Rottweil

Längst keine "Kellerkinder" mehr

von Helen Moser

In 50 Jahren hat sich viel verändert: Was 1969 mit zwei Räumen im Keller des Gerichtsgebäudes in der Königstraße 20 begann, ist inzwischen eine juristische Ausbildungsstätte, die noch weit über die Kreisgrenzen hinaus wirkt.

Kreis Rottweil. "Ist dein Leben viel zu fad, der Pfad der Tugend viel zu grad; leiste dir von Zeit zu Zeit eine kleine Ordnungswidrigkeit", singt Anette Heiter scherzhaft. Sie ist Amtsrichterin in Stuttgart, aber auch Kabarettistin – und als solche eröffnet sie die Feierstunde zum 50-jährigen Bestehen des Ausbildungszentrums am Amtsgericht Rottweil. In den Räumen im Rottweiler Postgebäude, wo das Ausbildungszentrum angesiedelt ist, herrscht am Mittwoch reges Treiben: Aktuelle und ehemalige Auszubildende, Mitarbeiter und Gäste – unter ihnen auch Oberbürgermeister Ralf Broß – haben sich versammelt, um den 50. Geburtstag der Einrichtung zu feiern.

Aber es gehe an diesem Tag nicht nur darum, den Verantwortlichen für 50 erfolgreiche Jahre zu danken, betont Petra Wagner, Leiterin des Amtsgerichts Rottweil. Sie wolle diese Gelegenheit auch nutzen, um darauf aufmerksam zu machen, dass Rottweil als Justizstandort gut laufe. Und daran haben die Justizfachangestellten, die im Postgebäude ausgebildet werden, laut Wagner großen Anteil: "Wir als Richter könnten unsere Arbeit gar nicht machen ohne all diejenigen, die hier hinter den Kulissen mitarbeiten."

Das äußere sich auch darin, dass die Anzahl an Servicemitarbeitern einem Vielfachen von der Anzahl an Richtern entspreche. "Hier schlägt das Herz der Justiz", meint Wagner – auch wenn das nach außen hin nicht immer für alle offensichtlich sei. Justizfachangestellte seien Personen, die ihre Arbeit ganz nah am Leben der Bürger verrichten und doch oftmals im Verborgenen agieren würden.

Wer als Justizfachangestellter arbeitet, übernimmt laut Juliana Mager, die das Ausbildungszentrum leitet, eine Vielzahl an Aufgaben: Justizfachangestellte sind beispielsweise Ansprechpartner für ratsuchende Bürger, verwalten Akten, berechnen und überwachen Fristen, fordern Gerichtskosten ein und sorgen alles in allem dafür, dass das Tagesgeschäft der Gerichte reibungslos läuft. "Mit der Sekretariatsarbeit in einem Industriebetrieb ist das nicht zu vergleichen", sagt Wagner.

Doch die Arbeit derjenigen, die im Postgebäude in Rottweil ausgebildet werden, war nicht immer so vielfältig und anspruchsvoll: Ursprünglich war es der steigende Bedarf an speziell geschulten Schreibkräften, der dazu führte, dass vor 50 Jahren das Ausbildungszentrum – damals Lehrkanzlei genannt – eingerichtet wurde. Anton Schobel traute sich 1969 an diese Mammutaufgabe heran.

In den Anfangsjahren standen vor allem Stenografie und Texterfassung auf dem Lehrplan. Weil man 1969 keinen anderen Platz fand, bezog man im Keller des Amts- und Landgerichts zwei Räume – ein Umstand, der den damaligen Lehrlingen den Spitznamen "Kellerkinder von Herrn Schobel" einbrachte. Später zog man in die Körnerstraße um, wo es dann sogar einen Aufenthaltsraum gab. Der befand sich aber – wie sollte es anders sein – erneut im Keller.

Mittlerweile ist das Ausbildungszentrum im Postgebäude in der Königstraße untergebracht, wo weder der Aufenthaltsraum noch einer der beiden Unterrichtsräume im Keller unterkommen musste. Sieht man sich in den Räumen um, stellt sich trotzdem ein Eindruck ein: Dafür, dass hier die Ausbildung für die Kreise Rottweil, Tuttlingen, Freudenstadt und teilweise auch für den Kreis Sigmaringen und den Zollernalbkreis stattfindet, ist das Ausbildungszentrum doch recht klein. "Wir leisten hier mit wenigen Menschen wirklich viel für einen wichtigen Teil des Zusammenlebens", findet Wagner.

Wer die Arbeit von Justizfachangestellten, Gerichtsvollziehern und Rechtspflegern einmal unter die Lupe nehmen will, kann das am Mittwoch, 25. September, von 13.30 bis 16.30 Uhr beim Schnuppernachmittag im Ausbildungszentrum tun. Ehemalige Auszubildende stehen für Gespräche bereit. Die Anmeldung ist per E-Mail an poststelle@agrottweil. justiz.bwl.de möglich.