Stuttgart 21

Baustart am Flughafen nicht vor 2016

von Michael Deufel

Auf den Fildern gerät die Bahn unter immer größeren Zeitdruck. Der Bau des Flughafenbahnhofs verzögert sich um mindestens ein Jahr. Grund: Das Regierungspräsidium hat sich mit seiner Forderung durchgesetzt, die öffentliche Erörterung der Einwände auf September zu verschieben.

Stuttgart - Christophe Jacobi ist den Umgang mit Widerstand gewohnt und – nach eigenem Bekunden – in der Lage, unterschiedliche Interessen zusammenzuführen. „Bei der ICE-Strecke Karlsruhe–Basel hatte ich es mit sechs Bürgerinitiativen zu tun“, sagt der Bahn-Planer. Als klar war, dass er zum Projekt Stuttgart 21 wechseln sollte, habe das durchaus mancher der dortigen Gegenspieler bedauert.

Ob Jacobi, der inzwischen die Planung der Flughafenanbindung im Rahmen von S 21 verantwortet, auch hiesige Kritiker besänftigen kann, wird sich im öffentlichen Erörterungsverfahren zeigen. Bis es dazu kommt, wird es freilich länger dauern, als von der Bahn gewünscht. Die Erörterung der rund 5500 Einwendungen zum sogenannten Planfeststellungsabschnitt 1.3 findet erst in der zweiten Septemberhälfte statt, was einer Verzögerung um neun Wochen gleichkommt. Um den ohnehin kritischen Zeitplan beim Flughafenbahnhof nicht noch weiter zu strapazieren, hatte die Bahn immer einen Termin im Juli gefordert.

Doch das Regierungspräsidium (RP) als für die Bewertung der Einwendungen zuständige Behörde hat sich mit seinem Ansinnen nach einer Verschiebung offenbar durchgesetzt. „Wir stehen hinter dem Vorschlag des RP“, erklärte dazu Stuttgart-21-Sprecher Wolfgang Dietrich am Donnerstag.

Tatsächlich dürfte die Bahn die neuerliche Verzögerung nur zähneknirschend akzeptiert haben, denn die Hoffnung auf eine Baugenehmigung durch das Eisenbahn-Bundesamt (Eba) Anfang 2015 hat sich damit zerschlagen. „In der zweiten Jahreshälfte 2015 sollte die Genehmigung erteilt werden, denn dann sind alle zeitlichen Reserven aufgebraucht“, so Chris­tophe Jacobi. Vor 2016 kann demnach auf den Fildern nicht gebaut werden.

Es gelte jetzt, „sowohl durch eine professionelle und parallel zum Genehmigungsprozess laufende Vorbereitung als auch durch eine optimierte Vergabe und Bauausführung“ den Zeitverzug wettzumachen, ergänzt S-21-Projektchef Manfred Leger. Konkret heißt das: Detailplanung und Ausschreibung will die Bahn ohne Genehmigung vorantreiben, was natürlich mit einem Risiko behaftet sei, wie Jacobi einräumt. Stand jetzt steht laut Dietrich die Inbetriebnahme Ende 2021 nicht infrage.

Für das Regierungspräsidium gab es offenbar keine Alternative zur Verschiebung. „Der Juli wäre als Termin zu knapp gewesen, um die hohe Anzahl der Einwendungen ausreichend genau bearbeiten zu können“, erläuterte RP-Sprecher Robert Hamm am Donnerstag. Wie berichtet fehlen noch einige Gutachten. Als zweiten Grund nennt Hamm die jüngsten Kommunalwahlen.

Die neu gewählten Volksvertreter sollen „nicht ohne ausreichend Vorlauf in ein solches Verfahren eintreten müssen“. Steffen Siegel von der Schutzgemeinschaft Filder begrüßt den späteren Termin: „Wir können uns nun besser darauf vorbereiten.“ Die Schutzgemeinschaft dürfte einer der Hauptakteure bei der Erörterung werden. In ihrem 130-seitigen Einspruch bezweifelt die Bürgerinitiative vor allem die Tauglichkeit der Flughafenanbindung für einen kombinierten Verkehr aus S-Bahnen, Regionalzügen und ICE. Engpässe würden negativ auf das Gesamtsystem von S 21 durchschlagen.

Neben der verkehrlichen Funktionalität werden im Erörterungsverfahren Kriterien wie Notfallkonzept, Brandschutz und Naturschutz abgeklopft. Ums äußere Erscheinungsbild des Bahnhofs geht es dabei nicht. „Diese Dinge sind im Fluss und in der Prüfung“, so Jacobi . Soll heißen: Ideen zu Fassadengestaltung werden mit allen Beteiligten besprochen. Dazu zählt unter anderem die Flughafen Stuttgart GmbH, die von den 716 Millionen Euro Kosten für die Flughafenanbindung 359 Millionen Euro übernimmt. Gedacht ist an einen Baukörper, der 15 Meter von den Flughafenterminals wegrückt und sich harmonisch in die Umgebung einpasst.

Mit einer Etage weniger soll das Gebäude, durch das die Passagiere die unterirdischen Bahnsteige erreichen, nur noch acht bis neun Meter hoch sein. Jacobi favorisiert eine Fassade aus Glas und Lamellen aus Metall. „Was spruchreif ist, werden wir mit allen Nachbarn abstimmen.“ Mit einer Einschränkung: „Wir können uns nicht zurücklehnen und alle Vorschläge unter der Ägide eines guten Dialogs berücksichtigen“, formuliert Jacobi etwas verklausuliert. S-21-Sprecher Dietrich übersetzt: „Die Bahn kann nur Dinge bauen, die den Terminplan nicht gefährden.“

Auf 100 Millionen Euro werden die Mehrkosten geschätzt, sollte die komplette S-21-Infrastruktur erst Ende 2022 fertig werden.