Villingen-Schwenningen

Den Jungen auch mal was zutrauen

von Eva-Maria Huber

Der Felix will es, die Lisa und der Nico auch: Drei junge Leute, die ihre ­Ausbildung bei Kendrion machen. Sicherheit, persönliche Weiterentwicklung, Wertschätzung und Flexibilität, das ist es, auf was nicht nur sie beruflich abfahren. Finden sie das bei örtlichen Unternehmen, packen sie auch nicht so schnell die Koffer Richtung Stuttgart oder Freiburg.

Villingen-Schwenningen. Warum zieht es Felix, Lisa, Nico und andere Baldzwanziger nicht so schnell in die Großstadt? Warum könnten sie sich als junge, gut ausgebildete Fachkräfte vorstellen, im ländlichen Schwarzwald-Baar-Kreis zu bleiben und in einem örtlichen Unternehmen wie Kendrion zu arbeiten? Für ­Felix Hirt, 19 Jahre jung und überzeugter Brigachtaler, ist schon jetzt klar: Die Großstadtluft reizt ihn überhaupt nicht, "ich möchte im Dorf bleiben".

Einbringen und mitgestalten

Mal abgesehen von der Dorfidylle reizt ihn und seine Mit-Azubis, die den Beruf des Mechatronikers lernen, noch anderes: "Ich kann mich schon in der Lehre in das Unternehmen einbringen und mitgestalten." Einbringen und mitgestalten, das bedeutet für den 19-Jährigen und seine Azubi-Kollegen Nico Obergfell und Juliane Laufer auch, dass sie als "Energiescouts" eingesetzt werden und mit Erfolg das Druckluftnetz des Unternehmens auf Leckagen überprüfen, erzählt Felix stolz: Wenn es pfeift, dann sind die Drei ganz Ohr, dann ist irgendwo ein Leck, das zu schließen ist.

Verblüffter Geschäftsführer

Der gleichaltrige Nico sprudelt los: "Die trauen uns hier etwas zu", meint der junge Mann. "Das ist gut für das Selbstbewusstsein und die persönliche Weiterentwicklung." Wie den anderen Jung-Mitarbeitern, die hier am Konferenztisch sitzen, ist auch ihm Sicherheit wichtig. Und die Möglichkeit, sich in der Mittagspause fit zu halten, spielt er auf den Kooperationsvertrag mit einem Fitnessunternehmen an: "Früher war das so ganz anders", kommentiert Geschäftsführer Ralf Wieland nicht nur einmal die Werte- und Arbeitsvorstellungen seiner Nachwuchs-Fachkräfte. Dass ihm die beiden angehenden Mechatroniker und die künftige Industriemechanikerin nach Ende ihrer Ausbildung erhalten bleiben, ist so unwahrscheinlich nicht. Die jungen Leute identifizieren sich mit "ihrem" Unternehmen. Eine erfreuliche Tendenz auch bei einem Global Player wie Kendrion, der im Vergleich zu kleineren Betrieben lange nicht solche großen Probleme damit hat, geeignete Azubis oder Fachkräfte zu finden. Und dennoch, resümiert Sabrina Schumacher aus der Personalabteilung, ziehe sich der Einstellungsprozess von neuen Lehrlingen bis in den Februar hinein, "früher waren wir im November damit fertig".

Arbeitsklima muss stimmen

Sicherheit ist das eine, die persönliche Weiterentwicklung die andere Größe, mit der Firmen bei ihrer schwierigen Suche nach geeigneten Azubis oder Fachkräften punkten können: Hussein Kaviani verbindet sein StudiumPlus in der Richtung Maschinenbau/Mechatronik mit der Ausbildung zum Industriemechaniker. Der 20-Jährige Bad Dürrheimer hat ebenfalls eine gefestigte Vorstellung von dem für ihn passgenauen Unternehmen: "Das Arbeitsklima muss stimmen", auch findet er es wichtig, "in jungen Jahren Verantwortung übernehmen zu können". Verantwortung, das heißt für ihn und seine StudiumPlus-Kollegin Lena Andris, gemeinsam eine automatisierte Prüfanlage für alle Ventile im Unternehmen zu konzipieren und die dann noch zu bauen: "Die trauen einem hier was zu und das motiviert." Die angehende Maschinenbauerin ergänzt: "Wir bekommen immer Unterstützung, egal, wann und wo es klemmt. Das gibt Sicherheit und zeigt auch die Wertschätzung."

Familienplanung im Blick

Eigenverantwortung, Wertschätzung, Sicherheit, Vorstellungen junger Menschen die Ralf Wieland verblüffen: Und natürlich findet sich auch bei den beiden StudiumPlus-Absolventen das 1-A-Kriterium Flexibilität im Bezug auf die Arbeitszeiten, nicht nur, um "später Familie und Arbeit ohne Verrenkungen unter einen Hut zu bringen". Gian Luca Riccardi ist, wenn es um das Thema Führungskommunikation geht, ein passender Gesprächspartner.

Der 24-Jährige wird bald sein Studium zum Wirtschaftsingenieur abgeschlossen haben, und arbeitet derzeit an seiner Bachelorarbeit zum Thema Führungskommunikation. Darauf angesprochen, und schon jongliert er mit den Vorstellungen, die junge Leute von ihrem künftigen Arbeitsplatz haben: Home-Office, Desk-Sharing, Modelle, die jedoch selbst in großen Unternehmen noch lange nicht angekommen sind. Wann ist ein Betrieb attraktiv? Das hänge auch an der Art des Managements: "Ein mega autoritärer Führungsstil, das geht heute nicht mehr." Wollten die Eltern vielleicht noch von den Vorgesetzten eine "klare Ansage", gehe es heute eher darum, den jungen Mitarbeitern "Freiraum" bei ihrer Arbeit zu geben und doch im ständigen Dialog zu bleiben: "Wichtig ist es, dass sie regelmäßig erfahren, wo sie stehen."

Nahverkehr ausbauen

Kriterien, die für alle am Tisch das Salz in der Suppe ausmachen. Passt das alles, könnte es sein, dass sie noch viele Jahre dort bleiben, wo sie herstammen: aus VS und ihrer Umgebung. Mit einer Einschränkung, die Andris ausspricht: Die Anbindung gerade kleinerer Gemeinden mit Bus und Bahn ans Oberzentrum "könnte um einiges besser sein". Sprich: Der Öffentliche Nahverkehr sei durchaus noch ausbaufähig.