Simmersfeld

Baustelle ist Schauplatz einer Tragödie

von Manfred Köncke

Der Schock über den Unwetterschaden am Simmersfelder Festspielhaus ist überwunden, langsam macht sich bei der Kulturwerkstatt und dem Regionentheater Zuversicht breit. Bestes Beispiel: Am Ostersamstag wird dort um 20.30 Uhr der erste Teil von Goethes "Faust" in moderner Version aufgeführt.

Simmersfeld. Am Gründonnerstag kommen die angereisten Schauspieler mit Regisseur Andreas Jendrusch und Produzentin Birgit Heintel zu einer Besprechung und anschließendem Probendurchlauf zusammen. Ein "geheiztes und trockenes Festspielhaus" auf der Baustelle verspricht Techniker Max Schweizer auch für die Vorstellung am Ostersamstag. Man sei dringend auf Einnahmen angewiesen.

Der 10. März wird den Theaterleuten noch lange im Gedächtnis bleiben. Ein orkanartiger Sturm fegte an diesem Tag über Simmersfeld, riss das blecherne Trapezdach vom Festspielhaus und zerstreute die unterliegenden Dämmschichten aus Glaswolle in alle Winde – bis hinunter zum Köllbach. Mit vereinten Kräften wurde unter Mithilfe der örtlichen Feuerwehr das Mobiliar in den Vorraum, den Toilettentrakt und anderen Unterstellmöglichkeiten verfrachtet. Der Regen hielt tagelang an. Zum Schutz der Innenrichtung wurde eine Plane über das Gebäude gezogen, trotzdem tropfte Wasser hinein. Mitglieder der Kulturwerkstatt und des Regionentheaters waren ständig mit der Beseitigung von Pfützen beschäftigt.

Inzwischen wurden Leitungen, Steckvorrichtungen, 120 Scheinwerfer, Licht und Tonpulte auf ihre Funktionstüchtigkeit überprüft. Nicht mehr zu retten sind die schwer entflammbaren Bühnen-Molton-Vorhänge. Wegen des Regenwassers haben sie sich laut Schweizer "total verzogen". Die Ersatzbeschaffung koste 5000 Euro. Zum vollständigen Austrocknen des Theaterraums läuft ständig die Heizung auf Hochtouren und verursacht weitere Ausgaben.

Vor dem Gebäude stapeln sich Rollen mit Dämmstoffen. Eine Spezialfirma aus Belgien hat vor einer Woche Einzelteile des Trapezdaches geliefert. Zurzeit werden sie von einem Unternehmen aus Ammerbuch bei Tübingen in luftiger Höhe montiert.

Auch fünf Wochen nach dem Unwetter kann die Kulturwerkstatt noch keine konkreten Angaben über die Höhe des Schadens machen, weil Handwerkerrechnungen ausstehen und man nicht weiß, inwieweit sich die Versicherung beteiligt.

Um den Theaterbetrieb nicht ganz einzustellen, hat das Regionentheater ihr Kinderstück "Zottelkralle"“ im Simmersfelder Kursaal aufgeführt und das Beziehungsdrama "Kunst" im früheren Altensteiger Rathaus. Der Tournee-Spielplan wurde größtenteils eingehalten. Was die führenden Köpfe des Regionentheaters schmerzt: aus Anlass ihres fünfjährigen Bestehens sollte am 5. und 6. April die Premiere des Thrillers "39 Stufen" von Alfred Hitchcock im Simmersfelder Festspielhaus über die Bühne gehen, um mit der Neuinszenierung des Klassikers anschließend auf Reisen zu gehen. Ob und wann das Theaterstück aufgeführt wird, darüber macht sich die Intendanz derzeit keinen Kopf. Alle Augen sind auf das alle zwei Jahre stattfindende Sommertheater in Simmersfeld gerichtet. Das selbstentwickelte Stück unter freiem Himmel trägt den Arbeitstitel "Wundertüte Leben". Den "Dachschaden" will man dramaturgisch einbauen, heißt es von zuständiger Stelle. Deshalb soll das auf einer Wiese hinter der Freilichtbühne liegende, demolierte Trapezdach bis zur zwölften und letzten Aufführung als Kulisse dienen.

Die erste Vorstellung findet am 19. Juli statt. In diesem Jahr sind noch drei weitere Premieren geplant: am 14. September die derb-süße Komödie "Zartbitter", im November in Anlehnung an 30 Jahre Berliner Mauerfall "Herr Lehmann" und im Dezember das Kinderstück "Karlssohn vom Dach" nach Astrid Lindgren.

An diesem Wochenende konzentriert sich das Regionentheater auf "Faust – der Tragödie erster Teil". In der Neuinszenierung für drei Schauspieler wird ein Bezug zur heutigen Zeit hergestellt, um zu zeigen, wie brennend die damaligen Themen immer noch sind. Eintrittskarten gibt es an den bekannten Vorverkaufsstellen und an der Abendkasse.