Rottweil

Schwabo-Mitarbeiterin an Blutkrebs erkrankt

von Jennifer Merk

Kreis Rottweil - Sie singt in einem Chor mit, ist in der Kirchengemeinde engagiert, reist gerne und steht mit 52 Jahren noch mitten im Leben: Ulrike Schobel, Medienkauffrau beim Schwarzwälder Boten. Dann bekommt sie die Schock-Diagnose: Blutkrebs. Ihre Schwester ruft nun dazu auf, sich bei der DKMS typisieren zu lassen.

Am ersten April ist Ulrike Schobel routinemäßig zum Hausarzt gegangen, "eigentlich ohne Grund, sie wollte sich einfach mal wieder durchchecken lassen", erzählt ihre Schwester Ursula Veittinger. Sowieso sei ihre Schwester nie wirklich krank gewesen, erinnert sich Veittinger: "Selbst die Erkältungszeiten ziehen immer an ihr vorbei."

Ihre Krankheit wurde eigentlich per Zufall entdeckt: Weil sie einen neuen Hausarzt hat, wollte sie dieser komplett durchchecken. Bei der Auswertung ihrer Blutuntersuchungsergebnisse merkte er dann: Da stimmt was nicht. Sofort überwies er sie an einen Onkologen. Weitere Tests folgten. Dann der Schock: Ulrike Schobel hat Leukämie.

Schobel wird erst in die Helios-Klinik nach Rottweil eingewiesen, dann in das Schwarzwald-Baar-Klinikum in Villingen-Schwenningen. Dort erhält sie auch ihre erste Chemo-Therapie, die sie zunächst gut übersteht. Einige Tage später geht es ihr aber schlechter: "Durch die Chemo-Therapie wird ja das komplette Immunsystem zerstört, deshalb wäre eine Erkältung oder irgendeine andere Erkrankung gerade fatal für sie", sagt ihre Schwester. Die aktuelle Phase ist für Ulrike Schobel äußerst kritisch.

Die einzige Überlebenschance für Schobel ist, ihren "genetischen Zwilling" zu finden. Dieser könnte ihr Knochenmark spenden, wodurch sie wiederum gesund werden könnte. Ihre Schwester, die sich bereits vor einigen Jahren unabhängig davon als Knochenmarkspenderin bei der Deutschen Knochenmarkspenderdatei (DKMS) hat typisieren lassen, wartet nun ab, ob sie als mögliche Spenderin in Frage kommt. Bis es so weit ist, möchte sie jedoch in Irslingen, wo Schobel lebt, dem Kreis Rottweil und darüber hinaus die Menschen dazu bringen, sich bei der DKMS typisieren zu lassen. Denn nur wer dort registriert ist, kann Menschen mit Blutkrebs Stammzellen spenden.

Die DKMS ist eine gemeinnützige Organisation mit Sitz in Tübingen. Deutschlandweit können sich die Menschen vor Ort, bei speziellen Typisierungsaktionen oder ganz einfach über das Internet registrieren, um Menschenleben zu retten. Die DKMS startet einen weltweiten Suchlauf, um Spender zu finden.

Ein Typisierungsset kann online bestellt werden

Dabei hört sich das ganze nach mehr Aufwand an, als es im Endeffekt ist: Wer sich registrieren lassen möchte, kann sich im Internet auf der Website der DKMS einfach ein Typisierungsset per Post nach Hause bestellen. In diesem ist ein Fragebogen, der ausgefüllt werden muss. Außerdem befindet sich ein Wattestäbchen in dem Set: Mit diesem muss einfach ein Abstrich von der Innenseite der Backe gemacht werden. Dann packt man das Wattestäbchen sorgsam ein, und schickt es mit den Unterlagen zurück zur DKMS.

Und was, wenn man dann tatsächlich als Spender in Frage kommt? "Dann wird man kontaktiert und nochmals gefragt, ob man immer noch spenden will. Außerdem werden einige Stichpunkte abgefragt, etwa ob man selbst krank oder schwanger ist. Dann kommt man nämlich nicht als Spender in Frage, auch wenn man will", erklärt Laura Riedlinger von der DKMS. Wenn alles in Ordnung ist, und der Spender auch immer noch Interesse daran hat, zu helfen, muss er zu einer sogenannten "Bestätigungstypisierung" zum Arzt, wo er nochmal durchgecheckt wird. "Es ist absolut wichtig, dass die Spender gesund sind. Die Patienten bekommen ja vor der Transplantation Chemo-Therapie und haben dann kein Immunsystem mehr. Wenn die sich dann etwas vom Spender einfangen, kann das tödlich für die Erkrankten enden", erklärt Riedlinger.

Ist der Spender gesund, kann ein Transplantationstermin vereinbart werden. Dabei gebe es zwei Methoden, die Stammzellen zu bekommen, wie Riedlinger erklärt. Die periphere Stammzellenentnahme werde in 80 Prozent der Fälle angewandt: "Vorab werden die Spender mit einem hormonähnlichen Stoff so vorbereitet, dass der Körper vermehrt Stammzellen ausschüttet. Bei der eigentlichen Transplantation werden die Spender dann an ein Dialysegerät gehängt, mit dessen Hilfe die Stammzellen rausgefiltert werden. Im Anschluss könnten die Spender wieder nach Hause gehen.

Knochenmark muss nicht oft entnommen werden

Seltener sei eine Knochenmarkentnahme nötig: Bei dieser Methode wird den Spendern unter Narkose Knochenmark aus dem Beckenkamm entnommen. "Ein Risiko gibt es bei dem Eingriff nicht – außer das übliche Narkoserisiko", so Riedlinger. Die darauffolgenden Tage hätten die Spender außerdem "muskelkaterähnliche Symptome". "Viele Menschen denken bei dieser Methode, dass es sich um eine Rückenmarkentnahme handelt, bei der mit einer großen Spritze die Wirbelsäule punktiert wird. Das stimmt aber nicht, auf diese Art wurden Stammzellen noch nie entnommen, das ist einfach ein Gerücht", klärt Riedlinger auf. Außerdem müssten Spender keine Angst haben, nach einer Transplantation zu wenig Knochenmark zu haben, da dieses vom Körper permanent nachgebildet wird.

90 Prozent finden einen geeigneten Spender

Durch die Typisierung könnten rund 90 Prozent der Erkrankten ihren genetischen Zwilling finden, berichtet Riedlinger. "Allerdings findet jeder Zehnte keinen Spender", fügt sie hinzu. Das liege zwar manchmal daran, dass Erkrankte ein genetisch komplexes Profil haben. Allerdings natürlich auch, weil sich viele Menschen noch nicht als Stammzellenspender haben typisieren lassen.

Aber auch Menschen, die sich nicht typisieren lassen wollen oder aus gesundheitlichen Gründen nicht in Frage kommen, können etwas tun: "Und zwar Geld an die DKMS spenden", sagt Ursula Veittinger. Früher sei eine Typisierung kostenpflichtig gewesen, heute ist sie das nicht mehr. Dennoch ist die DKMS bei ihrer Arbeit nicht nur auf Spender, sondern auch auf Spenden angewiesen, wie Veittinger erklärt.

Würde ihre Schwester Ulrike Schobel einen Stammzellenspender finden, müsste sie in das Universitätsklinikum nach Tübingen, da nicht in allen Krankenhäusern eine Transplantation durchgeführt werden kann. Soweit ist es aber leider noch nicht: Schobel muss ihren genetischen Zwilling noch finden und die akute Phase nach der Chemo-Therapie, in der sie sich gerade befindet, erstmal überstehen. "Wir machen uns natürlich große Sorgen um sie, und sie selbst hat auch Angst und stellt sich die Frage: ›Komm ich hier wieder raus?‹ Das passiert halt nur, wenn sich die Menschen registrieren lassen und ein passender Spender dabei ist", so Ursula Veittinger: "Es ist ein Wettlauf gegen die Zeit."

Wer Stammzellenspender werden will, kann unter dem Link www.dkms.de ein Typisierungsset bestellen. Darin befindet sich eine Anleitung dazu, wie der Backenabstrich mit dem Wattestäbchen funktioniert. Anschließend kann alles wieder an die DKMS zurückgeschickt werden.