Villingen-Schwenningen

Ausprobieren, entdecken – und gewinnen

von Mareike Kratt

Jetzt wird der Fasnet endlich der Kehraus gemacht: Mit dem heutigen Aschermittwoch beginnt die Fastenzeit. Doch das auch diese nicht nur strenger Verzicht bedeuten muss, machen sowohl die katholischen als auch die evangelischen Pfarrer deutlich.

VS-Schwenningen. Die beiden Schwenninger Aschermittwochs-Gottesdienste in der St. Franziskus- und Mariä Himmelfahrts-Kirche gehören zur festen Tradition in der Seelsorgeeinheit Neckar-Baar und läuten die stillere Zeit nach den hohen Tagen ein.

Im Mittelpunkt steht wie immer die Aschebestreuung, wie Pfarrer Andreas Schulz berichtet, – "als Zeichen, dass die Menschen sich der Vergänglichkeit bewusst werden". Gleichzeitig gelte es als Aufforderung an die Christen, umzukehren – nicht irgendwohin, sondern zum Evangelium, um Gott Platz zu geben. Als Besonderheit werde zudem das Kreuz auf den Kopf gelegt, und die Asche aus den Palmzweigen des vergangenen Jahres gewonnen, um somit einen Bogen zum Palmsonntag, dem Beginn der Karwoche als Vorbereitung auf Ostern, zu spannen. "Ostern, das ist unser Ziel", so Schulz.

Sich bewusst werden, das Leben reflektieren: Das ist das große Motto der siebwöchigen Fastenzeit. Wo stehen wir gerade? Wie können wir im Alltag einen Gang herausnehmen? Wo kann vielleicht auch Jesus im Alltag vorkommen? All diese Fragen sollten dabei eine Rolle spielen. "Das ist oft leichter gesagt als getan", gibt der Pfarrer zu, wenngleich diese Aspekte in der derzeitigen Gesellschaft, die immer schnelllebiger und komplexer werde, unentbehrlich für den Menschen seien. Mitunter sollte auch der Medienkonsum hinterfragt werden. Sein Tipp: "Zusammen tut man sich immer leichter!" Familie sei ein gutes Beispiel, um gemeinsam Akzente zu setzen und sich gegenseitig zu motivieren. Auch Pfarrer Schulz wird sich Zeit nehmen für das, was zuletzt zu kurz gekommen ist: die Bibel.

Ein bewusstes Erleben, den Verzicht einüben auf das, was wirklich wichtig ist im Leben, darum geht es auch in der 40-tägigen Fastenzeit in der evangelischen Kirche. Der ursprünglich religiöse Aspekt sei zwar sehr stark zurückgetreten, berichtet Klaus Gölz von der evangelischen Stadtkirche, die Passionszeit habe aber trotzdem eine wichtige Bedeutung und werde vielmehr als Übung der Selbstdisziplin genutzt.

Und das müsse nicht nur einen negativen Charakter haben. Getreu dem Motto "Was wäre, wenn?" dürften die Menschen ruhig ausprobieren, in welchem Bereich ihres Lebens sie etwas verändern können. Es helfe zudem, von "falschen" Abhängigkeiten wegzukommen. "Es ist einfach eine gute Gelegenheit, an einer kleinen Stellschraube zu drehen", beschreibt es Gölz. Auch die Fastenaktion "Sieben Wochen ohne" habe dies bewusst aufgenommen.

Ob auf die "Klassiker", wie Alkohol, Süßigkeiten oder Autofahren, verzichtet werde oder auf etwas ganz Neues, dazu seien die Möglichkeiten weit offen. "Dieses Ausprobieren ist gleichzeitig ein Gewinn und eröffnet neue Horizonte und Freiheiten, die es vorher nicht gab", erklärt der Pfarrer.

Fasten habe in den vergangenen Jahren eine richtige Renaissance hinter sich – doch ist es damit auch zur Modeerscheinung geworden? Gölz hat dieses Gefühl nicht, wenngleich mit dem Fasten ebenso die religiöse Tradition gelebt werden sollte. In der Bibel gebe es mehrere kritische Haltungen an selbstgefälligem Fasten, das nicht zur Schau gestellt werden sollte. "Brich mit den Hungrigen dein Brot: Mit diesem Leitvers sollten die Menschen den Blick für das Leiden in der Welt gewinnen und sich solidarisch mit den Bedürftigen zeigen", erklärt der Pfarrer und nennt die Vesperkirche, die derzeit in der Pauluskirche Menschen aller gesellschaftlicher Schichten an einen Tisch holt, als gutes Beispiel dafür.

Und Klaus Gölz selber? Er werde auf "faule Ausreden, was den Sport betrifft" verzichten und versuchen, sich mehr zu bewegen. Das bringe nicht nur ein anderes Lebensgefühl in den Alltag, sondern können auch gut gemeinsam ausprobiert werden. Und gerade das mache besonders Spaß.