Toter bei SEK-Einsatz in Stuttgart

Der Tote mit den vielen Namen

von Wolf-Dieter Obst

Stuttgart - Wer war der Mann aus Zimmer 600? Nach dem tödlichen Sprung von einem Hotelbalkon bei einem SEK-Einsatz in Möhringen war die Kripo am Mittwoch vor allem damit beschäftigt, die wahre Identität des Mannes zu klären, der vor der Polizei flüchten wollte. Der Verdächtige, der wegen gewerbsmäßigen Betrugs gesucht worden war, hatte viele Identitäten. Er war mit zahlreichen Falschnamen unterwegs, teils von tatsächlich existierenden Personen. Zuletzt soll er sich als Brite ein Apartment in den Suites am SI-Centrum gemietet haben. Im Dachgeschoss, Zimmer 600.

Der Brite war in Wirklichkeit ein Deutsch-Holländer. Ein von der Stuttgarter Kripo im Hotelzimmer gefundener Ausweis und seine Fingerabdrücke identifizierten ihn als einen bereits polizeibekannten 30-Jährigen. „Er war wegen Diebstahls und räuberischen Diebstahls vorbestraft“, sagt der Stuttgarter Polizeisprecher Jens Lauer. Der 30-Jährige soll auch eine gewisse Zeit hinter Gittern verbracht haben.

Der Mann wurde seit August dieses Jahres von der Kripo und Staatsanwaltschaft Tübingen gesucht. Vorwurf: Verdacht des gewerbsmäßigen Betrugs. Es soll mehrere Geschädigte geben, die ihm ihre Ersparnisse für ein angeblich renditeträchtiges Unternehmen anvertrauten. „Er hatte seinen Opfern erklärt, dass er eine Firma in England gründen wolle und eine gewinnbringende Teilhabe versprochen“, sagt Tatjana Grgic, Sprecherin der Tübinger Staatsanwaltschaft. Die Summe sollte später zurückgezahlt werden – mit weitaus höheren Zinsen als auf einem Sparbuch. Dabei dürfte er mehrere Zehntausend Euro ergaunert haben. Über die angebliche Art der Geschäfte ist nichts bekannt. Doch offenbar hatte der Mann ein überzeugendes Auftreten.

Wer er wirklich war, blieb zunächst unklar. Niemand kannte seine wahre Identität und seinen Aufenthaltsort. „Er dürfte sich bereits seit 2015 in Tübingen aufgehalten haben“, sagt der zuständige Polizeisprecher Josef Hönes. Wie die Ermittler herausfanden, bewegte sich der zunächst Unbekannte mit den vielen Alias-Namen bevorzugt in Kreisen von Studenten. Dort fand er seine Ansprechpartner und auch seine Opfer. Die merkten viel zu spät, dass er falsche Versprechungen gemacht hatte. Im August erstattete dann aber der erste Betroffene Anzeige bei der Polizei.

Freilich bewahren auch falsche Namen nicht davor, Spuren zu hinterlassen. Die Tübinger Kripo spürte den Verdächtigen „durch akribische Ermittlungen“ in Möhringen auf. Er hatte sich nach Erkenntnissen der Fahnder in dem siebengeschossigen Gebäude des Hotels SI-Suites am Musical-Zentrum in einem der 192 Zimmer eingemietet. In dem Komplex an der Plieninger Straße gibt es nicht nur Tagesgäste, es sind auch Langzeitaufenthalte möglich. Der Beschuldigte sollte am Dienstag dingfest gemacht werden. Die Staatsanwaltschaft ordnete am Mittag die Festnahme an. Am Nachmittag sollte der Verdächtige in Zimmer 600 des Hotels festgenommen werden.

Weil der Polizei von den Geschädigten Informationen vorlagen, dass der Gesuchte gewalttätig und womöglich sogar im Besitz von Waffen sein könnte, wurde das Spezialeinsatzkommando (SEK) aus Göppingen angefordert. Die Spezialisten des Polizeipräsidiums Einsatz sollten den Verdächtigen überraschen und dingfest machen.

Todesfälle bei SEK-Einsätzen sind selten

Der Einsatz nahm dann aber einen überraschend anderen Verlauf. Als die SEK-Beamten gegen 17.30 Uhr im obersten Stockwerk in das Zimmer 600 eindrangen, gab es offenbar eine Kurzschlussreaktion. „Der Tatverdächtige rannte unvermittelt auf den Balkon und sprang über die Brüstung“, sagt der Stuttgarter Polizeisprecher Jens Lauer. Vom Dachgeschoss fiel der Mann sieben Stockwerke in die Tiefe. Beim Aufprall erlitt er schwerste Verletzungen, an denen er noch am Abend in einem Krankenhaus verstarb. Ob der 30-Jährige in Panik geraten war, ob ihm im Moment des überstürzten Fluchtversuchs die Höhe seines Apartments gar nicht bewusst war oder ob er angesichts der aussichtslosen Lage Suizid begehen wollte – das Motiv des tödlichen Sturzes wird sich wohl kaum mehr klären lassen. Auch das Betrugsverfahren hat sich mit dem Tod des Beschuldigten erledigt.

Die Ermittlungen zum Einsatz hat nun die Mordkommission der Kriminalpolizei des Polizeipräsidiums Stuttgart übernommen. „Dabei wird natürlich auch der Ablauf der Aktion untersucht“, sagt Sprecher Lauer. Routinemäßig prüft die Staatsanwaltschaft, ob es beim SEK-Einsatz womöglich Fehler gegeben hatte. Die Mordkommission soll auch hierzu Erkenntnisse sammeln.

Todesfälle bei SEK-Einsätzen in Baden-Württemberg sind freilich äußerst selten. In den 40 Jahren des Bestehens der Spezialeinheit gab es beispielsweise erst zwei Mal einen tödlichen Schuss aus der Dienstwaffe. Zuletzt vor fast genau einem Jahr – am 11. Juli 2015 in Holzgerlingen (Kreis Böblingen). Ein 29-Jähriger hatte in einem Wohnhaus eine Familie als Geisel genommen. Als der Mann beim Zugriff des SEK auf die Beamten schießen wollte, wurde er von drei Polizeikugeln tödlich getroffen.