Villingen-Schwenningen

Bouldern - Klettern ohne Sicherung

von Beate Müller

Villingen-Schwenningen - Klettern, Bouldern – worin liegt da der Unterschied? Klettern an einer Wand mit Haltegriffen, gesichert über einen Seilzug, ist wohl vielen ein Begriff. In den vergangenen fünf Jahren erlebte aber das Bouldern einen Aufschwung, erzählt Dirk Bartels, Mitinhaber und technischer Leiter der Boulder-halle Upjoy! in Villingen. Seit einem halben Jahr ist die Kletterhalle geöffnet und scheint eine Lücke in der Kletterszene zwischen Freiburg und Stuttgart geschlossen zu haben.

"Im Gegensatz zum Klettern ist Bouldern ungesichert. Daher ist bei 4,5 Metern Höhe die Grenze, der Boden ist vollständig mit Matten ausgelegt", erklärt Bartels. Klingt für mich als Kletteranfänger erst mal hoch und verletzungsanfällig. Mit dazu kommt, dass ich nicht ganz schwindelfrei bin.

Dennoch schlüpfen Praktikant Andreas und ich in die Boulderschuhe. Diese könnten recht bequem sein, wenn sie nicht so schrecklich klein wären. Die angewinkelten Zehen seien aber wichtig für den Halt, erklärt Bartels. Ohne entsprechendes Schuhwerk sei Bouldern nur eingeschränkt möglich.

Die Halle besteht aus Wänden mit bunten Griffen zum Klettern und teilweise auch schrägen Wandelementen bis hin zum Überhang. Der Boden ist weich gefedert. Beim Upjoy! sind die Schwierigkeitsstufen eines Boulders, ­ das heißt der Strecke vom Startgriff bis zum Zielgriff, dem Top-Griff, in sechs verschiedenen Farben markiert. Gelb und grün sind die beiden leichtesten Stufen, schwarze und weiße Boulder schaffen nur erfahrene Boulderer. Ein Boulder gilt als geschafft, wenn man vom Startgriff aus beide Beine vom Boden löst und am Ziel mit beiden Händen den Topgriff für mindestens zwei Sekunden umklammert. Die Wände im Upjoy! sind nach Villinger Gebieten benannt, beispielsweise Stadtmauer oder Kaiserring.

Gelbe und grüne Routen

Ich beginne mit einem gelben Boulder. Zwar bin ich schon vor einigen Jahren beim Klettern eine ähnliche Wand hoch, aber ungesichert ist das doch nochmal ein anderes Gefühl. Obwohl meine Füße nur drei Meter vom gepolsterten Untergrund entfernt sind, überkommt mich am Anfang ein wenig Respekt vor der Höhe. Was, wenn ich den nächsten Griff nicht erwische und versehentlich herunterfalle und ungeschickt auf dem Boden aufschlage? Hilfreich ist den Blick nach oben zu richten, stets das Ziel im Visier. Die Zweifel sind unberechtigt, ich lande sofort beim ersten Versuch einen "Flash". So nennt man es, wenn man eine Boulderroute beim ersten Versuch schafft. Auch die zweite, zugegebenermaßen sehr leichte Route, meistere ich auf Anhieb. Eine leichter Boulder, aber an einer schrägen Wand soll es nun sein. Doch leicht ist meiner Meinung nach anders! Es kostet enorm viel Kraft in den Armen, in dieser schrägen Position den höherliegenden Griff zu fassen und den gesamten Körper hinterher zu ziehen. Vor allem wenn die Beine ihren Halt verlieren und man schließlich wie ein Sandsack von der Wand weg baumelt ist klar: Bouldern ist nichts für Schwächlinge. Mit einigen Tipps vom erfahrenen Boulderer bleibt der Aufstieg zwar knifflig, aber wird plötzlich machbar. Wenn man beispielsweise die Hüfte eindreht, kostet das Hochziehen deutlich weniger Kraft in den Oberarmen.

Mich packt der Ehrgeiz. Eine grüne Strecke soll es sein. Einen Flash lande ich zwar nicht, doch bin ich unheimlich stolz, als ich den Topgriff erreiche. Die Zweifel bezüglich meiner Höhenangst vom Anfang sind mittlerweile verblasst. "Man macht eigentlich ständig Fortschritte", weiß Bartels aus eigener Erfahrung. Ein wenig habe ich aber das Gefühl entweder zu schwach oder zu klein für diesen Sport sein. Auch kostet es etwas Überwindung, den sicheren Griff los zu lassen, um mit Schwung nach dem höher gelegenen und riskanten Element zu greifen.

Bartels, der seit seiner Kindheit klettert und seit einigen Jahren begeistert bouldert, erklärt, dass es neben Kraft und Koordination auch Köpfchen braucht, um den Top-Griff zu erreichen. "Mit Technik kann man vieles Wett machen", meint er. Es bedarf nämlich oft einer Strategie: Mit welcher Hand greift man wo hin? Muss ich mich drehen? Brauch ich wirklich alle Griffe? "Oft sitzen einige Boulderer zusammen vor der Wand und überlegen sich, wie man das vorliegende Boulderproblem lösen kann." Dabei gebe es oft verschiedene Möglichkeiten zum Ziel zu kommen. "Das ist ein unheimlich kreativer Sport, es gibt nicht nur Lösungsweg A."

Dennoch sind für Boulderfreaks wie Bartels bei regelmäßigem Training viele Routen ausgelutscht. Beim Upjoy! werden daher alle sechs Wochen die Griffe neu angeordnet.

Obwohl der Vorteil beim Bouldern gegenüber dem Klettern darin liegt, dass man den Sport alleine ausüben kann, und niemand benötigt, der einen sichert, weist es dennoch Züge von Mannschaftssport auf. Beim offenen Bouldern kämen viele Kontakte zustande, man gibt sich gegenseitig Tipps, tauscht Erfahrungen und Herangehensweisen aus.

Tipps vom Profi

"Schwabo"-Praktikant Andreas Bauhof, der mich zu dem Schnuppertraining begleitet, packt nun auch die Neugier. Er ist etwas klettererfahrener, größer und stärker als ich und hält sich nicht lange mit leichten Routen auf. Er wagt sich bereits nach kurzer Zeit an einen blauen Boulder, eine mittlere Schwierigkeitsstufe. Durch seine Größe fällt es ihm relativ leicht auch weit entfernten Griffe zu erreichen. Auch er "flasht" auf Anhieb bei der gelben und grünen Route. Bei der blauen Route hat er aber mehr zu kämpfen: Die Griffe sind komplizierter geschraubt – ohne Strategie ist es für Anfänger schier unmöglich, den "Top" zu erreichen. Dirk Bartels gibt ihm Tipps: Hier eine Gewichtsverlagerung, da ein wenig mehr Schwung. Beim zweiten Versuch schafft er es schließlich. "Das ist schon motivierend, das Gefühl sich immer wieder verbessern zu können", lautet Andreas Fazit.

Aber wann ist man denn erfolgreich im Bouldern? In der Bundesliga, die nun im dritten Jahr stattfindet, wird nach Punkten bewertet. Die Vergabe richtet sich an Faktoren wie der Anzahl an Versuchen, der Schnelligkeit, ob man den Bonusgriff schafft oder nicht. In der Regel werden dem Sportler drei Minuten Zeit gegeben, um den Boulder zu lösen. Bei den olympischen Sommerspielen 2020 in Tokio soll Bouldern in Kombination mit Leadklettern und Speedklettern erstmals olympisch werden.

Verletzungsrisiko ist gering

Aber ist ungesichertes Klettern nicht unheimlich gefährlich? Bartels vergleicht das Verletzungsrisiko mit dem eines Spielplatzes. Es könne schon mal vorkommen, dass beim Runterspringen oder Abrutschen ein Knöchel verstaucht wird oder Schürfwunden entstehen. "Keine Sicherung bedeutet nicht, dass der Sport unsicherer ist als Klettern", stellt er klar. Mir fällt nach einigen Versuchen auf, dass die Handinnenflächen ganz schön leiden müssen. Die Wand und die Griffelemente sind rau, zudem hängt teilweise mein ganzes Körpergewicht an meinen zarten Journalistenhänden. Meine Fingernägel könnten anschließend auch eine Maniküre vertragen. "Wer regelmäßig Bouldern geht, bekommt Schwielen an den Händen, dann tut das auch weniger weh", erklärt Bartels. Von Handschuhen rät er mir allerdings ab. Diese würden nur das Greifen erschweren.

Muskelkater am Folgetag

Bartels bezeichnet Bouldern als ein Ganzkörpersport, der alle Muskelketten im Körper gleichzeitig trainiert. "Man bekommt zwar keine Oberarme wie ein Bodybuilder, dafür ist der gesamte Muskelapparat gestärkt: Rumpf, Rücken, Arme, Beine." Mein Muskelkater am Tag danach gibt Bartels teilweise recht. Zwar schmerzt es hauptsächlich in den Armen, doch plagt der Muskelkater auch außergewöhnliche Stellen wie Armbeuge, der seitliche Brustkorb oder Schulter. Bei diesem Kraftaufwand ist es nur schwer vorstellbar, dass teilweise Senioren in ihren 70ern oder auch Kinder erfolgreicher die Wand hochklettern als ich in meinen 20ern.

Spaß machte der Ausflug in viereinhalb Meter Höhe auf jeden Fall, eine Wiederholung schließe ich nicht aus. Dennoch glaube ich, dass es für die Motivation (und auch die Figur!) gut tut, wenn man regelmäßig Bouldern geht und dabei Fortschritte macht. Andreas hingegen ist schon genug motiviert. Er signalisiert am Ende der Schnupperstunde Interesse an den offenen Bouldertreffs und plant in Zukunft öfter "die Wand hoch zu gehen" und neue Routen auch in höheren Schwierigkeitsgraden auszuprobieren.