Villingen-Schwenningen

Sie erzählt gerne von Zeiten im Riegger-Weinstüble

von Birgit Heinig

Sie war die Gründerin und Wirtin des legendären "Riegger-Weinstüble" in der Niederen Straße in ­Villingen, das 24 Jahre lang auch Zunftstube für die Historische Narrozunft war. Mechtilde Lauinger wird morgen, Sonntag, 85 Jahre alt.

VS-Villingen. Ihr Großvater Johann Nepomuk Riegger legte mit seiner Küferei (Fassmacherei) in der Goldgrubengasse den Grundstein für das spätere Weinstüble und das heutige Unternehmen Wein-Riegger. Dessen Sohn Viktor, eines von 13 Kindern und Mechtild Lauingers Vater, entwickelte den väterlichen Betrieb entscheidend weiter. Er fügte der Küferei eine Mostbrennerei, eine Weinhandlung und eine erste kleine Weinstube hinzu. Sein Küfermeisterbrief stammt aus dem Jahre 1919 und hängt bei seiner Tochter an der Wohnzimmerwand.

Mechthilde Lauinger wuchs mit drei Geschwistern auf, besuchte ein Hauswirtschaftsinternat in Freiburg und half anschließend im elterlichen Betrieb mit. 1955 heiratete sie mit 22 Jahren Günther Lauinger, der mit der Gründung des Weinstübles 1973 immer an ihrer Seite war und mitarbeitete. Im Jahr 2000 starb er. An ihr Weinstüble erinnert sich die Jubilarin sehr gerne zurück. Sie lächelt versonnen, wenn sie von den vielen Stammgästen erzählt, von den Schülern, die bei ihr ihr allererstes Weinschorle schlürften, von der Fasnet, wenn man im Weinstüble fünf Tage lang nicht umfallen konnte, weil es so voller Gäste war. Hier entstand die Kneipenfasnet, hier pulsierte nicht nur an den hohen Tagen das Leben, und Mechtilde Lauinger, die selbst gerne ein Gläschen Ruländer trank, war immer mittendrin.

Die Gäste wollten einfach nicht nach Hause gehen

Vormittags kochte sie ihre legendäre Gulaschsuppe und schnitt unzählige Käsewürfel zurecht, nachmittags um 16 Uhr öffnete sie das Wein­stüble, und nicht selten überschritt sie unfreiwillig die Sperrstunde, weil die Gäste einfach nicht nach Hause gehen wollten. An zwei "hohe Herren der Stadt" erinnert sie sich schmunzelnd und freilich ohne deren Namen zu verraten, die den Heimweg trotz ausgeschalteten Lichts und hochgestellter Stühle nicht antreten wollten und von ihr und einer ihrer Bedienungskräfte weit nach Mitternacht mit sanfter Gewalt hinausbegleitet werden mussten.

Vier Kindern – drei Söhnen und einer Tochter – hat Mechtilde Lauinger das Leben geschenkt. Bei Erziehung und Betreuung sei ihr ihre Mutter Luise stets eine große Hilfe gewesen, sagt sie. Ihr Sohn Peter und später auch ihre Schwiegertochter Susanne arbeiteten im Weinstüble mit und übernahmen es 1988 komplett. Jetzt war es umgekehrt – die Seniorchefin griff ihren Kindern unter die Arme und war immer da, wenn man sie brauchte.

Doch die Zeiten und die ­Gewohnheiten der Gäste änderten sich. 2007 schloss das Weinstüble und öffnete nur noch zu besonderen Anlässen – an der Fasnet, für Geburtstags- oder Jubiläumsfeiern. Nachdem die Historische Narrozunft ihr Stüble in der eigenen Zehntscheuer eingerichtet hatte, schlossen Peter und Susanne Lauinger die Türen endgültig. Das sei ein ­trauriger Tag für seine Oma gewesen, weiß Enkel Sebastian Lauinger, der beim ­Interview hilft.

An der Fasnet mit Kindern und Enkeln in der Chaise unterwegs

Nach mehreren Schlaganfällen kann Mechtilde Lauinger nur noch mit großer Konzentration sprechen. Dabei spürt man ihren unbändigen Willen, den sie schon als Wirtin mit florierender Wein­stube an den Tag legte. Am Tag nach ihrem letzten Schlag­anfall, erzählt ihr Enkel bewundernd, schlug sie die Lernbücher für Artikulation auf und übte, übte, übte. Sie lebt in ihrem Elternhaus in der ­Niederen Straße mit Eingang von der Goldgrubengasse her, dort, wo man einst auch die mit schmiedeeisernen ­Verzierungen gerahmte Glastür zu "Rieggers Wein­stüble" passierte und ein paar Treppen bis zur Gaststube überwinden musste. Die sieht heute noch genauso aus wie damals, als sich hier die Gäste die Klinke in die Hand gaben. Manchmal finden darin heute noch Wein- und Whiskyverkostungen statt.

In ihrer Wohnung darüber hütet Mechtilde Lauinger unzählige Erinnerungen an vergangene Zeiten und zeigt einen Stammbaum her, der bis ins 16. Jahrhundert reicht. An der Wand baumelt eine Kanonenkugel aus dem Ersten Weltkrieg, die einst irgendwo in Villingen einschlug. Fast täglich kocht die 85-Jährige noch für mehrere Familienmitglieder, und an der Fasnet trifft man sich bei ihr, um die Häser anzulegen. Sie selbst hat früher als Alt-Villingerin nicht nur ihre Kinder, sondern auch die sieben Enkel in der Chaise durch Villingens Straßen geschoben.

Gegenüber dem Haus, wo einst alles begann, liegt heute die Hausbrennerei, in der die Edelbrände der Riegger-Selection entstehen. Ihr Brennrecht hat Mechtilde Lauinger inzwischen an die fünfte Generation nach ihrem Großvater, an ihre Enkel Christoph und Sebastian übertragen.