Spekulationen um Rücktritt

Schäubles spätes Dementi

von André Stahl

Berlin - Die Botschaft war deutlich: Über einen Magazinbericht ließen Wolfgang Schäuble und sein Bruder Thomas durchblicken, dass nach monatelangen Schmerzen und immer neuen Klinikaufenthalten die Belastungsgrenze für den querschnittsgelähmten Finanzminister bald erreicht sein könnte.Ein Rücktrittsangebot an die Kanzlerin ließ der 68-Jährige zwar bestreiten - die Gerüchte über einen Rückzug des CDU-Politikers haben sich aber verstärkt. Schäuble scheint inzwischen fest entschlossen, sein Amt aufzugeben, sollte es ihm nach der mehrwöchigen Schonfrist nicht wirklich bessergehen. Im politischen Berlin wurde aufmerksam registriert, was Schäuble selbst und sein Bruder im "Stern" zu Protokoll gaben. "Das über halbjährige Wundsein hat ihn zermürbt", sagte Thomas Schäuble, einst CDU-Innenminister in Baden-Württemberg.

Vertrauten soll Schäuble gesagt haben: "Wenn ich nach vier Wochen merke, es geht nicht mehr, ziehe ich die Konsequenzen. Davon hält mich niemand ab." Es ist bekannt, dass einer der "Stern"-Autoren seit dem Attentat auf den Minister vor ziemlich genau 20 Jahren enge Kontakte zu Schäubles Familie hat. Auf der Bundespressekonferenz wurden die Meldungen als reine Spekulation abgetan, über Vier-Augen-Gespräche Schäubles und der Kanzlerin könne man nichts sagen. Als die Fragen immer bohrender wurden, stellte Schäubles Sprecher Michael Offer plötzlich doch klar: Der Minister habe weder ein Rücktrittsangebot unterbreitet, noch habe es eine Frist gegeben. Offer gab an, er habe just in jener Minute eine Information von seinem Chef per Handy erhalten.

Dem Amt noch gewachsen?

Immer lauter wird nun in Berlin die Frage gestellt, ob der seit zwei Jahrzehnten an den Rollstuhl gefesselte Politiker gesundheitlich dem Amt noch gewachsen ist. Wie lange kann der wichtigste deutsche Minister sein Haus vom Krankenbett lenken - via Handy, Computer und Fax? Und das bei diesen Herausforderungen: Haushalt sanieren, Schulden abbauen, die Kommunalfinanzen neu ordnen, Finanzmärkte an die Kette legen und strengere Sanktionen für notorische Euro-Sünder durchdrücken. Das verlangt extrem viel Mobilität. Seit Monaten aber lebt Schäuble gegen seine Gesundheit und oft gegen den Rat seiner Ärzte. Im Frühjahr musste bei ihm ein 17 Jahre altes Implantat ersetzt werden, das er wegen seiner Behinderung benötigt. Ein Routineeingriff bei Querschnittsgelähmten, aber es gab schon damals Probleme. Die Wunde heilt nicht zu. Immer wieder muss Schäuble in die Klinik.

Es ist ein Kampf, wie er typisch ist für den Badener. Als im Oktober 1990 ein geistig verwirrter Mann im badischen Oppenau auf ihn geschossen hatte, saß der Architekt der deutschen Einheit nur wenig später wieder im Büro. "S'isch, wie's isch", ist ein häufiger Spruch Schäubles. Mit eiserner Disziplin, Optimismus und einer gehörigen Portion Sturköpfigkeit fährt er seinen Politikstil.In Union und FDP heißt es hinter vorgehaltener Hand, Schäuble selbst habe womöglich den Bericht lanciert, um jetzt den Weg für einen Rückzug zu bereiten. Es wäre nicht das erste Mal, dass Schäuble mit Aussagen via "Stern" aufhorchen lässt. Vor 13 Jahren sagte er in einem Interview einen denkwürdigen Satz: "Ein Krüppel als Kanzler? Ja, diese Frage muss man stellen." Nun wird gefragt, wie lange Schäuble sich diese Strapazen noch zumuten will. Die Kanzlerin dürfte die kommenden Wochen nutzen, um sich auf den Tag X und eine mögliche Kabinettsumbildung vorzubereiten. Als Schäuble-Nachfolger sind in der CDU im Gespräch: Innenminister Thomas de Maizière, der hessische Ex-Ministerpräsident Roland Koch oder Staatssekretär Steffen Kampeter.