Schwarzwald-Baar-Kreis

DRK hat mit Missbrauch zu kämpfen

von Marc Eich

Schwarzwald-Baar-Kreis - Der Rettungswagen als billiges Taxi, Missbrauch des Notrufs und viele unnötige Einsätze: Mitarbeiter des Deutschen Roten Kreuzes sind von den zahlreichen Fehlfahrten genervt.

"Manchmal wollen die Menschen einen Rettungswagen, weil ihr Bekannter seit Stunden wegen Liebeskummer heult." Marius Schulz (Name geändert) und viele seiner Kollegen sind angesäuert. Der langjährige und hauptamtliche DRK-Mitarbeiter schüttelt fast täglich über die "besonderen Patienten" den Kopf, die den Rettungsdienst kontaktieren. Das Problem dabei: Dass der Einsatz eines Rettungswagens unnötig ist, kristallisiert sich nicht immer so deutlich heraus, wie in dem Liebeskummer-Fall. "Viele Menschen wissen ganz genau, was sie am Telefon sagen müssen, damit wir ausrücken", erklärt er.

Ein kleiner Schwindel und ein bisschen Kopfweh – da reicht laut Schulz in den meisten Fällen ein Besuch beim Hausarzt. "Viele fordern dennoch vehement, dass hier das DRK tätig wird und weiten dann die Symptome aus", erklärt er. In solchen Fällen bleibt den Disponenten in der Leitstelle keine andere Wahl, als einen Rettungswagen rauszuschicken.

Erst vor Ort stellt sich dann in vielen Fällen heraus, dass dies gar kein Notfall ist. "Wir können den Patienten dann ja auch nicht einfach stehen lassen", so Schulz. Daher wird die Person nicht selten mit dem Rettungswagen in die Notaufnahme gebracht. Hier spielt auch die Angst einer möglichen Haftung, falls dennoch etwas passieren sollte, eine Rolle. "Etwa 50 Prozent der Einsätze sind unnötig", bringt es Schulz auf den Punkt und gibt dabei die Meinung weiterer DRK-Kollegen wieder, die sich namentlich nicht äußern wollen.

Doch wo liegen die Gründe eines solchen Verhaltens? Ein Gutachten, das bundesweit das Rettungswesen als "gesundheitspolitisches Handlungsfeld" bewertet, sieht den Rettungsdienst als "niederschwellig verfügbare Institution". Soll heißen: Viele Menschen sind zu bequem, zum Arzt zu gehen oder haben keinen Ansprechpartner, wenn es ihnen schlecht geht. Familiäre Probleme oder antisoziales Verhalten spielen dabei offenbar eine große Rolle.

Thomas Behringer, Rettungsdienstleiter beim Kreisverband Villingen-Schwenningen, bestätigt diese Art von Missbrauch. "Das gibt es öfter, weil wir natürlich schneller als der Hausarzt sind", nennt er einen weiteren Grund und gibt aber zu bedenken, dass viele Patienten ihre Symptome nicht richtig einschätzen können. "Da müssen die Leitstellendisponenten alle Eventualitäten abwägen", so Behringer.

Eine Nachfrage bei den Krankenkassen, die für die Kosten des Einsatzes aufkommen müssen, ergab indes ein anderes Bild: Der Missbrauch des Rettungsdienstes sei kein Problem, heißt es unisono von den Pressestellen. Die Techniker Krankenkasse erklärt zudem, dass stichprobenartige Überprüfungen durchgeführt werden. "Dabei gab es keine Auffälligkeiten", erklärt deren Pressesprecherin für die Landesvertretung Baden-Württemberg, Nicole Battenfeld. Allerdings möchte sie nicht ausschließen, dass dieser Missbrauch "bei uns nicht ankommt".

Denn die Krankenkassen können nur die Verordnungen überprüfen, die ein Arzt im Nachhinein unter "medizinischen Kritierien" über den Einsatz eines Rettungs- oder Krankenwagens erstellt. "Es kann natürlich sein, dass der Arzt die Bestätigung einfach ausstellt, damit der Einsatz bezahlt wird", erklärt Battenfeld. Rettungsdienstleiter Behringer ergänzt zudem, dass Fehlfahrten, bei dem ein Patient nicht in die Notaufnahme transportiert wurde, bei den Budgetzahlen nicht auftauchen.

Die Leidtragenden sind dabei nicht nur der Rettungsdienst, der eine Vielzahl von solchen Fehleinsätzen abwickeln muss, sondern vor allem die "richtigen" Patienten. "Unsere Kapazitäten sind begrenzt – es besteht immer die Gefahr, dass ein Notfall zu kurz kommt, weil der Rettungswagen bei einem Fehleinsatz gebunden ist", erklärt Schulz. Und genau das ist der Knackpunkt, denn er und seine Kollegen vom Rettungsdienst wollen dort helfen, wo die Hilfe auch wirklich gebraucht wird.