Villingen-Schwenningen

"Manchmal sitzt man auch bis morgens am PC"

von Christian Marull

Eine WG mitten in einem Wohngebiet. Drei junge Menschen, die ein gemeinsames Ziel verfolgen: mit ihrem Start-Up eigene Spiele zu entwickeln. Wer glaubt, das alles spiele sich in einer hippen bundesdeutschen Großstadt ab, hat weit gefehlt. Mitten in Furtwangen im Schwarzwald arbeiten Vanessa Riess, Jan Ewald und Kevin Scherer an ihren Spielen und konnten mit ihrer noch jungen Firma "Everbyte" schon den ein oder anderen Erfolg feiern. Kennengelernt haben sie sich bei ihrem Medieninformatik-Studium an der Hochschule Furtwangen (HFU). Schon während des Bachelorstudiums bastelten sie an eigenen kleinen Spielen. Gegen Ende ihres Masterstudiums entschlossen sie sich dazu, ihre eigene kleine Firma zu gründen. "Wir hatten die Idee zu unserem ersten Spiel ›Sinister Edge‹ und wollten einfach die nötigen Strukturen schaffen, um unser Spiel vermarkten zu können", erinnert sich Jan. Das ist jetzt ziemlich genau ein Jahr her.

Während des Studiums selbstständig gemacht

Während des Studiums haben sie, quasi nebenher, ihre Firma gegründet und ihr erstes "richtiges" Spiel entwickelt. "Wir saßen damals zum Teil bis tief in die Nacht an unseren PCs. Unsere Weihnachtsfeier dauerte 20 Minuten, danach haben wir bis vier Uhr morgens an unserem Spiel gearbeitet.

Dass sie auch nach ihrem Studium, das vor wenigen Wochen zu Ende gegangen ist, mit "Everbyte" in Furtwangen geblieben sind und ihre WG als Firmensitz dient, habe eher finanzielle Gründe. "Einen Umzug in eine größere Stadt mit besserer Infrastruktur können wir uns derzeit einfach nicht leisten", meint Jan und fügt hinzu: "Wir können vieles von hier aus regeln. In größeren Städten würde es uns aber um einiges leichter fallen, ein Netzwerk aufzubauen und wichtige Kontakte in die Branche zu knüpfen."

Dennoch veröffentlichten sie Anfang 2016 "Sinister Edge". Das Horror-Adventure für Apple- und Android-Smartphones ist auch für Virtual-Reality (VR)-Brillen, wie die Samsung "Gear VR" entwickelt worden. Eine kostenlose Testversion soll interessierten Spielern Geschmack auf mehr machen. Wer weiterspielen will, kann für knapp zwei Euro die Vollversion herunterladen. Im Spiel gilt es, Rätsel zu lösen und natürlich den Horror auszuhalten, der hinter jeder Ecke lauert. "Uns war klar, dass wir ein VR-Spiel entwickeln wollten. Das Thema Horror eignet sich dafür perfekt, weil man noch mehr in das Spiel involviert ist und das Horror-Szenario dadurch um einiges eindrucksvoller ist", meint Kevin.

Nachdem sich das Spiel bei etwa 100 Installationen eingependelt hatte, stiegen die Zahlen rasant. Der Grund: Einige bekanntere Youtuber, kurioserweise aus Spanien, waren auf das Spiel aufmerksam geworden und hatten es auf ihrem Youtube-Kanal vorgestellt und gespielt. Mittlerweile sind die Installationen auf 1800 pro Tag angestiegen. "Youtube ist für uns eine klasse Plattform, um unsere Spiele zu promoten. Wir haben kaum Budget für Werbung oder ähnliches. Wenn jemand auf Youtube unser Spiel spielt, dann ist das für uns im Prinzip kostenlose Werbung", erklärt Jan. Nicht nur für Werbung hatten die Jung-Unternehmer anfangs kaum Geld. "In ›Sinister Edge‹ haben wir im Endeffekt 20 Dollar investiert. So viel haben ein paar Grafiken gekostet, dir wir in unserem Spiel verwendet hatten", meint Jan. Mehr sei aber auch nicht nötig gewesen.

"Die Hürden, Spiele zu entwickeln, vor allem im Bereich der mobilen Games, sind deutlich gesunken. Mittlerweile kann man eigentlich ganz allein ein Spiel auf die Beine stellen", beschreibt Jan die Tendenz der vergangenen Jahre. Die Software um Spiele zu entwickeln und grafisch sowie erzählerisch zu realisieren, die so genannte "Game Engine", war früher fast unbezahlbar für kleine Entwicklerstudios wie "Everbyte". Mittlerweile sind die Engines kostenlos oder kosten einen überschaubaren Monatsbeitrag.

Gekrönt wurde der Erfolg von ›Sinister Edge‹ mit einer Nominierung für den "Local Hero Games Award" der Medien- und Filmgesellschaft Baden-Württemberg (MFG). Den Preis konnten sie zwar nicht gewinnen, aber die Nominierung sei eine Bestätigung für ihre Arbeit gewesen und habe sie bestärkt weiterzumachen.

So dauerte es nicht lang, und Vanessa, Jan und Kevin gingen ihr nächstes Projekt an. Ein textbasiertes Adventure, das wie ein Messenger funktioniert. Per Textnachrichten kommuniziert man mit einem fiktionalen Charakter und hilft diesem, in einer post-apokalyptischen Welt zu überleben.

Durch Zufall ist der Publisher "Headup", eine Art Verlag für Spiele, auf das Projekt des jungen Entwicklerstudios aufmerksam geworden und hat angeboten "Anybody Out There: Dead City" mit neuem Marketingkonzept und mehr Werbung im zweiten Quartal 2017 neu zu veröffentlichen. "Die Zusammenarbeit mit einem Publisher ist für uns eine tolle Erfahrung. Wir sind in erster Linie Entwickler und kennen uns mit Marketing nicht wirklich aus. Außerdem hat man jetzt einen direkten Ansprechpartner, der auf Kontakte zu Google oder Apple zurückgreifen kann, die wir nicht haben", meint Jan.

Neues Projekt Anfang des Jahres gestartet

Seit Januar arbeiten die drei Entwickler an ihrem neuesten Projekt.

Auch hier begeben sich "Everbyte" in vielerlei Hinsicht auf neues Terrain. "Das neue Spiel wird nur auf Sound basieren. Keine Grafik. Dabei steuert man mit dem Smartphone als Controller durch eine Fantasywelt", erklärt Jan kurz das Spielprinzip und korrigiert: "Eigentlich kann man das Spielkonzept gar nicht in wenigen Worten zusammenfassen. Dafür ist es zu neuartig und zu komplex."

Neu ist auch, dass sie zum ersten Mal mit einem richtigen Plan arbeiten. "Seit wenigen Wochen sind wir keine Studenten mehr und arbeiten jetzt Vollzeit an unserem Projekt. Dafür brauchen wir Struktur und einen Projektplan, der festhält, was wir wann machen wollen", erklärt Kevin. Unterstützung bei ihrem Projekt bekommen sie von ihrem ehemaligen HFU-Professor Jirka Dell’Oro-Friedl, der für die Entwickler schon während des Studiums eine Art Mentor gewesen sei. Dell’Oro-Friedl bringt einiges an Erfahrung aus der Game-Branche mit und ist mit seiner Firma "EnterTrain" Kooperationspartner von "Everbyte".

Zum ersten Mal haben sie sich auch um eine Förderung der MFG Baden-Württemberg beworben, um ihr neues Projekt auf finanziell sichere Beine zu stellen. Vor allem die professionellen Sprecher jeweils für eine englische und eine deutsche Fassung, die für das Spiel unerlässlich seien, kosteten eine Menge Geld. Im April wird über die Förderung entschieden. Damit die eventuelle Summe von 120 000 Euro fließen kann, müssen die Jungunternehmer den selben Betrag noch einmal selbst oben drauf legen – nicht einfach für Selbstständige, die gerade eben ihr Studium abgeschlossen haben.

Weitere Informationen: everbytestudio.com twitter.com/EverbyteStudio

Zehn Download-Keys jeweils für Android- und Apple-Smartphones verlost der Schwarzwälder Bote von "Everbytes" "Sinister Edge" (USK ab 16 Jahren). Mit dem Stichwort "Sinister" können sich Teilnehmer bis Samstag, 25. März an die Lokalredaktion des Schwarzwälder Boten wenden. Sie ist per E-Mail unter redaktionvillingen@ schwarzwaelder-bote.de zu erreichen. Bitte Name, Alter, Telefonnummer und E-Mail-Adresse nicht vergessen. Bitte auch angeben, ob für Apple oder Android.