Villingen-Schwenningen

"Man wächst über seine Grenzen hinaus"

von Tatsiana Zelenjuk

Alina Hirt aus Brigachtal ist 15. Wenn sie über ihre Leidenschaft Sport spricht, lächelt sie charmant. Man ahnt kaum, wie viel Kraft in ihrem schlanken Körper steckt. Doch spätestens in dem Moment, als sie ihre Boxhandschuhe überzieht und in den Ring steigt, merkt man, wie viel Power sie ausstrahlt. Seit zwei Jahren macht Alina Kickboxen in der Sportschule Defcon in VS-Rietheim und ist inzwischen so fit, dass auch die Männer sich beim Pratzenhalten richtig anstrengen müssen, wenn die 15-Jährige zuschlägt.

Sie ist schnell, hart und stark – und kennt sich bestens mit den Techniken aus. Jeden Fußtritt und jeden Schlag führt sie konzentriert aus. Einen nach dem anderen, ohne sich eine Verschnaufpause zu gönnen. Die Körperspannung ist extrem, die ersten Schweißperlen stehen ihr auf der Stirn. Das Training in der Sportschule ist so intensiv, dass es die Kickboxer oft an ihre Grenzen bringt. "Auch für mich ist es immer eine Herausforderung, körperlich und mental. Eine Herausforderung, die man schafft, wenn man viel Motivation hat", gibt Alina zu.

Einfach drauflos prügeln? Das bringt beim Kickboxen nichts. "Es geht nicht darum, sich gegenseitig zu schlagen. Das Wichtigste ist die Technik. Wenn die Technik nicht stimmt, dann stimmt der Rest auch nicht", macht die Brigachtalerin klar. Man verpasst nicht einfach so Seitwärtshaken, Uppercuts, Front- und Side-Kicks, man muss auch ständig an die Deckung denken, an die Arbeit der Hüfte, an den Atem.

Klar, so weiblich wie Yoga oder Ballett sieht es nicht gerade aus. Alina weiß das auch. "Kickboxen kommt nicht sehr weiblich rüber, aber ich finde, es ist ein Sport für beide Geschlechter", sagt sie. Und es sei längst keine Männerdomäne mehr.

Alina hat schon einiges ausprobiert, bevor sie das Kickboxen für sich entdeckt hat: Schwimmen, Reiten und Fußball haben ihr zwar Spaß gemacht, so richtig auspowern konnte sie sich aber nicht. "Als ich dann das erste Mal beim Kickboxen im Probetraining war, habe ich gedacht: Das ist perfekt für mich. Ich war sofort motiviert, weiterzumachen", erinnert sie sich und strahlt.

Was ist das Faszinierende daran? "Man wächst mit jedem Training über seine Grenzen hinaus." Die 15-Jährige trainiert auch viel und gern mit Männern. "Beim ersten Training hatte ich so viel Respekt vor Männern, die gefühlt zehn Meter groß und breit waren. Doch diese Angst war gar nicht berechtigt. Und mit der Zeit traut man sich immer mehr", weiß sie. Der Kampfsport habe sie viel stärker und selbstbewusster gemacht, stellt Alina fest. "In diesen zwei Jahren hat sich viel verändert: die Art, wie ich auf die Leute zugehe, wie ich mit verschiedenen Situationen im Alltag umgehe. Auch meine Freunde sagen, ich blühe richtig auf."

Alina will deshalb anderen Mädchen und Frauen Mut machen, Boxen und Kickboxen mal auszuprobieren. Denn sie ist überzeugt: Schläge und Fußtritte, das können Frauen genauso gut wie Männer. "Es ist alles eine Übungssache. Man muss nicht gleich fit sein", sagt sie. Viel wichtiger sei am Anfang der Mut, seine Komfortzone zu verlassen und die Hemmschwelle zu überwinden. "Motivation muss man auf jeden Fall mitbringen", macht die 15-Jährige deutlich.

Sie selbst hat vor einigen Wochen ihre erste große Prüfung bestanden und den orange-grünen Gürtel bekommen. Alina ist stolz auf ihre Erfolge, doch sie weiß auch, dass man dafür hart arbeiten muss – an der Kondition, an der Ausdauer, an der Technik. "Beim Kickboxen trainiert man den ganzen Körper, alle Muskelgruppen, aber auch den Kopf", erklärt sie. Fair zueinander sein, Respekt vor dem Gegner zu haben: Das sind die Grundprinzipien.

Inzwischen kommt Alina vier Mal die Woche in die Sportschule. "Ich denke, ich könnte jeden Tag trainieren", sagt die Hobby-Kickboxerin. "Nach dem Training fühle ich mich einfach viel glücklicher. Ich kann Stress abbauen, Probleme vergessen, mein Ding durchziehen und abschalten. Ich habe das Gefühl, etwas Gutes für meinen Körper getan zu haben. Das macht Spaß, und man bekommt so viel Selbstvertrauen, man sieht, dass man stark sein kann – egal ob Frau, Kind oder Mann", schwärmt sie.

Auch zu Hause macht sie jeden Tag Sport. Einen Boxsack hat die 15-Jährige im vergangenen Jahr zum Geburtstag geschenkt bekommen. "Wenn ich eine Übung noch einmal durchgehen, noch verbessern will, trainiere ich allein zu Hause." Standard-Fitness-Übungen gehören für sie inzwischen ebenfalls zur Routine: "Um hier in der Halle dann noch besser zu werden, noch schneller Erfolge zu sehen."

Was macht aber mehr Spaß: Sandsack oder Sparring mit dem Partner? "Beides ist wichtig, und beides ist anstrengend. An sich sind es zwei verschiedene Sachen. Vor dem Partner hat man natürlich mehr Respekt als vor dem Sandsack", erklärt Alina. Ab und zu habe sie nach dem Training auch einen Bluterguss oder ein paar blaue Flecken, das lasse sich nicht vermeiden. "Ein blaues Auge hatte ich auch schon", sagt sie lächelnd. "Und Muskelkater natürlich", schiebt die 15-Jährige hinterher.

Richtige Verletzungen dagegen hatte sie nie. Spezielle Bandagen, Schienbeinschoner und Zahnschutz gehören zu ihrer Grundausrüstung. "Am liebsten mache ich Partnerübungen an der Pratze. Dann kann man einander Tipps geben, verschiedene Kombinationen ausprobieren. Und man sieht gleich den Fortschritt", sagt die Brigachtalerin.

Sie verrät, der Gedanke daran, in den Ring zu steigen und einen richtigen Kampf zu machen, reizt sie sehr. "Ich weiß aber nicht, ob ich schon soweit bin. So ein Kampf verlangt sehr viel Durchhaltevermögen. Man muss sich hohe Ziele setzen, selbstbewusst in den Ring steigen und die Tipps des Trainers umsetzen."

Grenzen überwinden, ihre körperliche und mentale Fitness steigern – das kann die 15-Jährige auch bei jedem Training. "Dranbleiben und üben, üben, üben", ist ihre Devise. "Ich weiß, mit Yoga oder Tanzen, da wäre ich nicht zufrieden. Nein, das könnte ich mir nicht vorstellen. Ich muss mich richtig auspowern." Im September fängt Alina ihre Ausbildung zur Sport- und Fitnesskauffrau an – und macht so ihre Leidenschaft zum Beruf.