Ulrike Feld coacht Musiker

Immer mit der Ruhe!

von Katja Bauer

Berlin - Ulrike Feld verfügt über eine Eigenschaft, die man sich als Zeitungsmensch eigentlich nicht wünschen kann: Sie ist ausgesprochen verschwiegen. Und so sitzt man also in ihrem Arbeitszimmer in einer großbürgerlichen Berliner Gründerzeitwohnung und betrachtet, wie sie statt einer Antwort ein feines, freundliches Lächeln auf ihrem Gesicht erscheinen lässt. Schweigen. Lächeln. Schweigen.

Die Frage war: „Welche Stars waren denn schon hier?“ Statt Namen zu nennen, sagt Ulrike Feld nach einer ganzen Weile: „Wissen Sie, Diskretion ist in meiner Welt ein sehr hohes Gut.“ Natürlich. Welcher große Tenor will schon, dass sein Publikum erfährt, wie ihm vor jedem Ersten Akt so dermaßen die Knie zittern, dass es womöglich auch da ein Tremolo gibt, wo gar keines hingehört? Bei Ulrike Feld ist er sicher – in jeder Hinsicht. Feld ist Fachfrau für Angst bei Musikern und Sängern. Sie weiß genau, wie man sie verjagen kann. Sie lehrt das.

Hier in ihrem Arbeitszimmer, einem riesigen Raum voller Bücher und Musik mit weitem Blick in grüne Baumkronen und zwei extrem beruhigenden Irish Setter. In Orchesterproberäumen oder an Musikhochschulen: Sie stellt sich zusammen mit der Konzertpianistin dem Gefühl des Lampenfiebers, das sich so schlimm steigern kann, dass die Finger zu glitschig für die Tasten werden. Sie lehrt den Bariton, sich mit der Macht der Gedanken zu beruhigen, damit die Angst ihm nicht mehr den Atem wegpressen kann.

Die kleine Ulrike liebte ihre Gitarre

„Coaching für die Musikwelt“ steht auf der kunstvoll gestalteten Visitenkarte der Psychologin und Musikwissenschaftlerin, und wenn sie sie überreicht, ist sie es gewohnt, dass die Menschen sich nicht richtig etwas darunter vorstellen können. Denn Ulrike Feld hat ihren Beruf praktisch erfunden. Oder anders gesagt: Er hat sich aus ihrem Leben heraus entwickelt.

Angefangen hat alles mit Musik. Dass sie die von Herzen liebt, hat sie ziemlich früh gemerkt, zu Hause in Heidelberg in ihrem Elternhaus, wo sie mit zwei jüngeren Geschwistern aufwuchs. Musik gehört selbstverständlich zum Leben: „Es war klar, dass jedes Kind ein Instrument lernte.“ Daraus muss noch lang keine Leidenschaft entstehen, aber die kleine Ulrike liebte ihre Konzertgitarre – und zwar so sehr, dass sie die Musik zum Beruf machen wollte.

Nach einem Vorstudium an der Musikhochschule Karlsruhe wusste sie, wie einsam das Üben Profimusiker macht. Und immer mehr rückte für sie eine andere Frage in den Mittelpunkt ihres Interesses: „Ich wollte so gerne verstehen: Warum klingt Beethoven nach Beethoven? Wie entsteht unsere Musik?“ Sie studierte Musikwissenschaften in Heidelberg und merkte, dass ihre große Lust im Recherchieren lag.

Die Stadt der unbegrenzten Möglichkeiten

Neugierde war es auch, als sie 1988, ein Jahr vor dem Mauerfall, nach Berlin zog. „Ich wollte einfach in einer anderen Stadt leben, wissen, wie das ist.“ Wie so viele zugezogenen Berliner kam auch Ulrike Feld nicht, um hierzubleiben. Und wie so viele, die das nicht vorhatten, wurde sie vom rauen Reiz der Stadt mit der Zeit dicht umgarnt. Erst recht, als die Mauer fiel: drei Opern, die Philharmonie, Theater, Musik, eine uferlose Off-Szene. Und überall die Möglichkeit, sich von neuen Entwicklungen finden zu lassen, die zu suchen man nicht mal im Traum auf die Idee gekommen wäre.

„Die Stadt ist so frei, sie lässt einem schier unbegrenzte Möglichkeiten“, sagt Ulrike Feld. Damals genoss sie das in vollen Zügen. Abends saß sie in der Oper oder im Konzert. Und tagsüber wühlte sie in Noten – immer auf der Suche nach dem Grund für den speziellen Klang. Sie rekonstruierte für die Philharmonie alte Werke, recherchierte, forschte, ergänzte fehlende Takte: Irgendwann war sie eine der ganz wenigen Experten, die sehr genau wussten, wie die Musiker, für die zum Beispiel Telemann komponiert hatte, ihre Instrumente spielten und welche Spielanweisungen zu welchem Klang führen. „Was ich machte, war im Grund Detektivarbeit.“

Eine Art Meisterstück gelang ihr mit der Rekonstruktion eines verschollenen Balletts, das auf verschlungenen Pfaden nach Russland gelangt war und dort vor mehr als 20 Jahren in einer Schachtel wieder auftauchte. Ewigkeiten saß Ulrike Feld über den Kopien der schimmeligen, löchrigen Pergamentblätter, ergänzte verlorene Musikstellen, richtete ein, formulierte aus, bis im Herbst 1995 „Der Feensee“ nach einer Oper von Daniel Auber aufgeführt wurde. „Es war ein riesiges Puzzle“, sagt sie heute.

Der Dauerstress ist eine Gefahr

Auch wenn sie meist tief in ihre Noten versunken war, hatte Ulrike Feld doch ständig mit Musikern zu tun. „Und dabei merkte ich, dass die eigentlich viel mehr brauchen, als ihnen in ihrer Ausbildung beigebracht wird. Die sind extrem hohen Stressfeldern ausgesetzt.“ Das interessierte sie so sehr, dass sie ein komplettes Psychologiestudium und diverse therapeutische Zusatzausbildungen absolvierte, während sie gleichzeitig immer noch für Musiktheater und -verlage arbeitete.

„Musiker haben dieselben Stressspitzen wie Piloten beim Start. Das ist positiver Stress. Aber wenn er nicht absinken kann, wird er gefährlich.“ Natürlich, jeder denkt zuerst ans Lampenfieber, an die Versagensangst desjenigen, der sich im Auftritt exponiert. Feld kennt Profis, die Betablocker zur Beruhigung schlucken, Geiger, deren Hände zittern, Menschen, die so viel Angst vor der Ablehnung haben, dass sie am Ende nicht mehr auftreten können. „Sänger müssen oft zu 30 oder 40 Castings, bevor sie eine Rolle haben. Sie kommen eine Runde weiter, werden ausgesiebt, landen vor der Tür.“ Was macht man, damit einen dieses Maß an Ablehnung nicht demotiviert? „Es ist eine unglaublich harte Erfahrung.“

Und es gibt so viele Felder, auf denen Musiker alleingelassen sind: Wie kommt man mit zwischenmenschlichen Konflikten klar in einem kleinen Ensemble, in dem man auf Gedeih und Verderb aufeinander angewiesen ist? Wie geht man mit seiner Zeit um, wenn erst über lange Monate gar nichts und dann plötzlich alles auf einmal klappt? Wie gründet man eine Existenz, wie sichert man sich richtig ab? Ulrike Feld coacht inzwischen Musiker in allen professionellen Fragen: Sie lehrt Entspannungsmethoden, hilft bei Existenzgründung und Zeitmanagement, und trainiert für Bühnenpräsentation. „Für den Sänger ist der ganze Körper das Instrument. Das fängt schon dabei an, das Richtige zu essen und zu trinken“, sagt sie. „Wichtig ist auch, gut zu schlafen und mal richtig abzuschalten.“

Die Hunde geben ihrem Leben einen Rhythmus

Ihr selbst helfen dabei Cira und Cena, ihre beiden Hunde, mit denen sie privat in Wannsee lebt – ganz dicht im Grünen am Rande der großen, grauen Stadt. „Die Tiere sind meine Rettung. Ich neige dazu, zu viel zu arbeiten“, sagt Ulrike Feld. „Und die zwei zwingen mich dazu, einen Rhythmus einzuhalten.“ Und so beginnen ihre Tage morgens um sechs mit den Hunden im Wald, und dort enden sie auch.

Vom Kulturbetrieb in Berlin, der Tag und Nacht ein, wie sie sagt, „zauberhaftes Angebot“ macht, braucht sie inzwischen richtig selbstverordnete Pausen. Ulrike Feld geht seltener in die Oper als früher. Und auch zu Hause läuft Musik niemals nebenher. „Da hat sich meine Wahrnehmung einfach geändert“, sagt sie. Oft müsse sie sich zwingen, das professionelle Ohr abzuschalten.

Ulrike Felds Büro liegt im Westen der Stadt, in vertretbarer Entfernung zum Büro – denn eines, woran sie sich in all ihren Berliner Jahren immer noch nicht gewöhnt hat, das sind die ewig langen Wege. „Ein großes Problem an Berlin ist die Verschwendung von Lebenszeit“, sagt sie ein bisschen scherzhaft.

Die schiere Größe der Millionenstadt bedeutet: Überall sind Menschen, alle wollen im Zweifelsfall zum selben Zeitpunkt dasselbe, also ist es voll und es dauert lange. „Dieser Aspekt der Stadt kann sehr anstrengend sein“, sagt Ulrike Feld. Genau wie die Berliner Schnauze. „Wobei die Wirklichkeit ist: hinter der Schnauze finden sich sehr viele nette Menschen.“

Wie die meisten Berliner, die nicht hier geboren sind, sondern irgendwann herkamen, so liebt auch Ulrike Feld die Stadt für diese überall spürbare Möglichkeit, einfach der zu sein, der man sein will – ohne dass es jemanden stört. Die Kehrseite dieser Freiheit: die Anonymität, die manchmal in allgemeine Wurschtigkeit mündet. „Neulich“, sagt Feld, „hab’ ich mit einer Behörde in Karlsruhe telefoniert. Da bin ich fast erschrocken, wie freundlich und bemüht der Mensch am anderen Ende war, mir zu helfen. Der nannte mich sogar beim Namen.“