Villingen-Schwenningen

Selbstversuch: Mixed Martial Arts

von Beate Müller

Die Sportart ist in Deutschland entweder unbekannt oder umstritten: ­ Mixed Martial Arts (MMA) wird vor allem für seine Brutalität schnell in eine Schublade gesteckt. Doch ich urteile nicht über etwas, was ich nicht selbst ausprobiert habe. Deswegen schaue ich mir die Sportart nicht nur von den Zuschauerplätzen aus an, sondern ziehe mir tatsächlich die MMA-Handschuhe über und steige mit einer Horde durchtrainierter Kampfsportler in "Marco’s Free Fight Club" in Donaueschingen in den Ring.

Bei Mixed Martial Arts – auf deutsch gemischte Kampfkünste – werden die wirkungsvollsten Kniffe aus Boxen, Kick- und Thai-Boxen, Ringen, Brazilian Jiu-Jitsu und Judo angewandt, erklärt Marco Knöbel, Profi MMA-Kämpfer und Inhaber des Gyms. MMA ist ein ständiges Spiel aus Offensive und Defensive. Entgegen Behauptungen von Kritiker, MMA sei ein "No-Rules-Sport", gibt es ein strenges Regelwerk: So sind Kratzen, Beißen, Augenstechen, Haareziehen und Schläge auf den Hinterkopf und den Nacken nicht erlaubt. Obwohl der Schauplatz eines Wettkampfs, eine Art Käfig, dem Zuschauer den Eindruck vermittelt, bei einem Gladiatorenkampf zu sein, dient diese Umgebung der Sicherheit. Der Boden ist gepolstert, die Wände sind aus weichem Netz, niemand kann herausfallen.

"Klar ist Kampfsport mit einer gewissen Gewalt verbunden, doch ist es nicht aggressiv. Das Verletzungsrisiko beim Boxen ist beispielsweise höher, da die Angriffsfläche geringer, die Schläge auf den Kopf aber gezielter sind", erklärt Knöbel. "Beim MMA geht es nicht darum, den Gegner zu verletzten, sondern dominant zu kämpfen. Die Verletzungen bei einem Kampf sind der Nebeneffekt. Beim Training sollte das aber nicht vorkommen."

In dem Kampfsportstudio versammeln sich an diesem Abend rund 20 Hünen, meist größer und auf jeden Fall stärker und fitter als ich. Was ich auf den ersten Blick jedoch nicht erkennen konnte: Hier versammeln sich nicht etwa die Türsteher des Schwarzwald-Baar-Kreises, sondern ein Querschnitt der Gesellschaft: Polizisten, Schüler, Studenten, Kaufmänner, Mechaniker, Handwerker, Banker. Und eben ich, der mäßig sportliche Schreiberling, einzige Frau in der Männerrunde.

Schon das Aufwärmen hat es in sich: Eine Art Eieruhr taktet die Einheiten durch: Schattenboxen, Liegestützen, im Kreis rennen, Dehnen. Rapmusik im Hintergrund verleiht einem den Eindruck, dass hier nur die ganz harten Kerle trainieren. Bereits nach zehn Minuten könnte ich ganz gut eine Pause vertragen, doch dann fängt es erst richtig an: In Zweiergruppen üben wir den Einstieg in den Kampf. Was mich dabei besonders beeindruckt: Jeder dieser "Schränke" – ob Anfänger oder seit Jahren am Trainieren – ist sehr rücksichtsvoll mir gegenüber und erklärt mir alles genau. Im Training hat niemand die Absicht, den anderen zu verletzten. Sobald ich im Schwitzkasten das Gefühl habe, dass der Schmerz doch zu viel für mein zartes Gemüt ist, kann ich durch einfaches Abschlagen auf den Boden meinem Gegner das Zeichen geben, von mir abzulassen.

Auch wenn es in den Kämpfen aufgrund der Brutalität anders aussehen mag: Im MMA-Training funktioniert alles über Vertrauen und den Respekt gegenüber dem Gegner. Fairness, Anstand und Ehre werden nicht nur in Marco’s Free Fight Club großgeschrieben, sondern sind Eckpfeiler des Sports. "Die, die denken, sie lernen hier, wie man sich draußen auf der Straße prügelt, sind hier am falschen Platz", stellt Knöbel klar. Vielmehr gehe es um Körperbeherrschung, an seine Grenzen zu gehen, körperliches Training und um die Gemeinschaft. "Obwohl man beim MMA alleine im Käfig steht, ist es ein Teamsport, in dem man sich unterstützt."

Zwischen den durchtrainierten Kerlen versuchen sich auch einige Jungspunde am MMA. Halb so alt wie ich, aber dennoch anspruchsvolle Gegner. Auch ich scheine mich nicht ganz schlecht zu schlagen. Mit ein paar Hebegriffen, die mir zuvor gezeigt wurden, schaffe ich es, meinen Gegner auf die Matte zu werfen. Hätte er sich dagegen gewehrt, wäre das natürlich durchaus schwerer gewesen, dennoch fühle ich mich ein wenig wie Herkules.

"Kraft ist nicht unbedingt das wichtigste beim MMA. Es kommt auch auf eine gute Technik an, auf Kondition und Ausdauer und auch auf den guten Willen. Wenn der Kopf nicht will, wird man kein Profi", meint Knöbel.

Wer etwas erreichen möchte, der müsse natürlich auch auf äußere Faktoren achten. Knöbel, seit zehn Jahren als Profikämpfer auf internationaler Ebene unterwegs, legt etwa zehn Trainingseinheiten in der Woche ein, achtet auf gesunde Ernährung und genügend Schlaf und vermeidet Alkohol. Im Gespräch und im Training stelle ich fest: MMA-Kämpfer sind keine Schläger, sie sind Hochleistungssportler. Der ständige Wechsel aus Angriff und Verteidigung ist durchaus anstrengend – vor allem wenn zwei fitte Sportler gegeneinander antreten, ist das ein riesiger Kraftakt.

Für mich als Anfänger war schon das Training äußerst schweißtreibend. Es werden Muskeln beansprucht, von denen ich nicht mal weiß, dass ich dort welche besitze. Der Muskelkater in den nächsten Tagen bestätigt das. Ober- und Unterarme, Beine, Rücken: Überall zieht es. Dennoch macht das Training eine Menge Spaß, die 90 Minuten vergehen wie im Flug. Schließlich konzentriere ich mich in dieser Zeit auf meinen Körper, die Technik und den Gegner. Dass ich rot wie eine Tomate bin und ich, wie auch mein Partner auf der Matte, schweißüberströmt sind, kümmert mich während des Trainings recht wenig.

Zum Abschluss der Trainingseinheit reichen sich alle reihum die Hand, klatschen sich ab. "Auch wenn man sich im Training gerauft hat, ist es am Ende wichtig, sich abzugrüßen", findet Marco Knöbel. Der Respekt geht auch über das Training hinaus: Während des Interviews im Anschluss an das Training werden mir mehrere Hände zur Verabschiedung gereicht. "Wer keinen Anstand hat, der lernt das spätestens hier", kommentiert Knöbel. Seine Erfahrung zeigt, dass vor allem verhaltensauffällige Jugendliche durch den Kampfsport und das Umfeld ruhiger und beherrschter werden.