Schramberg

Au klar: "Schlucki" bleibt im Herzen

von Martin Dold

Schramberg - "Es gibt nichts, was ich noch nicht erlebt habe", versichert Thomas Brückel nach 25 Jahren als Wirt des "Schluckspechts". Die Kneipe war schon immer ein Anlaufpunkt für Nachtschwärmer aus Schramberg und Umgebung.

Grund genug, Thomas Brückel darum zu bitten, aus dem Nähkästchen zu plaudern. Und dieses hat allerhand zu bieten.

Eine ins Trudeln geratene Ente flog an einem Sommertag zur Belustigung der Gäste durchs geöffnete Fenster in die Kneipe. "Quak, quak", sagt Brückel, habe es unter lautem Hallo gemacht, bevor sie wieder davon flog.

Deutlich problematischer war ein anderer Vorfall an einem Sonntag: Es tropfte aus der Decke – auf den Kopf von Thomas Brückel und den Tresen. Hausmeister habe er keinen erreicht, erinnert er sich. Also meldete er sich beim Sanitär-Notdienst. Dort wurde ihm beschieden, dass man nun tanzen gehen werde und für so einen Blödsinn keine Zeit habe.

In seiner Not fragte Brückel bei der Polizei, was er machen solle. Diese wiederum setzte die Feuerwehr in Bewegung. Als das durchdringende Tatü-Tata einsetzte, fielen die Gäste samt Brückel fast vom Stuhl. "Die Feuerwehrleute wollten die Tür der Wohnung über der Kneipe mit der Axt einschlagen", erinnert er sich. Da habe er ihnen gesagt, sie sollten erst mal halblang machen, woraufhin sie mit der Drehleiter über ein Fenster in die Wohnung gelangten. Des Rätsels Lösung: Der Schlauch einer Waschmaschine war lose, sodass das Wasser durch die Wohnung lief – und eben nach unten tropfte. Au klar.

Diese beiden Worte wurden schnell zum Markenzeichen von Thomas Brückel. Einmal sei er durch die Stadt gelaufen und ein Kind auf der gegenüberliegenden Straßenseite habe gerufen: "Schau mal, Papa, da drüben ist der ›Au klar‹", sagt Brückel. Gerne garniert er das mit seinem schallenden Lachen bei jeder sich bietenden Gelegenheit.

Brückel ist Wirt mit Leib und Seele. Zwar begann er eine Ausbildung zum Bankkaufmann, doch das sei nicht das Richtige für ihn gewesen, sagt er. Nach dreitägiger Arbeitslosigkeit fing er im "Grünen Baum" als Hotelfachgehilfe an und startete später eine Ausbildung zum Restaurantfachmann in der heutigen Villa Junghans.

Einst drohte sogar das Gefängnis

Anschließend schrieb er 14 Bewerbungen – und erhielt 14 Zusagen. Er entschied sich für eine Tätigkeit in einem Vier-Sterne-Restaurant im schweizerischen Wallis. Es zog Brückel aber zurück in die Heimat und so wurde er Geschäftsführer in der damaligen "Schmiede". Als das ehemalige "Bistro 88" in den heutigen Räumen des "Schluckspechts" die Segel strich, weckte das das Interesse von Brückel und Harald Spörl – und so startete die Erfolgsstory. Brückel war erst im Hintergrund tätig, doch spätestens als Spörl nach einem Jahr ausstieg, führte kein Weg mehr an ihm vorbei und er wurde alleiniger Inhaber.

"In den Anfangszeiten gab es Schlagerpartys bis tief in die Nacht", sagt Brückel. Teilweise standen die Gäste sogar im Treppenhaus, da in der Kneipe kein Platz mehr war. Legendär waren auch die Bingo-Abende am Montag. "Zum Teil habe ich extra früher Feierabend gemacht, um dabei sein zu können", sagt ein Stammgast mit leuchtenden Augen. Ein letztes Bingo gibt es übrigens am 26. Dezember.

"Die Geschäfte liefen, Schramberg war damals wesentlich attraktiver als heute", betont Brückel. Er habe in all den Jahren ein Superpublikum gehabt mit Gästen von 18 bis 60. Diese hätten immer zu ihm gehalten und ihn bei Bedarf auch unterstützt als kein Personal verfügbar war. "Manche hatte ich schon als Baby auf dem Arm. Heute sind das Gäste mit eigenen Kindern", freut sich Brückel.

Probleme habe es aber auch gegeben. Von der Stadt wurde ihm einst ein Bußgeld von 10 000 Euro angedroht, sollte er die Sperrstunde überziehen – oder er müsse gar ins Gefängnis. Einmal sei er nach dem Ende der Sperrstunde kontrolliert worden, als er noch alleine in der Kneipe war, um einen Wurstsalat zu essen. "Damit ich nicht vom Stängele falle", so Brückel. "Überschreiten der Sperrstunde", lautete trotzdem der Vorwurf. "Ich habe das Bußgeld bezahlt, damit ich meine Ruhe habe", sagt er.

Unfreiwillig die Sperrstunde überzog ein Gast, der auf dem WC ein Nickerchen machte und versehentlich eingeschlossen wurde. Als er aufwachte und sich bewegte, schlug die Alarmanlage an und die Polizei stand flugs auf der Matte, nachdem sie von Brückel den Schlüssel geholt hatte. Da half es auch nichts, dass sich der Gast unter dem Tresen versteckte. Letztlich wurde er aber von der Polizei befreit und alles war gut.

Den Jugendschutz habe er immer eingehalten und bei Vorfällen mit Drogen habe er kein Pardon gekannt. "Es hat immer Spaß gemacht. Das war einfach mein Wohnzimmer", sagt der Wirt.

"Man ist wegen dem Brückel in den Schluckspecht", sagt ein Stammgast. "Es war immer heimelig und ehrlich. Es wird etwas fehlen in Schramberg", betont er. Wie es mit Brückel selbst weiter geht, ist noch offen. Er werde nach dem Ausräumen erst einmal Urlaub machen, verrät er. Gut möglich ist es, dass er bald wieder in Schramberg hinter einem Tresen zu sehen sein wird – hinter welchem, ist aber noch nicht klar.

Am 30. Dezember ist der letzte Öffnungstag. Zuvor schält Brückel aber nochmals in den roten Bereich und lädt ab 21. Dezember zu täglichen Abschiedspartys – mit "Au- klar-Preisen".