Schiltach

Demokratische Defizite empfunden

von Hans Harter

Vor 100 Jahren: Die Schiltacher Kommunalwahlen 1919 haben in einem schwierigen politischen Feld stattgefunden.

Schiltach. Im Frühjahr 1919 plagten den damaligen Schiltacher Bürgermeister Ludwig Wolpert Sorgen, die über das Tagesgeschäft hinausgingen. In Paris verhandelten die alliierten Kriegsgegner wegen eines Friedensvertrags, wovon Deutschland ausgeschlossen war. Das verhieß nichts Gutes, und die Angst vor einem "Siegfrieden" stieg, als Frankreich Truppen nach Kehl schickte, um den Einmarsch in Deutschland zu proben.

Dagegen legte Wolpert bei einer Kundgebung der Deutschen Demokratischen Partei (DDP) eine Protestresolution vor: Für einen "Rechtsfrieden" und gegen "brennendes Unrecht" wie "gewaltsame Entreißung deutscher Gebiete und Kolonien", was die Versammelten einstimmig unterstützten. Gleichzeitig standen erneut Wahlen an, jetzt für die Kommunen: Nach Reich und Land sollten auch die Gemeinden auf demokratische Füße gestellt werden.

Um eine Überforderung der Verwaltungen, aber auch politische Kämpfe zu vermeiden, erlaubte die badische Regierung beim Wahlverfahren den sogennanten "Kompromiss": Wenn sich die politischen Kräfte vor Ort auf eine "gemeinsame Vorschlagsliste" einigten, ersetzte diese den Wahlakt. Dabei sollten die Mandate nach dem Wahlergebnis zur Nationalversammlung vom 19. Januar prozentual gerecht verteilt werden. Dies strebte auch Bürgermeister Wolpert an, um "die bei Gemeindewahlen entstehende Erbitterung zu ersparen und in dieser schweren Zeit tiefster nationaler Erniedrigung die dringend notwendige innere Geschlossenheit zu erhalten".

Der "Kompromiss" fand weithin Anklang. Auf seiner Grundlage kamen im Mai/Juni 1919 viele neue Räte zu Mandaten, so in Schenkenzell, Wolfach, Fischerbach, Haslach, Ortenberg, Gutach, Triberg, Bonndorf und Waldshut. Eine "Gemeinschaftsliste" wurde auch in Lehengericht erstellt: Zwei Waldbauern, ein Wirt, ein Säger und zwei Gütler repräsentierten alle Schichten und spiegelten die parteipolitische Stimmenverteilung der Januarwahlen wider. Dass dadurch im Gemeinderat "ein wirklicher demokratischer Neubeginn scheiterte", wie kürzlich zu lesen war, aufgrund von "mangelndem Interesse" der Lehengerichter, ist nicht zu erkennen.

Doch gab es demokratische Defizite, die so auch empfunden wurden, etwa in Schiltach. Dem begegnete Bürgermeister Wolpert damit, "dass jeder Wahlberechtigte Gelegenheit hatte, in einer der politischen Organisationen von seinem Vorschlags- und Abstimmungsrecht freiesten Gebrauch zu machen". Dies überzeugte nicht alle: Die USPD, eine linke Abspaltung der SPD, die im Januar nicht kandidiert hatte, reichte unter Führung des Spinnereiarbeiters Christian Wagner ("Grutz") eine eigene Liste ein, sodass die Wahlen stattfinden mussten. "Der Kinzigtäler" schrieb aufgeregt von "Parteizank", der nicht in die Gemeinde gehöre: "Nun ist das Bild der Eintracht vergangener Zeiten entschwunden."

Die Herausbildung der Demokratie ging nicht plötzlich, und auch die sie beflügeln wollende USPD hatte wenig Erfolg: Bei der Wahl der 36 Gemeindeverordneten erhielt sie 62 Stimmen, gegen 293 der DDP, 200 der SPD und 159 der Bürgerlichen. Mit der Näherin Friederike Wolber (SPD) rückte erstmals eine Frau in das Gremium ein. Zum Gemeinderat 14 Tage später trat die USPD nicht mehr an. Dort erhielten die SPD und die "Bürgerlichen" je vier Sitze, sodass sie sich die Waagschale hielten.

Die ersten demokratisch gewählten Schiltacher Gemeinderäte waren bei den "Bürgerlichen" Georg Müller (Bauunternehmer), Friedrich Wagner (Bäcker), Emil Stählin (Kaufmann) und Adolf Wolber ("Metzger-Adolf"); bei der SPD waren es Johann Lutz (Maurer), Friedrich Höhn (Platzmeister), Hermann Faißt (Weber) und Christian Wolber ("Zum Haist").