Rottweil

Hängebrücke: Volle Halle bei Bürgerversammlung zur "Neckarline"

von Corinne Otto

Rottweil - Bekommt Rottweil die Hängebrücke oder nicht? Was spricht dafür, was dagegen? Diese Fragen sorgten am Donnerstagabend für eine volle Stadthalle. Bei der Einwohnerversammlung gab’s interessante neue Perspektiven, viele Standpunkte, Kritik – und spürbare Begeisterung.

Schon vor dem eigentlichen Beginn des dreistündigen Programms laufen die Diskussionen auf vollen Touren: An zahlreichen Info-Ständen tauschen Gegner und Befürworter ihre Argumente aus, lassen sich die Bürger aus erster Hand Fragen beantworten. Die Firma KTS Innovations, die die "längste Hängebrücke der Welt" über das Neckartal im Auftrag des Investors Günter Eberhardt realisieren soll, zeigt auf großen Visualisierungen, wie die "Neckarline", die Testturm und Innenstadt verbinden soll, nach derzeitigem Stand der Planungen aussehen wird. Im Fokus: Der Andockpunkt am Bockshof. Der stellt sich nun deutlich filigraner dar – aber sieht es später wirklich so aus? Weil Details noch nicht feststehen, ist FFR-Stadträtin Heide Friederichs nicht bereit, "die Katze im Sack" zu kaufen, weshalb sie einen solchen – samt Stofftier-Katze – gleich mitgebracht hat.

Der Oberbürgermeister

Auf der Bühne eröffnet dann Oberbürgermeister Ralf Broß die Runde der Redner – die im Laufe des Abends von Moderation Claudia Peschen immer wieder an den straffen Zeitplan erinnert werden. "Menschen bauen zu viele Mauern und zu wenig Brücken" – mit diesem Zitat fordert Broß dazu auf, mutig neue Verbindungen einzugehen anstatt sich abzuschotten. Die Brücke biete die Möglichkeit, in Rottweil Alt und Neu zu verbinden. 200.000 Besucher mehr im Jahr seien verkraftbar, "und es wird kein Parkplatzchaos geben", versichert Broß. Das Parkleitsystem werde zügig angepackt und letztlich würden auch die Einheimischen vom Aufschwung profitieren. "Das Ja zur Hängebrücke lohnt sich für Rottweil."

Der Investor

"Meine Frau hat mir nach dem Testturm verboten, noch einen Turm zu bauen – was soll ich machen, dann bau’ ich eben eine Brücke." Investor Günter Eberhardt sorgt für die ersten Lacher und spricht wie gewohnt frei von der Leber weg. 15 000 Tonnen Betonstahl verarbeite seine Firma, die Eberhardt Bewehrungsbau GmbH, pro Jahr. Bei vielen Projekten in der Gegend hat er schon mitgewirkt. Die Hängebrücke biete ganz neue Blickwinkel auf Rottweil und führe, wie sein Projektleiter Roland Haag ausführt, die Besucher direkt "in das Wohnzimmer Rottweils" – den Bockshof. "Der Einstieg wird filigran, wir wollen nichts verbauen", so Haag. Zum genauen Andockpunkt – auf den aktuellen Bildern ist er weiter Richtung Pulverturm gerückt – erklärt Haag, dass es bisher noch keine Probebohrungen gegeben habe. "Das ist noch nicht fix." Man werde sich innerhalb des vorgegebenen Korridors bewegen.

Der Erfahrene

Wie sich das Leben mit Brücke so anfühlt, weiß Alois Oberer. Er ist Bürgermeister von Reutte in Österreich, wo die "highline 179" über ein Tal hinweg zwei Burgen verbindet, und berichtet von einem "völlig neuen Image" für seine Stadt. "Vor der Brücke waren wir vor allem für die Staus bekannt." Mehr als 100.000 Besucher kommen im Jahr zu Brücke, Reutte spüre den Aufschwung. Allerdings sei die Begeisterung nicht von Anfang an so groß gewesen. Erst wollte die Stadt die Brücke nämlich selber bauen, dann aber kam ein Investor mit den nötigen Mitteln.

Das Baurecht

Kein Großprojekt ohne großes Genehmigungsverfahren: Bürgermeister Christian Ruf spricht von einem "Maximum an Rechtsschutzmöglichkeiten" durch das Bebauungsplanprozedere. Jeder – auch nicht unmittelbar Betroffene – dürfe im Verfahren Anregungen und Bedenken vorbringen.

Die Bedenken

Dass das Landesamt für Denkmalpflege "erhebliche Bedenken" gegen die Brücke und deren Andockpunkt hat, erfahren die Besucher aus erster Hand von Ulrike Plate. Sie zeigt auf historischen Zeichnungen die Besonderheiten des Bockshofs auf, die Bedeutung der Stadtmauer und der Grünfläche, die bis 1832 ein Friedhof war. Diese werde nun "profane Verkehrsfläche", die alte Stadtbefestigung werde beeinträchtigt, "das Kulturdenkmal verliert seine Aussagekraft". Im Verfahren, so sagt sie auf Nachfrage, werde es "einen Abwägungsprozess" geben.

Der Tourismus

Positive Ausblicke hat dagegen Tourismusexperte Alexander Seiz parat. Die Brücke könnte Rottweil "ein starkes Profil" verschaffen, rund 200.000 Tagesbesucher anlocken (ein Plus von 17 Prozent), die dann für rund 2,1 Millionen Euro mehr Einnahmen in der Stadt sorgen. "Sie haben noch Luft nach oben." Optimalerweise müssten alle an einem Strang ziehen: Handel, Gastronomie, Hotellerie – und die Bürger.

Von einem "guten Prozess" aus der Dialoggruppe berichtet Wolfgang Himmel, bevor das Wort an die ausgewiesenen Gegner geht.

Die Gegner

Werner Fischer und Winfried Hecht von der Bürgerinitiative "Rottweil OHNE Hängebrücke" stellen Reutte und Rottweil gegenüber: In Reutte sei die Brücke tatsächlich gelungen in die Natur eingebettet, in Rottweil dagegen werde eine Parkanlage zerstört. An der "filigranen" Gestaltung des Andockpunkts haben sie höchste Zweifel und zeigen die massiven Poller aus Reutte. "Das trifft ins Herz Rottweils." Auch für die Anwohner oben auf dem Schafwasen gebe es "keine erfreuliche Perspektive".

Im Jahr 2030

Ruth Steinhilber vom Bürgerforum Perspektiven Rottweil nimmt die Zuhörer mit ins Jahr 2030. Zwei Rottweiler stehen auf der "Neckarline", genießen den Blick auf die Stadt und erinnern sich: "Erinnerst du dich an die Diskussionen damals? Wie schade, wenn wir diese Brücke jetzt nicht hätten." Und sie betonte, dass eben diese Diskussionen auch wichtig seien, um zum bestmöglichen Ergebnis zu kommen. "Die Brücke ist eine große Chance für Rottweil."

Die Bürger

Die Gelegenheit, Fragen zu stellen, wird dann rege genutzt. Manche Bürger – auch bekannte wie die GHV-Vorsitzende Karin Huonker oder Stadtrat Günter Posselt – nutzen das Mikrofon für ein Statement. Huonker und Posselt appellieren eindringlich für ein Ja zur Brücke beim Bürgerentscheid am 19. März. Auch ein Dunninger rät den Rottweilern, die Chance nicht verstreichen zu lassen. Andere hätten gern mehr Details vor dem Bürgerentscheid. Zu den Kosten für die Stadt. Zum genauen Brückenverlauf. Ein Versprechen gibt Martin Kathrein von KTS: "Der Einstieg wird genau so aussehen, wie gezeigt." Nur wo, das bleibt an diesem Abend offen.