Spott und Häme

"Politik kämpft um ihre Rolle"

von Claudia Lepping, Berliner Redaktion

Berlin - Das Image von Politikern in Deutschland ist miserabel, klagt Bundespräsident Christian Wulff. Sie haben es schwerer als früher, kontert der Historiker und Biograf Gerd Langguth: "Politiker sollten deshalb nicht auch noch Allzuständigkeit und Allmacht betonen."

Herr Langguth, Präsident Wulff bedauert, die Bürger begegneten Politikern mit Häme, Spott und Misstrauen. Was machen Politiker falsch - was Bürger?

Ich will die Politiker nicht von der Verantwortung entbinden, eine Teilschuld für diese Häme und Spott zu tragen. Aber sie haben es auch schwerer als früher. Heute gibt es eine ausgeprägtere mediale Öffentlichkeit und viel mehr Konkurrenzen zu den Parteien in Form von Bürgerinitiativen oder Nichtregierungsorganisationen. Früher war Politik zwar auch nicht beliebt, aber es gab mehr Bereitschaft, die Führungsrolle der Politik zu akzeptieren. Heute kämpft die Politik um ihre Führungsrolle in der Gesellschaft. So einer wie Wulff, der Bundespräsident, ist gleichsam kraft Amtes beliebt und verfügt über Autorität. Aber jeder andere, der sich in das Abenteuer Politik stürzt und um ein Mandat bewirbt, erlebt eine politische Härte, die nur ein besonderer Typ Mensch durchzustehen in der Lage ist.

Warum fehlt es an Respekt vor Politikern - im Vergleich zu den harten Knochen Strauß und Wehner oder Schmidt und Kohl, die entweder verteufelt oder geliebt wurden?

Die Leute haben diesem Quartett aber auch inhaltliches Format unterstellt. Damals gab es vor dem Hintergrund des Ost-West-Konfliktes noch ideologische Grundpositionen - verkürzt gesagt war man entweder Anti-Sozialist oder Pro-Sozialist: Entweder man mochte die SPD oder sah sie als Schaden für das Land an. In den Kämpfen damals ging es wertegebunden um sehr grundsätzliche Entscheidungen wie Westbindung oder Europapolitik, während in der heutigen, sehr stark pragmatisch geprägten Welt der Eindruck entsteht, es ginge nur noch um Macht und Einfluss. Davon profitiert allerdings die Linkspartei, weil einige Wähler noch die ideologischen Grabenkämpfe suchen. Die deutsche Gesellschaft aber ist in die "Mitte" gerutscht - diejenigen, die sich als dezidiert "rechts" einschätzen, haben sich in der Anzahl halbiert.

Es gibt also zu wenig Unterschiede in Inhalten und Persönlichkeiten?

Viele Wähler glauben, die Politiker seien austauschbar. Wer in der Bevölkerung nach den Unterschieden zwischen SPD und Union fragt, erfährt dazu meist viel weniger als es früher der Fall war.

Wenn Wulff von Gräben zwischen Politikern und Bürgern spricht - steigt nicht der Frust, wenn Politiker diese Gräben leugnen, indem sie sich kumpelig geben oder mehr Mitbeteiligung vorgaukeln als es faktisch möglich ist?

Es wird immer einen Abstand zwischen Regierenden und Regierten geben. Aber gerade wenn Politiker zu kumpelig sind, geben sie eine notwendige Distanz auf. Wulffs Vorgänger Horst Köhler hat die politische Klasse im Grunde nicht verstanden. Er hat keinen Beitrag geleistet, die Gräben zuzuschütten, sondern Vorbehalte bedient, in dem er von "den Politikern" gesprochen hat und nicht von "wir Politiker". Deshalb tut Wulff gut daran zu versuchen, die Rolle von Politik sichtbarer werden zu lassen. Die Menschen, die sich engagieren wollen, organisieren sich immer weniger in Parteien. Viele bringen sich politisch ein in Bürgerinitiativen, NGOs oder durch Internet-Blogs, manche hegen aber eine fast irrationale Wut auf Parteien.

Wie erklären Sie sich das?

Wir leben in einer Zeit, in der Politik immer weniger die Bedürfnisse der Menschen befriedigen kann - also wächst die Politikunzufriedenheit. Früher konnte man mit neuen Finanzressourcen neue Probleme lösen. Heute müssen sie mit immer weniger Geld mehr Probleme lösen. Politiker haben fälschlicherweise immer eine problemlösende Allzuständigkeit der Politik betont. Das rächt sich.