Schramberg

Auch nach 200 Jahren keineswegs angestaubt

von Barbara Olowinsky

Schramberg. Bereits vor mehr als 200 Jahren hat Rossinis Oper "Der Barbier von Sevilla" das Publikum zunächst aufgebracht, dann aber begeistert. Dass diese Wirkung auch heute noch besteht, lag am Freitag nicht nur an Rossinis mitreißender Musik, sondern auch an der originellen Inszenierung des Theaters Pforzheim von Kerstin Steeb und Guido Markowitz in Verbindung mit dem Bühnenbild von Margarete Mast und den schrillen Bühnenoutfits der Sänger von Marco Falcioni (Chefdesigner bei Hugo Boss).

So hatten die Badische Philharmonie Pforzheim und der Herrenchor des Theaters Pforzheim unter der Leitung von Florian Erdl und mit ihnen das ganze Ensemble die besten Voraussetzungen für einen musikalisch wie spielerisch hervorragenden Abend beim Schramberger Theaterring.

Nach der gleichnamigen Komödie von Pierre-Augustin Caron de Beaumarchais war schon Ende des 18. Jahrhunderts ein Libretto zu einer Oper entstanden, zu dem 1816 dann Gioachino Rossini, damals 23 Jahre alt, in Rekordzeit von vier Wochen die Opera Buffa "Der Barbier von Sevilla oder Die nutzlose Vorsicht" verfasste. Zunächst vom Publikum in Rom ausgepfiffen, begann aber schon bei der zweiten Aufführung der Siegeszug dieser bis heute wichtigsten bedeutendsten Komischen Opern. Paul Jadach (Bariton) ist in dieser Inszenierung ein Glücksgriff. Im Outfit des Popstars Kiss singt und spielt er den Figaro der modernen Welt des Showbusiness hinreißend und ist damit nicht nur im Stück, sondern auch in der Pforzheimer Inszenierung die entscheidende Vermittler-Rolle dieser stürmischen verrückten Comedia.

Traurige Existenzen

Der Plot ist schnell erzählt: "Ein verliebter Alter will am anderen Morgen sein Mündel heiraten; ein junger und aufgeweckter Liebhaber kommt ihm zuvor und macht sie am gleichen Tag vor der Nase und im Haus des Vormunds legal zu seiner Frau" (Text 18. Jahrhundert). Das reizte wohl auch die Verantwortlichen der Inszenierung von Pforzheim und sie schufen daraus ein Stück über die Schein- und Glitzerwelt des Showgeschäfts rund um die Popikonen der vergangenen Jahrzehnte und der oftmals traurigen Existenzen im Hintergrund. So entstand ein fast neues Stück, das Schicksal der Rosina, wohlbehütetes Mündel des alten Dr. Bartolo, und zugleich Objekt seiner männlichen Begierde, daneben der rettungslos ehrlich verliebte junge Graf Almaviva, der mit allen Tricks versucht, die Geliebte aus dem "Käfig" zu befreien, und schließlich der Paradiesvogel Figaro, der für die Liebesnöte volles Verständnis hat und hilft.

Der Tenor Youn-Seong Shim als Graf Almaviva überzeugte stimmlich im Laufe es Stückes immer mehr und entpuppte sich auch als originelle "Konkurrenz" zum Dirigenten. Danielle Rohr (Mezzosopran) begeisterte nicht nur in der Handlung als weibliche Hauptrolle, sondern war auch musikalisch überzeugend.

Lukas Schmid (Bass) dagegen als Vormund Dr. Bartolo bildete den Kontrast, herrisch bestimmend und polternd, aber auch gefangen in seiner eigenen Eitelkeit. Don Basilio (Aleksandar Stefanoski, Bass), einzig akzeptierter Musiklehrer im Hause Bartolo, bewies vor allem sein stimmliches wie schauspielerisches Talent im zweiten Akt.

Wischmopp und Mikro

In allem Trubel erscheint immer wieder die ältliche Hauswirtschafterin Berta in Bartolos Haus – als erfolglose Amy Weinhold, mit Wischmopp und Mikro, um auf der Showbühne ihren Song loszuwerden, aber man lässt sie nicht. All dieser pfiffige Theatertrubel bekommt aber erst durch den spritzigen Orchesterpart seine volle Wirkung. Rossinis Musik mit originellen Passagen, Wechselspiel der Motive innerhalb der Instrumente, Themenführung durch Orchester und Sängerpart bestimmen das oft rasante Tempo, dem sich die Ausführenden mit sichtlichem Vergnügen hingaben. Und so verwunderte es nicht, dass schließlich der Continuomusiker, die Gunst der Stunde nutzend, Cembalotöne erklingen ließ mit musikalischen Barockzitaten, Bachs Toccata zum Eingang des zweiten Akts auf der Orgel anschlug und beim Unterschreiben des heimlichen Ehevertrags leise den "Hochzeitsmarsch" von Mendelssohn-Bartoldy anklingen ließ ... auch zur Freude der Mitspieler, die bei jeder Aufführung wohl immer wieder mit etwas Neuem überrascht werden. Für das Publikum ein musikalisch gekonnter, vergnüglicher Abend.