Rottweil

Kindergärten: Lage ist angespannt

von Corinne Otto

Rottweil - Die zunehmende Personalknappheit in Kindergärten und Krippen macht Schlagzeilen. Erzieherinnen sind Mangelware. In Rottweil sieht man die Entwicklung mit Sorge: "Die Lage ist noch nicht dramatisch, aber überaus angespannt", so Fachbereichsleiter Bernd Pfaff.

Es ist eine Mammutaufgabe: Fast 1200 Kinderbetreuungsplätze – Einrichtungen von Stadt, Kirche und Waldorfverein zusammengenommen – gibt es in Rottweil. 40 Fachkräfte sind allein bei der Stadt beschäftigt. Der Bedarf ist groß, immer weitere Gruppen kommen hinzu, der Bau eines weiteren großen Kindergartens auf der Spitalhöhe ist in Planung. Kein Wunder, dass die immer geringer werdende Anzahl verfügbarer Fachkräfte den Verantwortlichen die Sorgenfalten auf die Stirn treibt.

Anderorts hat der Mangel an Erzieherinnen und Erziehern bereits drastische Auswirkungen. Kitas bleiben geschlossen, Angebote können nicht aufrecht erhalten werden. So weit ist es in Rottweil noch nicht, aber: "Wir merken den Rückgang deutlich", sagt der zuständige Fachbereichsleiter Bernd Pfaff. Von großer Resonanz auf Stellenausschreibungen wie früher, kann die Stadt heute nur noch träumen. Die Nachfrage nach Erzieherinnen sei insgesamt größer, so Pfaff, nicht zuletzt durch das größere Ganztagesangebot an Schulen.

Und auch in Rottweil gilt es, mit dem Bau des neuen Kindergartens auf der Spitalhöhe knapp acht Vollzeitstellen neu zu besetzen. Ob das gelingt? Der Fachbereichsleiter hat hier "durchaus Sorge", wie er einräumt. Sowohl Stadt als auch Kirche bemühen sich laut Pfaff seit langem, für Bewerberinnen und Bewerber Anreize zu schaffen, beispielsweise durch sogenannte PIA-Stellen, bei denen die Ausbildung finanziert wird, durch Gesundheitsmanagement, ein Jobticket für den ÖPNV, Fortbildungen und einiges mehr. Dass die Edith-Stein-Schule, die die Erzieherinnen ausbildet, in der Stadt ansässig ist, sei ein Vorteil. "Man kennt Rottweil", so Pfaff. Und die Vielzahl an Einrichtungen unterschiedlicher Größe biete einen zusätzlichen Anreiz.

Für Kinder und Eltern in Rottweil ist zu hoffen, dass diese Anreize Wirkung haben. Schon jetzt sagt Pfaff, dass die Ferienbetreuung an den Rottweiler Kindergärten, die in diesem Jahr dank des Einsatzes der Erzieherinnen erneut gestemmt werden konnte, "auf der Kante" stehe.

Zur Nachricht über den Erzieherinnen-Mangel kam in dieser Woche jene über den Vorstoß der Landes-SPD, die – zum wiederholten Mal – für gebührenfreie Kinderbetreuungseinrichtungen plädiert, und dieses Ziel diesmal mit einem Volksbegehren erreichen will. Rottweils Bürgermeister Christian Ruf zeigt sich auf Nachfrage unserer Zeitung skeptisch: Er befürchtet, dass eine Gebührenbefreiung zu Lasten der Qualität gehen würde. Die sei momentan in Baden-Württemberg deutlich besser als anderswo, sagt Ruf mit Verweis auf den deutlich höheren Betreuungsschlüssel. Und zur Qualität gehörten auch – wie in Rottweil – Förderangebote und ein vielfältiges Angebot in Bezug auf die Öffnungszeiten. Was die Gebühren angeht, so versuche man über den Familienpass einiges abzufedern.

Der Nettoressourcenbedarf für die Kindergärten liegt in Rottweil bei 4,5 Millionen Euro, betont Ruf. Jährlich gebe die Stadt rund 4630 Euro jährlich pro Kind in Kindergarten oder Krippe aus. "Grundsätzlich freuen wir uns immer über mehr Geld zur Bewältigung dieser Aufgaben", so der Bürgermeister.

Ministerpräsident Winfried Kretschmann hatte den SPD-Vorstoß deutlich zurückgewiesen. Man müsse zwar schauen, dass niemand über Gebühr belastet werde – vor allem Menschen, denen das finanziell Probleme mache. Aber alle zu entlasten – das gebe der Haushalt nicht her. Wer das vorschlage, müsse auch benennen, was stattdessen gestrichen werden solle.

Wir haben bei den im Rottweiler Gemeinderat vertretenden Fraktionen/Gruppierungen nachgefragt, wie sie zum SPD-Vorstoß stehen. Die Kindergartengebühren werden nicht zuletzt im Kommunalwahlkampf, der in den nächsten Monaten Fahrt aufnehmen wird, weiter für Debatten sorgen. Derweil geht das Ringen um die Fachkräfte weiter.

Info: Gebührenfreie Kindergärten - Das sagen die Fraktionen

 Die Fraktion der Freien Wähler (FWV) findet den Vorschlag der SPD als Basis für weitere Diskussionen interessant. Allerdings sei zu prüfen, ob ein Volksbegehren überhaupt verfassungsrechtlich zulässig ist. "Die zur Entlastung anstehende Summe von 730 Millionen Euro pro Jahr müsste vom Land gegenfinanziert werden. Über den kommunalen Finanzausgleich würde dieses erfolgen mit der Konsequenz, dass einer temporären Entlastung von Familien eine Dauerbelastung von allen gegenüber steht: ein Nullsummenspiel."

 Das Forum für Rottweil (FFR) betont, dass frühkindliche Bildung allen Kindern gleichermaßen zukommen und nicht Kindern verwehrt bleiben sollte, deren Eltern sich Kindergärten nicht leisten können. Die Befreiung von Gebühren halte man für den richtigen Schritt zu mehr Bildungsgerechtigkeit. Wichtig wäre, dass nicht nur die Einrichtungen kostenfrei sind, sondern verstärkt darauf geachtet wird, dass alle Kinder ab drei Jahren einen Kindergarten besuchen. "Wir sehen das Land dabei in der Pflicht."

 Die Grünen begrüßen zwar jeden Euro, der in die Kinderbetreuung vor Ort fließt, allerdings habe die kontinuierliche Verbesserung der Qualität Vorrang vor einer generellen Gebührenfreiheit. "Wir plädieren für einen zügigen Ausbau bedarfsgerechter, wohnortnaher Einrichtungen und die Realisierung eines kleinen Betreuungsschlüssels zur optimalen frühkindlichen Förderung. Gebührenfreiheit, gestaffelt nach dem Familieneinkommen, wünschen wir uns nicht mit dem Gießkannenprinzip, sondern für die Kleinkindbetreuung einkommensschwacher Familien."

 Die CDU-Fraktion ist der Meinung, dass eine komplette Befreiung der Kinderbetreuung von Gebühren derzeit noch nicht realisiert werden kann. Dies könne vor allem die Stadt nicht alleine umsetzen. "Wir sehen hier vorrangig eine Aufgabe des Landes, das den Bereich der frühkindlichen Erziehung sowie der Betreuung mit entsprechenden Finanzmitteln ausstatten muss". Dennoch müssten in Rottweil die Gebühren unter sozialen und wirtschaftlichen Aspekten der Eltern neu geregelt werden. Eine Arbeitsgruppe soll eine Neukonzeptionierung der Finanzierung erarbeiten, schlägt die CDU vor. Hier sollen auch die anderen Träger Gehör finden.

 Die SPD-Fraktion hat, wie sie erinnert, schon wiederholt ihr Bedauern ausgedrückt, dass Kindergärten nicht gebührenfrei sind. "Gebührenfreiheit wäre ein weiterer Schritt auf dem Weg zu mehr sozialer Gerechtigkeit." Sie würde jenen Kindergartenjahren, die als wichtige Vorstufe im Übergang zur Grundschulzeit angesehen werden, auch den entsprechenden Status verleihen, was zum Beispiel im Hinblick auf Unterschiede im Sprachvermögen von Kindern mit Migrationshintergrund von Bedeutung wäre. Natürlich müsse Taktung und Finanzierung erörtert werden, aber Rheinland-Pfalz zeige, dass eine landesfinanzierte Gebührenfreiheit möglich ist.  Für die FDP sagt Hermann Klein, die Gebührenfreiheit sei langfristig anzustreben. Aktuell müsse angesichts der guten finanziellen Lage der Stadt zeitnah über die Gebührenhöhe geredet werden.