner als Stargast, noch nicht einmal sein Name wird verraten.

"Das ist ein sehr effektives Mittel", sagt Polizeipressesprecher Harry Hurtz nur auf Anfrage unserer Zeitung und macht deutlich, dass bei der brisanten Art von Einsätzen, in denen man auf den besonderen Polizeihund setzt, jeder Faktor zählt: auch der Überraschungsfaktor, der dahin wäre, wenn Rex erst einmal PR-Karriere gemacht hat.

Ein bisschen hin und hergerissen ist dann auch Tino Schmidt bei unserer Anfrage. Er war 20 Jahre lang Diensthundeführer, davon 15 Jahre lang beim Spezial Einsatz Kommando, und hat selbst im Sondereinsatz schon auf seinen Begleiter vertrauen müssen. Nun bildet er aus – Zugriffshunde (wie jener, der am Samstag zugriff), Schutzhunde, Sprengstoff- oder Rauschgiftspürhunde, Fährtenhunde, Such- und Rettungshunde verlassen sein "Special-Dog-Center Schmidt" im sächsischen Waldheim.

Im April 2005 verwirklichte er das Pilotprojekt "Diensthund für Besondere Einsatzlagen" beim SEK Sachsen und wurde als Ausbilder und Prüfer für die Zugriffshunde der Südschiene, also in Österreich, der Schweiz und Teilen Deutschlands hinzugezogen, vielleicht ja sogar als Trainer von Rex. Heute arbeitet er mit diensthundhaltenden Behörden vor allem in Deutschland, der Schweiz, Österreich, Holland und sogar in Qatar zusammen. Kurzum: Schmidt weiß um die nötige Diskretion beim Thema, und lässt sich doch ein bisschen ins Nähkästchen blicken.

"Kampfmaschinen" seien Zugriffshunde nicht

Ja, Hunde wie Rex sind besonders. "Normale" Polizeihunde haben gemeinhin eine Schutzhundausbildung, SEK-Hunde eine "Lizenz zum Töten". Sie kommen noch vor der Schusswaffe, aber nur im absoluten Ernstfall und gegen Einzeltäter zum Einsatz, erzählt Schmidt. Vertreter von als "Kampfhunde" eingestuften Rassen können, aber müssen es nicht sein. Ein "stark ausgeprägter Beutetrieb, der in der Ausbildung in aktive Aggressionsbereiche zu kanalisieren ist", gehöre zwar durchaus zu den Eigenschaften, die ein solcher Hund mitbringen müsse, aber noch vieles mehr: Teamfähigkeit, Kon­trolle, gutes soziales Verhalten. "Dafür sind mehrere Rassen geeignet", häufig auch ein "Malinoi" – jene schnelle, unglaublich wendige Art des Belgischen Schäferhundes, die oft zu Unrecht in Verruf geraten sei. Nein, "Kampfmaschinen" seien Zugriffshunde nicht. Im Gegenteil, sie seien "sozial in Ordnung", lebten in der Regel integriert in die Familien ihrer Hundeführer, seien aber eben so gut abgerichtet, dass sie auf Kommando in der Lage seien, einen Täter wie den 62-jährigen Oberbaldinger zu überwältigen.

Angst, dass ein solcher Hund auch in einer Alltagssituation einmal durchgeht? "Nein", sagt Schmidt, und erzählt von den "non-verbalen" Kommandos, der knisternden Stimmung seines Umfeldes unmittelbar vor dem Einsatz, die ein solches Tier zu interpretieren wisse und es zwischen Ernstfall im Dienst und Alltag unterscheiden ließen.

Angst, das Tier zu verlieren? Schon. Der nächste Einsatz kann der letzte sein. Immer. Denn Hunde wie Rex würden nur im Bereich der "Schwerstkriminalität" eingesetzt: Kriminelle aufhalten, Geiseln befreien, Bombenleger entschärfen, so sehen Einsatzszenarios für Rex aus. "Man muss sich im Klaren sein, dass der Hund auch nicht wieder zurückkommen kann", weiß Schmidt. Er selbst habe noch keinen Hund im SEK-Einsatz verloren, aber viele seiner Bekannten. Ein schmerzlicher Verlust, nicht nur, weil ein fertig ausgebildetes Tier 10 000 bis 12 000 Euro koste, sondern weil es der beste Partner mit der kalten Schnauze ist, den sich ein Polizist nur vorstellen kann.

So wenig die Polizei über das Vorgehen im Einsatz nach außen dringen lässt, so viele Schilderuungen finden sich im Internet: "...hatten sich SEK-Herrchen samt Hund bis zur Wohnungstür des Mannes vorgepirscht. Der SEK-Beamte trug seinen Hund (...), damit das Tier sich ganz auf seinen Einsatz konzentrieren konnte und nicht durch Gerüche und Sekrete am Boden und an den Wänden abgelenkt würde", heißt es einmal. Ein andermal: "Im Einsatzfall, etwa beim Sturm auf eine Wohnung (...) entscheidet der Teamführer, ob das Tier mit oder ohne Maulkorb in die Räume gehen soll" und die Schilderung eines Berliner Beamten: "Nur bei gefährlichen Tätern kommt das Gebiss zum Einsatz".

Am Samstag musste Rex sogar kräftig zubeißen und so einen schwer bewaffneten Täter zur Strecke bringen. Dass es dafür weder Orden noch öffentliche Anerkennung gab, dürfte Rex ziemlich schnuppe sein, im Gegensatz zu den Streicheleinheiten und der Extrawurst vom Herrchen, die ihm gewiss sicher waren.

Weitere Informationen: *Name von der Redaktion erfunden