Straubenhardt

"Die Mode hat die Roller nicht mehr gewollt"

von Christoph Jänsch

Rolf Schöninger lebt nach dem Motto: "Wer rastet, der rostet." Immer neue Ideen treiben ihn an, aktiv zu werden und Visionen auszuprobieren. Vor Kurzem hat er nun den Tretroller zur ökologischen Fortbewegung für sich entdeckt.

Straubenhardt-Conweiler. Rolf Schöninger ist 79 Jahre alt, um die 1,85 Meter groß und von drahtiger Statur. Seine Haut ist bereits im Frühjahr sommerlich gebräunt. Die überschaubaren Lachfalten in seinem Gesicht und seine gelenken Bewegungen lassen ihn so vital wirken, als sei er gerade einmal 60. Mit seinem Dreitagebart, der rahmenlosen Brille und seiner Denkerstirn wirkt der Rentner wie der Inbegriff eines findigen Tüftlers. In der Hofeinfahrt seines Hauses steht eine restaurierte "Ente", auf dem Boden liegen Inliner, zwei Fahrräder lehnen an der Wand, ein Kanu hängt an der Decke seines Carports und ganz vorne steht der Tretroller – so als wäre Schöninger eben erst von seiner jüngsten Tour zurückgekehrt. Der gelernte Werkzeugmechanikermeister und Konstrukteur ist beileibe nicht nur Tüftler, sondern auch begeisterter Sportler.

Als er ins Haus führt, fällt sofort ein Treppenlift auf, der von ganz unten bis unter das Dach führt. "Der funktioniert gerade nicht", unterstreicht Schöninger sofort seine Beweglichkeit, als könne er Gedanken lesen. "Meine Frau kommt von einer Überraschung in die nächste", sagt Schöninger lachend als er die Treppe herauf führt. Seine Frau Marga findet es hingegen weniger lustig: "Es ist nicht einfach, aber ich habe immer etwas zu tun, wenn mein Mann seinen verrückten Hobbys nachgeht." "Wissen Sie", erklärt Schöninger, "im Alter stauen sich manche Sachen an. Ich möchte einmal im Leben Dinge machen, die ich zuvor noch nie gemacht habe."

Schöningers neueste Leidenschaft ist zwar nichts ganz Neues für ihn – aber zumindest neu entdeckt. "In meiner Kindheit war unser Lieblingsspielgerät die Radelrutsch aus Holz", verrät der 79-Jährige. Heute ist es sein Tretroller aus Aluminium mit Gummirädern. Auf den Geschmack gekommen sei der Rentner, nachdem sein inzwischen ­20-jähriger Enkel seinen Roller aussortiert hat. Seitdem benutzt ihn Schöninger.

"Es geht in Zukunft nicht, dass wir Autos mit 20 Zentner und mehr bewegen, die meist nur eine Person transportieren", erklärt der Werkzeugmachermeister, "das müsste man abschaffen." Zwar fahre auch er selber gerne Auto, aber eben nur, wenn es unbedingt sein müsse. "Gehen ist die ureigenste Fortbewegung – und überall, wo der Mensch zur Fortbewegung höher sitzt, hängt mit Fremdenergie zusammen", beschreibt Schöninger. Der Roller hingegen werde nur mit Eigenenergie in Form eines Beinschlages betrieben – "so kann man sich also auch fortbewegen. Das ist eine Technik, die muss ich kaum erlernen." Beispielsweise zum Einkaufen benutze Schöninger daher gerne den Roller. Zudem habe er vor Kurzem einen Freund in Bayern mit der Bahn besucht. "Am Zielbahnhof angekommen, habe ich den Roller auseinandergeklappt und das restliche Stück damit zurückgelegt." Leicht und handlich wie er ist, sei der Roller ideal für solche Strecken.

Seine Lieblingsroute sei jedoch der vor wenigen Jahren neu asphaltierte Radweg von Wildbad nach Enzklösterle mit einem "Traum-Asphalt". Auf diesem "total glatten" Streckenabschnitt habe Schöningers Roller kaum Reibungswiderstand. Und der Tüftler hat weitere Vorteile parat: "Das Naturerlebnis ist mit dem Roller optimal, weil man nicht ganz so schnell fährt wie mit dem Rad und eine bessere Rundumsicht hat." Außerdem fände er die Bewegungsposition "optimal". Allerdings sollte der Raddurchmesser laut Schöninger mindestens 20 Zentimeter haben.

"Ach so ja", beginnt der unruhige Rentner immer wieder seine Sätze, wenn ihm ein Gedanke kommt, den er unbedingt loswerden möchte. Schöninger hat so viel zu erzählen, dass er gar nicht weiß, wo er anfangen soll. Das nötigt seiner Frau hin und wieder ein Schmunzeln oder Stöhnen ab. "Ach so ja", fängt der 79-Jährige also an und erklärt, warum er auch die Elektro-Mobilität kritisch betrachtet: "Das ist die nächste Geschichte, wo wir überrumpelt werden, nicht unsere eigene Energie zur Fortbewegung zu nutzen." Er sehe es so: "Mit jedem Elektro-Motor, den die Industrie herstellt, müssen wir zusätzliche Energie produzieren. Stattdessen sollten wir eigentlich alle Möglichkeiten ergreifen, um weniger Strom zu verbrauchen."

Schöninger würde sich wünschen, die Roller wieder häufiger im Handel zu sehen. "Die Mode hat die Roller irgendwann nicht mehr gewollt – es hat einen Hang zur Lächerlichkeit, aber in Zeiten der Energiewende sollte diese Lächerlichkeit überholt sein", zeigt sich Schöninger überzeugt. Eine Neukonstruktion müsse eben "vom Design her ansprechend sein". So würde der Roller in unserer Bewegungswelt "wahrscheinlich mehr genutzt". Denn Ideen, wie man den Tretroller noch verbessern könnte, hat der Konstrukteur zu Genüge. Zum Beispiel könne man die Gabel mit dem Rad anders verbinden, um eine ruhigere Lenkung zu erhalten. Außerdem hat Schöninger bei seinem Roller schon die vordere Achse verstärkt, da sich bei starker Nutzung zuvor "Konstruktionsmängel" herausgestellt hätten.

Schöningers Vision wäre, die Fortbewegung auf Rollen irgendwann mit dem Vortrieb aus Flügelschlägen zu verbinden. Denn an Flügelkonstruktionen baut Schöninger schon seit Jahren. Seine Arbeiten seien die Ergebnisse schlechten Fernsehprogramms, lacht der Rentner und möchte den Menschen, die "irgendwo verrückte Ideen haben" mit auf den Weg geben, diese bloß weiter zu verfolgen: "Visionen wachsen und führen mit Realitätssinn zu naturnahen Lösungen." Die Frage, ob Schöninger nicht doch irgendwann selbst E-Bike fahren könnte, weist er erwartungsgemäß zurück: "Nein, um Gottes Willen, das kaufe ich nie." Doch nachdem er kurz sinniert hat, rudert der Rentner zurück: "Wobei, ich kann körperlich einen Zustand erleben, wo ich dann doch darüber nachdenke und das Sinn macht."