Villingen-Schwenningen

Im Kampf gegen die tägliche Verführung

von Tatsiana Zelenjuk

"Spielteilnahme ab 18 Jahren. Glücksspiel kann süchtig machen", in einem Zungenbrecher-Tempo haspelt der Sprecher seinen Text am Ende der Lotto-Werbung ab, schnell mal nebenbei erwähnt, von den meisten kaum beachtet. "Das Thema Glücksspielsucht ist immer noch ein Tabu-Thema", findet Holger Urbainczyk, Sozialarbeiter bei der Fachstelle Sucht in Villingen-Schwenningen.

Er weiß, wie wichtig es ist, darüber zu sprechen und aufzuklären: Denn die Spieler werden immer jünger, es werden immer mehr, und die Dunkelziffer ist nach wie vor immens. Einmal in der Woche trifft sich der Sozialarbeiter mit Spielsüchtigen in einer Selbsthilfegruppe – und erlebt dabei viele Schicksale hautnah. Riesige Schuldenberge, zerstörte Ehen, verspielte Leben.

Auch Urbainczyk selbst hat früher gespielt, jahrelang. Seit 2004 ist er spielfrei. Dennoch ist ihm klar: "Gegen diese Krankheit gibt es keine Medikamente. Man kann nur lernen, mit der Sucht umzugehen und damit zu leben. Man ist und bleibt Spieler." Seit 2001 ist die Spielsucht offiziell als Krankheit anerkannt. Das Fatale: Die Mitmenschen bekommen in der Regel lange nichts mit, weil es beim pathologischen Spielen im Unterschied zu den anderen Suchterkrankungen keine sichtbaren Merkmale gibt.

Fünf, sechs Spieler kommen jeden Montagabend zu Urbainczyk ins Büro. Es sind die wenigen, die sich trauen, die ihre Abhängigkeit wirklich in den Griff bekommen wollen. Der erste Schritt kostet viel Überwindung.

An diesem Abend bleiben die vier jungen Männer noch einige Minuten vor dem Eingang stehen, sie plaudern über dies und jenes, rauchen. Dann gehen sie gemeinsam mit Urbainczyk in sein Büro. Der Sozialarbeiter kommt bei der Gruppe authentisch rüber. Er ist einer, der weiß, wie sich der Spieldruck anfühlt. Einer, der sie versteht. Einer, der auch mal am Boden lag – und die Kraft gefunden hat, aufzustehen.

"Es tut gut, hier zu sein", sagt der 29-jährige Roman (Name geändert). Er ist der erste, der sich öffnet und bereit ist, seine Geschichte zu erzählen. Er entschuldigt sich für sein Deutsch. "Ich komme aus Osteuropa und bin seit acht Jahren in Deutschland", fängt er an. "Hier habe ich angefangen zu spielen. Wir waren mit zwei Freunden in der Kneipe, da habe ich den ersten Zehn-Euro-Schein reingeschmissen. Da gab es den ersten Gewinn", erinnert sich der 29-Jährige. Er habe weitergemacht, immer mit kleinen Einsätzen: "Ich dachte, es ist nicht gefährlich."

Irgendwann, sagt er, habe er die Kontrolle verloren. "Sobald mein Lohn auf dem Konto war, ging ich in die Spielothek, egal wo ich war. Ich habe große Einsätze gespielt, später auch mit Sportwetten im Internet angefangen", schildert er. Warum? Vor Langeweile, um die eigenen Probleme zu vergessen – und weil der Gedanke, mal ganz viel Geld zu gewinnen, so verlockend war.

"Ich habe angefangen, meine Frau anzulügen. Sie dachte, ich spare Geld. Und ich habe es Monat für Monat verzockt", erzählt Roman weiter. Hohe Schulden, unbezahlte Rechnungen, wiederholte Mahnungen. "Ich habe gemerkt, dass ich aus den Lügen nicht mehr rauskomme. Meine Frau hat mich dann zu dieser Selbsthilfegruppe geschickt. Seit Dezember bin ich hier, seit Januar spiele ich nicht mehr." Für ihn sei es befreiend, nicht mehr lügen zu müssen.

"Die Spieler können ihre Sucht sehr gut verkleiden. Nach außen sieht es immer gut aus. Aber für sie bedeutet es eine enorme nervliche Belastung", weiß Urbainczyk. Das heißt: Man muss immer der Erste am Briefkasten sein, damit die Familie nichts von Schulden und Krediten mitbekommt; man muss immer passende Ausreden parat haben, wenn das gesparte Geld plötzlich weg ist. Viele konstruieren ihre eigene Wahrheit, fliehen in ein anderes Leben, in eine heile Welt – in der es keine Sorgen gibt. "Am Automaten werden Probleme einfach ausgeblendet", sagt Urbainczyk.

So war es auch bei Markus aus Villingen (Name geändert). Lange hat er geglaubt, er könne den Absprung alleine schaffen. "Mit 18 bin ich das erste Mal in eine Spielothek gegangen. Am Anfang war es die Neugier. Dann hat es sich immer mehr gesteigert. Irgendwann wollte ich nicht mehr aufhören. Ich konnte nicht mehr aufhören", erinnert er sich.

Über seine Hausärztin ist er dann in der Selbsthilfegruppe gelandet. Hat er inzwischen Erfolge? Der 29-Jährige überlegt lange. "Ja und nein. Nach der ambulanten Therapie habe ich wieder angefangen, zu spielen. Ich will auf jeden Fall auch noch eine stationäre Therapie machen, ich warte auf den Termin. Jetzt bin ich regelmäßig hier in der Gruppe. Es tut mit Sicherheit gut, wenn man ein kleines wöchentliches Ziel vor Augen hat." Markus hofft, "endlich davon wegzukommen".

Solche Rückfälle wie bei ihm sind nicht selten. Viele in der Gruppe wissen, wie es sich anfühlt. "Wenn der Spieldruck wieder da ist, verfällt man oft in Panik und erkennt nicht mehr die Wege, die man sich aufgebaut hat. Es ist ärgerlich, aber es ist kein Weltuntergang", meint Urbainczyk. "Man findet immer eine Lösung", ist er überzeugt. Vielen helfe es, wenn sie ihr Freizeitverhalten ändern, mehr Sport treiben oder neue Hobbys entwickeln.

Auch in der Selbsthilfegruppe unterstützt man sich gegenseitig. "Ich versuche immer, therapeutische Infos einfließen zu lassen. Aber im Grunde genommen ist es eine offene Spielergruppe, in der man einfach seinen Ballast abwerfen kann", sagt Urbainczyk. Hier finde man Verständnis. "Natürlich kommt jeder für sich.

Aber man hört sich die Geschichten an und hilft den anderen automatisch", erklärt der Sozialarbeiter. Und: "So hart es auch klingt, aber die besten Erfolge sieht man dann, wenn man am Boden liegt. Man muss in Scherben liegen, bevor ein Schritt nach vorne gemacht wird."

Jung und alt, Männer und Frauen – Urbainczyk hat schon viele Spieler gesehen. Inzwischen hätten die Spielotheken auch Flüchtlinge als Klientel entdeckt, sagen die Insider: "Die Automaten kann man mittlerweile auf Arabisch einstellen." Auch sonst sei das Angebot viel offener geworden, findet Urbainczyk: "Es gibt kaum noch Hemmschwellen."

Als einer, der selbst lange gespielt hat, hat er eine klare Meinung: "Die Spielsucht entsteht in der Spielhalle. Das hat nichts mit Unterhaltung zu tun, wenn ich mich allein vor den Automaten setze und ums Geld spiele. Es gibt in der Wirklichkeit keinen vernünftigen Grund, das zu tun. Auch bei den Sportwetten, wo einem vermeintliche fachliche Kompetenz suggeriert wird, handelt es sich nur ums Glücksspiel." Die Online-Wetten, die gerade richtig boomen, hält er für besonders gefährlich: "Da wird überhaupt nichts geregelt und nichts kontrolliert." 2000 Euro darf man pro Tag einzahlen. Verspielen kann man dabei alles, was man hat.

Urbainczyk macht deutlich: "Die Spielsucht ist eine Abhängigkeit, die man fast mit einer Heroin-Abhängigkeit gleichsetzen kann. Es hat aber nichts, gar nichts mit Charakterschwäche zu tun." Dabei leiden nicht nur die Betroffenen selbst, fünf bis sechs Angehörige holt jeder Spieler in seine Sucht mit rein: Eltern, Partner, Geschwister, eigene Kinder.

Hoffnung auf endgültige Heilung gibt es für Spielsüchtige nicht. Der Sozialarbeiter weiß: "Das Bankkonto und die Verbindung zur Familie können sich regenerieren. Aber die tägliche Verführung bleibt da. Man spielt nicht ums Geld, man spielt um sein Leben."

Weitere Informationen: www.bw-lv.de Kontakt: holger.urbainczyk ­@bw-lv.de, 07721/ 8 78 64 60, 0173/7 31 23 29.