Villingen-Schwenningen

Abend baut neue Brücken

von Rainer Bombardi

Seit Jahrhunderten verbindet eine wechselvolle Geschichte in Freud und Leid Spätaussiedler, Russlanddeutsche, Russen und Deutsche auf eine Art und Weise, die geradezu danach strebt, die damit verbundene kulturelle Vielfalt als Chance zu erkennen.

Villingen-Schwenningen. Eine Frau, die diese Entwicklung im doppelstädtischen Sinne seit Jahren vorantreibt, ist Christa Lörcher. Als Kämpferin für den Frieden und Mitglied im Freundeskreis Tula organisierte sie in Zusammenarbeit mit dem Landratsamt und Kulturamtsleiter Andreas Dobmeier einen Abend der Begegnung.

Überrascht von der Resonanz der über 200 Besucher skizzierte sie die Bedeutung derartiger Begegnungen der Kulturen als eine Gelegenheit, die den persönlichen Austausch untereinander ermöglicht. Lörcher bezeichnete ihr Aufeinandertreffen mit der russischen Kultur und Lebensweise als hilfreich in Bezug auf einen Abbau von Barrikaden gegenüber Fremdem. Zudem bezeichnete sie die vor 25 Jahren von einigen Männern und Frauen initiierten Hilfslieferungen nach Tula als einen Glücksfall, ohne den die Freundschaften zur heutigen Partnerstadt nie zustande gekommen wären. In turbulenten Zeiten nannte sie die entstandenen Freundschaften hilfreicher denn je. "Nur zusammen sind wir frei", betonte Olga Schulz von der Caritas, die in einem glücklichen Leben und Zusammensein eine Basis für eine lebenswerte Heimat sieht. Die Heimkehr in die Fremde zu akzeptieren, hat für sie auch mit zahlreichen friedlichen Begegnungen auf Vereinsebene, im kulturellen Leben und in der Gesellschaft zu tun.

Für Kulturamtsleiter Dobmeier war es höchste Zeit für einen derartigen Abend, der neue Brücken in der kulturellen Metropole der Region baut. Er sprach von der Migration als neuer Herausforderung und stufte die Integration der Menschen als eine Grundvoraussetzung eines gestalterischen Miteinanders ein. Der Abbau von Vorurteilen nach innen und außen besteht auch für Sozialdezernent Jürgen Stach im Errichten von Brücken zu den Nachbarn unterschiedlichster Kulturen. Musikalisch überwanden die routinierte Akkordeonistin Iryna Frehse, ihr Kinderchor "Märchentruhe" und der Frauenchor Souvenir unter der Leitung von Valentina Hermann locker diese Brücken. Die Organisatoren luden mit dem Freiburger Hans-Werner Retterath von Institut für Volkskunde der Deutschen des östlichen Europa einen Festredner ein, dem es aus seinen mehr als einem Vierteljahrhundert gesammelten Erfahrungen und Forschungsergebnissen gelang, die schicksalhaften und glücklichen Begegnungen von Russen und Deutschen in wenigen Worten zu beschreiben. Retterath sprach von einer Integration, die im sozialen und im kulturellen Bereich stattfindet und längst dazu führte, dass sich immer mehr Menschen auf Augenhöhe begegnen.

In Villingen-Schwenningen leben Menschen aus 135 Nationen. Unter den Ausländern stellen die Russlanddeutschen mit 6688 Personen die größte Gruppe dar. Es folgen die Italiener, die mit 2200 Personen den zweitgrößten Anteil stellen. Es leben 1679 Türken in der Doppelstadt.