Villingen-Schwenningen

Tonnenschwerer Waggon tritt Reise an

von Birgit Heinig

Villingen-Schwenningen - Es ist eine etwas verrückte und erst auf den zweiten Blick sehr emotionale Geschichte, die am Donnerstag um 7 Uhr auf dem Gelände der Deutschen Bahn in der Lantwattenstraße in Villingen ihren Anfang nahm. Ein lange ausrangierter Güterbahnwaggon trat seine Reise nach ­Kappel-Gutachbrücke bei Titisee-Neustadt an.

Die Modelleisenbahnfreunde am oberen Neckar sind auf "verrückte Sachen" spezialisiert, haben sie doch mit 7000 Stunden Eigenleistung das ehemalige Volkschor-Sängerheim in Schwenningen zu ihrem Vereinsheim umgebaut. Dort stehen Bäume auf dem Bahngelände, die beim nächsten Sturm auf das Vereinsgebäude zu stürzen drohen.

Waggon steht auf Villinger Bahngelände

Mitglied Stefan Ade, zugleich Vorsitzender des Freundeskreises der Trossinger Eisenbahn, brachte dazu Robert Miketta aus Lenzkirch-Kappel ins Spiel, einen Polizisten, der im Nebenerwerb im Auftrag der Deutschen Bahn AG (DB) Bäume entlang der Bahngleise fällt. Der wiederum hat von der DB vor drei Jahren einen baufälligen Güterwaggon gekauft, der auf dem Villinger Bahngelände seinen sprichwörtlichen Dornröschenschlaf hielt – samt märchenhaft rankender Hecken darum herum.

Miketta hatte bereits vieles versucht, den Waggon in seine Heimatgemeinde zu holen – bisher vergeblich. Der 49-Jährige lebt mit seiner Familie in einem ehemaligen Bahnwärterhäuschen. Als Waise habe er Ausgrenzung, Einsamkeit und sogar Hunger erlebt, erzählt er, aber auch grenzenlose Dankbarkeit und Hilfsbereitschaft, die es ihm schließlich ermöglichten, seinen Platz in der Gesellschaft zu finden. Deshalb gebe er jetzt etwas zurück – eine ehemalige Bahnhofsgaststätte und zwei Bahnwärterhäuschen hat er bereits zu Unterkünften für Obdachlose umgebaut. Der Waggon nun soll, so die Idee, in ein Eisenbahnmuseum verwandelt werden.

Dieses soziale Engagement beeindruckte auch die Mitglieder der Modelleisenbahnfreunde am oberen Neckar. "Wir freuen uns, so einem Mann helfen zu können", sagen Vorsitzender Jürgen Hauser und Vermittler Stefan Ade. Besonders Vereins-Geschäftsführer Thomas Rees, Unternehmer und wie Miketta in schwierigen Verhältnissen aufgewachsen, setzte alles daran, den aufwändigen Transport zu ermöglichen. Nicht nur sein Kontakt zur Spedition Scheerer in Aichhalden (Kreis Rottweil), Spezialist für Sondertransporte, war dabei hilfreich, auch die Tatsache, dass dessen Geschäftsführer Patrick Kübler wie Miketta nach seiner Geburt zur Adoption freigegeben wurde, war das emotionale Band zwischen den drei Männern.

Der Rest war solide und gekonnte Handarbeit. Eine gute Stunde dauerte es, bis der zwölf Tonnen schwere Waggon reisefertig auf dem Tiefbettlager stand, eine weitere, bis er seinen Bestimmungsort in Kappel-Gutachbrücke erreicht hatte.

Transport von Polizeiwagen eskortiert

Etliche Modelleisenbahnfreunde ließen sich das Verladespektakel zu früher Stunde nicht entgehen. Eine Polizeibegleitung war zwar nicht vorgeschrieben, gleichwohl wurde der 4,4 Meter hohe und 22 Meter lange Sondertransport von zwei Polizeiwagen eskortiert. Hinter einem Steuer saß Thomas Rees, Sammler von amerikanischen Polizeifahrzeugen, Baujahr 1995. Noch mindestens einmal werden sich Robert Miketta und die Modellbähnler treffen – dann kommt der neue Waggonbesitzer mit seiner Kettensäge und bannt die Gefahr durch fallende Äste und Bäume auf das Vereinsgrundstück.