Villingen-Schwenningen

Ein Abstecher in den Schwarzwald

von Wolfgang Trenkle

Das Ambiente hätte für die Sängerin Lucia Pulido und ihre beiden Musiker am Samstagabend nicht besser sein können. Bei sommerlichen Temperaturen entführte die Kolumbianerin das Villinger Publikum musikalisch in den Süden.

VS-Villingen. Eigentlich ist die aus Kolumbien stammende Sängerin Lucia Pulido aktuell mit einer Tournee in Spanien unterwegs. Wie also zeitgleich in Villingen beim 31. Innenhof-Festival auftreten? Durch den Kontakt zur vor fünf Jahren beim Festival aufgetretenen Marta Gómez entschied sie sich, mal kurz einen Abstecher nach Villingen zu machen.

Eigentlich sollte der Flug von Barcelona problemlos gelingen, doch dort wurde am Wochenende gerade gestreikt und es war nicht ganz einfach, pünktlich nach Deutschland zu kommen. Eigentlich hätte das Unterfangen somit kräftig schief gehen können, doch es klappte und Lucia Pulido stand am Samstag pünktlich mit zwei weiteren Musikern um 20 Uhr auf der Bühne.

Weniger Probleme mit der Anreise hatten die Zuschauer: An diesem warmen Sommerabend waren schon viele ein bis zwei Stunden zuvor gekommen, um in der angenehmen Innenhof-Atmosphäre noch vorweg etwas zu essen, zu trinken oder auch schlicht andere Konzertbesucher zu treffen.

Zu Konzertbeginn waren alle Plätze voll besetzt und Richard Hehn konnte sowohl Künstler als auch Gäste begrüßen. An die Sponsoren wie auch den 40 ehrenamtlichen Helfern, "darunter auch viele, welche auf dem Hof herumwuseln, ohne dass man sie bei den Konzerten sieht", so Hehn, richtete der Sprecher des Organisationsteams, seinen besonderen Dank. Mit Lucia Pulido war Latin-Folk mit ins Programm aufgenommen worden. Das Genre traditioneller Musik Lateinamerikas bezieht sich weniger auf die Musik der indigenen Völker als vielmehr auf jene, die sich seit der Kolonialzeit vor rund 500 Jahren entwickelte: eine musikalische Kultur, welche stark an spanische und portugiesische Musik angelehnt ist.

Die zierliche Sängerin überzeugte bereits beim ersten Lied mit einem eindrucksvollen Stimmvolumen. Vom gefühlvollen leisen Einstieg bis zu lautem Schreien reichte das Spektrum ihres Sprechgesangs. Danach konnte Bassist Juan Pablo Balcazar bereits sein Können unter Beweis stellen. Der ebenfalls aus Kolumbien stammende Künstler beherrscht hervorragend sein Instrument und zeigt in beinahe spielerischem Umgang, was aus ihm innovativ akustisch herauszuholen ist. Ähnlich auch der aus Venezuela stammende Drummer Juan Rodriguez Berbin: Anders als im Rock- und Pop-Bereich benutzt, schlägt Berbin weniger das Schlagzeug, vielmehr streichelt er es fast gefühlvoll und entlockt ihm damit eher ungewohnte Töne.

Lob von Lisa Boulton

Das Trio mit Gesang, Bass und Perkussion wirkt in seinem musikalischen Tun sehr professionell und für Fans des Genres überzeugend. Besonders die federführende Stimme Lucia Pulidos prägt den Auftritt. Mal zart und zurückhaltend, mal laut und kraftvoll, immer jedoch sehr von Emotionen geprägt ist die Musik. "Sie hat die schönste Stimme Südamerikas" bemerkte im Vorfeld denn auch Lisa Boulton, die inzwischen 86-jährige Grande Dame der Villinger Jazz-Szene, gegenüber dem Publikum in einem kurzen Statement. Boultons Urteil ist gewichtig, erlebte sie doch persönlich über die Arbeit im weltbekannten Villinger MPS-Studio (Musikproduktion Schwarzwald) und als langjährige Vorsitzende des Villinger Jazzclubs zahlreiche Musikgrößen und es verbanden sie Freundschaften zu B. B. King, Duke Ellington, Oscar Peterson oder Miles Davis.

Ein wenig erinnert Lucia Pulidos Gesang an den portugiesischen Musikstil "Fado". Emotional stark bis etwas schwülstig aufgeladen, tendiert er zu besonders sehnsuchtsvollen bis melancholischen Texten und deren Darbietung. Hier zeigte sich eine Kluft zwischen Liedinhalten und den Publikum, da von den meisten Konzertbesuchern keiner in der Lage war, die vermutlich sehr literarischen Texte auch zu verstehen.

Lebensfroher und damit auch weitaus rhythmischer wurden die Lieder als Lucia Pulido ihrerseits jeweils zu einer "Cuatro", einer kleinen viersaitigen im Norden Südamerikas gängigen Gitarre, griff und damit die Melodieführung übernahm. Dass eine solche Einordnung von Bass und Schlagzeug in den musikalischen Hintergrund mit prägender Melodie durch ein anderes Instrument im Vordergrund, eher der hiesig traditionellen Hörkultur entspricht, zeigte sich im daraufhin jeweils wesentlich stärkeren Applaus.

Im künstlerischen Anspruch waren die bewusst spartanischen Darbietungen nur mit Gesang, Bass und Perkussion sicherlich mindestens ebenbürtig. Die heute in New York lebende Künstlerin widmet sich dort besonders der Recherche amerikanischer Folklore und arbeitet mit experimentell agierenden Komponisten wie Fernando Tarres, Eric Friedländer, Satoshi Takeishi, Burkhard Stangl, Franz Hautzinger und dem langjährigen Produzent und Musikdirektor Sebastion Cruz. Ohne zwei Zugaben entließ das Publikum die drei nicht in den "Feierabend" gegen 21.30 Uhr. Ähnlich wie sie das Konzert mit einem virtuosen Sprechgesang begann, beendete Lucia Pulido das Konzert. Inzwischen sind alle drei bereits wieder in Spanien und setzen ihre Konzerttournee fort.