Villingen-Schwenningen

Sie hören zu, packen mit an und setzen sich ein

von Stefanie Böhm

"Die Jugendlichen geben die Arbeit vor", sagt Heidi Bartusch und lacht glücklich. Seit ihrem Praktikum während des Studiums sei die Motivation ihrer Kollegen auf die studierte Sozialpädagogin übergesprungen. Nun ist sie seit Oktober im Team der Mobilen Jugendarbeit Villingen-Schwenningen (MJA). Wer noch dahinter steckt? Martina Steppacher, Heidi Bartusch, Jana Thome und Steffen Helbig. Das Team setzt sich täglich mit Belangen der Jugendlichen und jungen Erwachsenen, Zielgruppe zwischen 14 und 27 Jahren, in Villingen-Schwenningen auseinander und bieten neben den Aufgaben der MJA auch unverbindliche und niederschwellige Beratungsgespräche an. Sie haben ein offenes Ohr, nehmen sich Zeit und packen mit an.

Die Aufgaben

Dass das nötig ist, zeigt sich immer wieder. Jugendliche, die Hilfe beim Bewerbungen sc hreiben brauchen, eine Wohnung suchen oder Unterstützung im beruflichen sowie privaten Alltag benötigen, finden bei den Vier Unterstützung. "Die Jugendlichen möchten die am besten gleich morgen oder heute Nacht", erzählt Steffen Helbig. Der Sozialpädagoge weiß, dass die Jugendlichen von heute eher zu Spontanität neigen. Deshalb sei ein breites Netzwerk nötig, um schnell und gezielt auf die Bedürfnisse reagieren zu können.

So nehmen die Vier auch ihre Arbeit in verschiedenen städtischen sowie fachübergreifenden Gremien wahr. Neben der Gemeinwesenarbeit setzen sich die Aufgaben der MJA auch aus der Gruppenarbeit, darunter Freizeitangebote von regelmäßigen Treffzeiten, Streetwork und der Einzelfallhilfe zusammen.

Der Wohnwagen

Tee trinken und ins Gespräch kommen – wenn der farbenfrohe Wohnwagen wieder durch die Doppelstadt rollt, wissen viele Jugendliche, wo sie auf offene Ohren treffen. Denn das Team bietet mit dem Wohnwagen zwei mal die Woche eine sichere Anlaufstelle für Jugendliche und junge Erwachsene. "Was würdest du machen?" – auch Fragen wie diese hören die Mitarbeiter dann oft. Doch im ungezwungenen Ambiente des Wohnwagens kann jedes Thema bei einer Tasse Tee oder verschiedenen Spielen zur Sprache kommen.

Neuerdings findet sich der bunte Wagen am Brigachufer Richtung Villinger Bahnhof. Der bisherige Standort beim H&M habe sich als nicht ergiebig erwiesen, bedauert Helbig. Neben einem sei der Standort zu einsichtig und offen gewesen. Und auch der Versuch auf dem Münsterplatz Villingen sei ungünstig gewesen. Der Standort in Schwenningen, zwischen C&A und City Rondell, habe sich hingegen etabliert. Um die 20 Jugendliche suchen den Wohnwagen pro Aktionstag auf.

Für Jugendliche, die sich eher an öffentlichen Plätzen aufhalten, biete Streetwork einen wichtigen Anker. Die Sozialarbeiter- und pädagogen gehen an jugendrelevante Plätze, kommen mit den jungen Erwachsenen ins Gespräch und bauen durch kontinuierliche Kontaktaufnahme ein notwendiges Vertrauensverhältnis auf, das für die Weiterarbeit unabdingbar sei. Doch mit den Jahren habe sich auch das Treffverhalten der Jugendlichen verändert, sagt Thome. Früher hätten sie sich den ganzen Tag an einem Ort aufgehalten – Smartphone und kurzfristige Planänderungen via Whats­App gab es nicht. Jetzt habe sich das Geschehen eher an halböffentliche Plätze wie etwa das Einkaufszentrum CityRondell oder den Müller Markt in Villingen verlagert, ergänzt Helbig – frei zugängliches W-Lan und Wärme seien gerade in der kalten Jahreszeit ausschlaggebend. Auch das Team geht mit der Zeit – Facebook, Instagram und WhatsApp nutzen die Vier, um etwa Verabredungen und Termine auszumachen, betont Bartusch.

Aus denen leiten sich oftmals auch private Gespräche ab, die es den Streetworkern ermöglichen Einzelfallarbeit zu leisten. Diese liege den ihnen besonders am Herzen. "Ich bin in Villingen aufgewachsen und kenne die Missstände von damals", erzählt Jana Thome. An der Arbeit schätze sie vor allem die Freiwilligkeit der Jugendlichen und jungen Erwachsenen.

Die Arbeitsprinzipien

Denn diese suchen aus freien Stücken die Unterstützung der MJA. "Wenn die Mutter bei uns anruft geht das nicht. Die Jugendlichen müssen von sich aus auf uns zukommen und entscheiden in welchem Umfang wir mit ihnen weiterarbeiten dürfen", stützt Heidi Bartusch ihre Kollegin. Die Sozialarbeiterin ist seit Oktober 2018 im Team und schätze, dass die Jugendlichen ihr die Arbeit vorgeben.

Sie bestimmen, über welche Themen sie sprechen möchten, in welchen Bereichen sie Unterstützung benötigen, und wie weit die Zusammenarbeit reicht. Denn Freiwilligkeit, Akzeptanz, Anonymität, Parteilichkeit und Transparenz sind wichtige Prinzipien der MJA, unterstreicht Helbig, der das Team ebenfalls als "Sprachrohr der Jugendlichen" versteht. Die können nämlich mit jeglichen Anliegen zu ihnen kommen. Das können neben persönlichen Belangen auch Ideen sein, die Stadt Villingen-Schwenningen attraktiver zu gestalten.

Die Projekte

Das dachten sich auch die Jungs vom Projekt Street Workout Park, dank deren Engagement, und das der MJA und der Stadt, nun der Calisthenics Park neben dem Jugendtreff Chilly steht. Die fünf Jugendlichen hatten die Idee und das Team der MJA die Möglichkeit, es auf den Weg zu bringen. Ziel sei es gewesen, ein kostenloses Sport- und Fitnessangebot anbieten zu können, dass von jedem öffentlich genutzt werden kann, und bei dem sich auch die sozial Schwachen körperlich fit halten können, ergänzt Thome die Beweggründe der Jungen.

Innerhalb von zwei Jahren gelang es ihnen zusammen, durch Sponsoren und Unterstützung der Stadt, das Projekt auf die Beine zu stellen. Jetzt wird der Park fast täglich genutzt. "Selbst abends, wenn es schneit", freut sich Thome, "es können Eiszapfen runter hängen, die trainieren trotzdem", ergänzt auch Helbig und lacht. Die Jugendlichen hätten realistische Ziele und Vorstellungen vom Leben, über eine Familie – das zeige auch das Kunst- und Fotografieprojekt "Was wäre wenn...?". "Wer bin ich", "Wo bin ich hergekommen?", "Wohin möchte ich?", um diese Fragen zu reflektieren, startete die MJA das Projekt mit Jugendlichen auch mit Fluchterfahrung oder Migrationshintergrund. Dabei durften sich die Teilnehmer eigene Szenen und Requisiten überlegen, passend zu einem Thema ihrer Wahl.

Auch eine Visagistin wurde für das Porträtshooting eingeladen. "Sie hat die Mädchen geschminkt. Manche haben angefangen zu weinen und sich selber schön zu finden", erzählt Helbig mit einem Strahlen im Gesicht. Denn das Shooting habe nicht nur ihr Selbstbewusstsein gestärkt, sondern zeigt auch mit den selbstausgewählten Themen in Ausstellungen, wie etwa in Einkaufszentren in Villingen-Schwenningen, dass die Jugendlichen auch Ziele und Wünschen haben, die sie verfolgen.

Das Team

"Wenn sich jemand nicht meldet, dann weiß ich, bei ihm l äuft es", erklärt Jana Thome ihre Motivation, täglich aufs Neue den Kontakt zu Jugendlichen zu suchen. Der studierten Sozialarbeiterin war sofort klar, dass sie in VS eine Stelle wolle. Vor zehn Jahren begann sie dann die Arbeit im Team der MJA.

Martina Steppacher schätze vor allem die Möglichkeit als Teil der MJA, die Interessen der Jugendlichen und jungen Erwachsenen zu vertreten. Die studierte Sozialpädagogin bereichert seit Oktober 2017 das Team.

"Viele kennen Jana und Steffen schon", erzählt Heidi Bartusch. Sie sehe, dass der Kontakt etwas gebracht habe und die Jugendlichen mittlerweile als Erwachsene mitten im Leben stehen. "Wenn ich höre, wie sie vor Jahren gelebt haben. Das hätte ich nie gedacht. Das ist schon eindrücklich", bringt sie ihre Freude zum Ausdruck. Auch Bartusch studierte soziale Arbeit und erhielt durch ein Praktikum Einblicke in die MJA. "Steffen seine Motivation, motiviert mich hier zu sein", verrät sie und lacht glücklich.

Der studierte Sozialpädagoge ziehe diese Motivation vor allem aus der Vielfältigkeit des Alltags. Die Projekte, Spontanität und Flexibilität wisse Helbig zu schätzen. Wenn ihn seine Schützlinge nach Jahren auf der Fastnachtsaktion im Wohnwagen besuchen, bereits verheiratet und mit Kindern an der Hand – das Wissen, dass sie es geschafft haben, mache ihn glücklich.

 Trägerschaft

Unter der Trägerschaft des Baden-Württembergischen Landesverband für Prävention und Rehabilitation gGmbH (bwlv) feierte die Mobile Jugendarbeit Villingen-Schwenningen 2017 ihr zehnjähriges Bestehen. Außerdem ist die MJA mehr als zehn Jahre Mitglied bei der Landesarbeitsgemeinschaft Mobile Jugendarbeit/Streetwork Baden-Württemberg e.V., die den Austausch über aktuelle Themen anregt und neue Ideen diskutiert.

 Personal

Alle Bereiche, darunter Villingen, Schweningen, Haslach/Wöschhalde sowie Goldenbühl, werden von allen Mitarbeitern gleichermaßen betreut.

 Jugendtreff Chilly

Seit der Eröffnung im Oktober 2010 zählt der offene Betrieb im Jugendtreff zu den zentralen Aufgaben im Stadtteil Haslach/Wöschhalde, Goldenbühl. Als zuverlässige Anlaufstelle bietet der Treff mit Tischkicker und Billard Jugendlichen die Möglichkeit zusammenzukommen und das Team besser kennen zu lernen. Die Öffnungszeiten sind Montag bis Mittwoch 17 bis 20 Uhr und Freitag 19.30 bis 23 Uhr.

 Der Wohnwagen

Auch mit der Wohnwagenaktion bietet das Team unverbindliche und niederschwellige Beratungsgespräche an. Der bunte Wagen ist in Villingen dienstags mittlerweile am Brigachufer Richtung Villinger Bahnhof von 17 bis 19 Uhr anzutreffen und in Schwenningen am Freitag beim C&A zur selben Uhrzeit.

 Weitere Projekte

Neben den genannten Projekten bietet die Mobile Jugendarbeit Villingen-Schwenningen viele weitere Aktivitäten an. Darunter die alljährlichen Nightsportaktionen sowie die Fastnachtsaktion, bei der das Team am Schmutzigen Donnerstag beim Irish Pub mit ihrem Wohnwagen eine sichere Anlaufstelle bietet. Außerdem gibt es Kochprojekte, bei denen sie sich mit den Jugendlichen durch die Kulturen kochen und auch eine Jugendfreizeit ist geplant. Tagesausflüge und weitere Projekte stehen bei der MJA an. Neuen Ideen steht das Team jederzeit offen gegenüber.