VfB Stuttgart

"Glück haben wir uns erarbeitet"

von Dirk Preiß und Thomas Näher

Stuttgart - Die Fußball-Bundesliga macht Länderspielpause. Zeit für Bruno Labbadia, die Situation beim VfB Stuttgart zu beleuchten. Bei aller Zuversicht erwartet der Trainer einen Marathon. "Diesmal ist der Kampf gegen den Abstieg so schwer wie nie zuvor. Er kann für uns bis zum letzten Spieltag dauern", sagte Labbadia.

Herr Labbadia, Sie haben mit dem VfB zuletzt zehn von zwölf möglichen Punkten geholt. Die Länderspielpause kommt Ihnen vermutlich nicht gelegen, oder?

Angesichts der vielen angeschlagenen Spieler wäre ich froh, wenn wir jetzt Zeit zum Regenerieren hätten. Aber neun Nationalspieler sind unterwegs, andere wie Zdravko Kuzmanovic und Serdar Tasci haben sich neu verletzt oder haben Beschwerden. Aber die wenigen Spieler, die fit sind, können die nächsten Tage sehr gut nutzen.

Wie sehr belastet Sie die Situation? Können Sie jetzt auch mal durchatmen?

Das ist im Kampf gegen den Abstieg sehr schwierig. Ich schlafe generell nicht mehr als vier, fünf Stunden pro Nacht, das gelang mir auch am Sonntagabend. Nach dem 1:1 gegen Wolfsburg hat bei mir die Freude über die Moral der Mannschaft überwogen.

"Wir jammern nicht"

Die Verletztenmisere zieht sich durch die ganze Saison. Wie schaffen Sie und die Spieler es, sich nicht entmutigen zu lassen?

Manchmal denke ich schon: Müssen wir hier jede Prüfung über uns ergehen lassen? Kuzmanovic war einer der wenigen Spieler, die vorher nicht angeschlagen waren - und genau der verletzt sich dann. Wir jammern nicht, aber ich weiß seit meinem ersten Tag hier, auf welch dünnem Eis wir uns bewegen.

Die Mannschaft punktet und punktet - und hat sich trotzdem noch kein Polster verschaffen können.

Deshalb ist es so wichtig, dass wir immer wieder Moral zeigen. Das hat uns dahin gebracht, dass wir zumindest weiter im Geschäft sind. Die Mannschaft strotzt nicht vor Selbstsicherheit, aber sie zeigt wieder eine positive Reaktion, auch nach Gegentoren.

Der eine oder andere Spieler mit Führungsqualitäten könnte auch helfen.

Führungsspieler kann es nicht geben, wenn man mit solchen Problemen zu kämpfen hat wie wir. Jede Mannschaft braucht eine funktionierende Achse. Vergangene Saison waren das Jens Lehmann im Tor, Matthieu Delpierre und Serdar Tasci in der Abwehr, Sami Khedira und Alexander Hleb auf seine Art im Mittelfeld und vorn Cacau. Diese Achse haben wir fast komplett verloren, sei es durch Abgänge oder durch ständige Verletzungen.

Wie können Sie zusammen mit Ihrem Trainerstab der Mannschaft helfen?

Wir geben im Training Lösungsmöglichkeiten vor, aber im Spiel hat die Mannschaft die Entscheidungsgewalt. Jeder muss die Laufwege des anderen kennen, aber was daraus entsteht, muss die Mannschaft in der jeweiligen Situation entscheiden. 

"Das Gesamtpaket ist entscheidend"

Zuletzt hatte die Mannschaft auch eine Menge Glück... 

Das gehört dazu. Ohne Glück hast du keine Chance. Gegen Wolfsburg haben wir am Ende auf eine Dreier-Abwehr umgestellt, da sind wir ein großes Risiko eingegangen. Dann macht Khalid Boulahrouz in der gegnerischen Hälfte einen Fehler, verliert den Ball, rennt zurück und klärt im eigenen Strafraum. Das beweist unsere Moral - und dass wir uns das Glück hart erarbeitet haben. Andererseits: Wer sich nur auf sein Glück verlässt, handelt fahrlässig. Das Gesamtpaket ist entscheidend.

Der Verein muss auch schon nach vorn schauen. Sie wissen noch nicht, ob der VfB in der kommenden Saison in der Bundesliga oder in der zweiten Liga spielt. Wie schwierig ist es da, die Personalplanungen voranzutreiben?

Das muss begleitend laufen, und das läuft auch hinter den Kulissen. Ich habe mit unserem Manager Fredi Bobic jemanden an meiner Seite, mit dem ich nicht lange reden muss, sondern gleich handeln kann. 

Können Sie da schon etwas konkreter werden?

Wir werden aus dieser Saison unsere Schlüsse ziehen. Und dann werden wir versuchen, mittelfristig etwas aufzubauen.

Apropos Trainer: Wie beurteilen Sie die hektischen Wechsel in der Liga?

Diese Entwicklung ist nicht optimal. Der Stellenwert von uns Trainern ist zu gering. Und die Vereine tun sich keinen Gefallen, wenn sie so schnell von ihren Trainern abrücken. Mehr Kontinuität wäre für unseren Berufsstand besser.