Villingen-Schwenningen

Rhythmus im Blut: Hauptsache, es groovt!

von Tatsiana Zelenjuk

Trommeln macht Spaß, ist gut für die Gesundheit – und jeder kann es lernen. "Das Schöne am Trommeln ist, dass man keine Vorkenntnisse braucht, sondern nur Mut zum Auszuprobieren", sagt Karl-Heinz Wagner, Trommelguru aus Villingen-Schwenningen. Er selbst hat die Faszination für die Rhythmen vor 15 Jahren entdeckt und gibt sie nun in seiner Trommelschule "Akoma" an viele Schüler weiter.

"Zum afrikanischen Trommeln bin ich gekommen, als ich aus Karlsruhe in die Region gezogen bin. Ich wollte Leute kennenlernen – und das war das einzig Musikalische, was ich konnte", erinnert sich Wagner an die Anfänge. Als Kind habe er auf der Marschtrommel im Fanfarenzug mitgespielt, nun klemmt er jeden Abend die afrikanische Djembé zwischen die Beine. Seit seinem ersten Kurs – einer Trommel-AG an der Schule in Peterzell – sei er viel professioneller geworden: "Ich habe Weiterbildungen gemacht, viele Seminare und Workshops besucht."

Inzwischen bietet er das Trommeln auch als Freizeitangebot in der Klinik an. Wagner ist überzeugt von der heilenden Kraft der Rhythmen: "Runterkommen, an nichts denken, seinen Rhythmus finden und Alltagsprobleme hinter sich lassen – das tut den Menschen gut." Es sei bewiesen, sagt er, dass das Trommeln das Immunsystem stärken, die Altersdemenz verzögern und auch den Schlaganfall-Patienten helfen kann.

Was Wagner seinen Gruppen beibringt, sind traditionelle Rhythmen aus Afrika, ergänzt durch andere Elemente. So kommen zum Beispiel oft brasilianische Einflüsse dazu. "Hauptsache ist, dass es gut klingt und gut groovt", meint Wagner. Getrommelt wird dabei mit flacher Hand auf der Djembé und mit Schlägern auf der großen Basstrommel. Es gibt aber auch noch Kpanlogo und Klein-Percussion, Klanghölzer und Afro-Glocke, und sogar den eigenen Körper kann man als Rhythmus­Instrument benutzen.

"Manche Menschen haben ein Talent, da geht es schneller. Und die anderen müssen sich den Umgang mit den Rhythmen hart erkämpfen", weiß Wagner aus Erfahrung. "Ich glaube, dass jeder, wirklich jeder mal dieses Rhythmus-Gefühl gehabt hat. Aber das kann man leider auch ›wegerziehen‹: indem man viel mathematisch tätig ist, durch Krankheit – oder auch durch die Erfahrungen, die einen in der Kindheit prägen", erklärt Wagner. "Sprüche wie ›Du kannst das nicht‹ oder ›Du schaffst das nicht‹ können sich schnell einbrennen. Man verliert dadurch an Selbstvertrauen." In solchen Fällen sei es extrem schwer, das Rhythmus-Gefühl wieder herzuholen, sagt Wagner. Aber es geht, wenn man sich Mühe gibt.

Zwölf Gruppen hat die "Akoma"-Schule aktuell, in jeder Gruppe sind sechs bis zwölf Teilnehmer. "Es gibt Wohlfühl-Trommler, mit denen wir eher chillige Sachen machen, aber es gibt auch Gruppen, mit denen ich sehr intensiv übe und die Schüler immer wieder an ihre Grenzen bringe", gibt Wagner zu.

Die Gruppe, die ich heute erlebe, gehört zur zweiten Kategorie. Die Schüler haben ein hohes Niveau, viele sind seit fünf, manche sogar seit zehn Jahren dabei. Und jeder hat seine eigene Geschichte, seinen eigenen "trommlerischen Werdegang". Hannelore Eberenz aus Peterzell gehört seit zehn Jahren dazu. Zuerst haben ihre Kinder einen Kurs gemacht, und irgendwann war auch sie selbst mit dem Trommelvirus infiziert. "Jeden Montag komme ich zum Kurs nach Villingen, weil das so viel Spaß macht. Man lernt, mit den Rhythmen umzugehen, man trifft nette Leute, man kann abschalten – und es tut richtig gut", sagt Eberenz. Und auch wenn einige Rhythmen gar nicht so einfach zu knacken sind: "Ich habe hier sehr viele Erfolgserlebnisse."

Die Spaichingerin Brigitte Rinderle trommelt seit sieben Jahren: "Ich habe einen Kurs an der Volkshochschule gemacht und wusste nach zehn Minuten: Das ist meins!" Sie strahlt über das ganze Gesicht: "Trommeln macht mich glücklich. Natürlich fordert das heraus. Aber ich mag es, gefordert und gefördert zu werden."

Auch Stefanie Röck-Fruh freut sich jeden Dienstagabend auf ihren Kurs: "Die Gruppe ist toll. Ich kann den Alltag hinter mir lassen, denn wenn ich trommle, dann bin ich weg. Ich denke an nichts anderes."

Der Unterricht beginnt jedes Mal mit einem Warm-Up. Erst müssen sich die Schüler "warmtrommeln", sie üben einfachere Rhythmen, und dann werden diese immer komplizierter – und das Tempo schneller.

"In einer Gruppe trommelt es sich am besten. Verschiedene Stimmen ergeben dabei Melodien", erklärt Wagner. Tatsächlich: Die Schüler kommen mit jeder Minute immer mehr in Schwung, sie lassen sich auf den Rhythmus und aufeinander ein – und was entsteht, ist ein kleines Gemeinschaftsprojekt, eine richtige Melodie. Alle wirken konzentriert, viele haben ein Lächeln auf den Lippen, eine Trommlerin hält ihre Augen geschlossen. Verliert jemand seinen Rhythmus, setzt man für eine Weile aus, beobachtet die Gruppe – und steigt dann wieder mit der ganzen Energie ein.

Ich kann kaum noch ruhig sitzen bleiben, wippe mit den Füßen und würde am liebsten selbst mittrommeln –­ aber die Rhythmen sind für unerfahrene Einsteiger viel zu kompliziert. "Am Anfang braucht man immer die Basics, darauf kann man dann aufbauen. Das Improvisieren kommt später", erklärt Wagner. Je länger man dabei ist, desto eine wichtigere Rolle spielt der technische Teil.

Besonders viel wird im Unterricht nicht gesprochen, und das, was man hört, kann am Anfang ziemlich irritieren. "Ta-Da-Dam, Ta-Da-Dam", "Di-Di, Pi-Bim-Pi" oder "Taki-Taki, Pak-Pak" – es sind keine Fremdwörter, sondern Versuche, sich den Rhythmus zu merken. Denn: "Noten, wie man sie kennt, gibt es beim Trommeln nicht. Manchmal werden spezielle Notationen verwendet", sagt Wagner. Das Gute daran: Durch das Abrufen der Abfolge von Rhythmen können die Trommler ihr Gehirn trainieren. "Meine älteste Schülerin ist 78, und das Trommeln ist für sie eine Art Demenz-Prophylaxe, eine gute Möglichkeit, kognitiv fit zu bleiben", weiß Wagner.

Aber auch körperlich fordert das Trommeln die Schüler heraus: Man muss sich voll und ganz auf den Rhythmus konzentrieren, richtig und kräftig schlagen. "Für mich ist es nichts Meditatives. Wenn ich trommle, fühle ich mich angeregt", sagt Klaus Pechmann.

"Und jetzt kommt eine Überraschung", kündigt der Lehrer an. Oh ja, endlich darf ich mitmachen – allerdings ohne Trommel. Wir üben, wie man den eigenen Körper als Rhythmus-Instrument einsetzen kann. Das ist spannend, und mit der tollen Gruppe macht es richtig Spaß. Ich muss mich aber sehr auf den Rhythmus konzentrieren. Wir machen zwei verschiedene Stimmen, und üben dann sogar im Kanon. Ich höre zu, wie unser lustiges Brust-Hüfte-Po-Orchester klingt – nicht schlecht!

Bald kann man die Trommler aus VS beim großen Event "Out of Africa" live erleben, für das sie in Kooperation mit dem Chor Niedereschach gerade aktiv proben. Afrikanische Lieder und afrikanisches Trommeln gibt es dann am 16. Juni in der Eschachhalle Niedereschach und am 6. Juli im Haus des Gastes in Königsfeld. "Das wird richtig fetzig", verspricht Wagner. Und eine Schülerin macht deutlich: "Wer da noch ruhig sitzen kann, hat ein Problem." Ich verstehe gut, was sie meint. Die Rhythmen liefern so viel Energie, und die Trommler bringen solche Lebensfreude zum Ausdruck, dass es wirklich ansteckend ist.