Rottweil

Ein Garten hilft ihr zurück ins Leben

von Katja Fuchs

Bis vor zehn Jahren hat sie nie einen Fuß in die Gemeinschaftsgarten-Anlage auf der Charlottenhöhe gesetzt.

Rottweil. Für Pflanzen hat sich Sonja Zeitter-Hekeler schon interessiert, hat gerne Gartenzeitschriften in die Hand genommen. Aber an einen eigenen Garten gebunden sein, das wollte sie nicht.

"Ich bin ein ordentlicher Mensch, aber die Natur hat manchmal ihre eigene Ordnung", sagt Zeitter-Hekeler als sie ihr Blumenmeer betritt. Der vordere Bereich ihres Gartens ist ein Flickenteppich aus leuchtend gelben, orangenen und violetten Blüten. Dazwischen schlängeln sich Tomatenpflanzen an Stangen hoch und in der Mitte wachsen Kürbisse auf einem Hochbeet. Ein paar Löwenmäulchen sind neben dem Gartenhäuschen am Blühen. "Die haben sich selbst ausgesät. Jetzt dürfen sie bleiben", meint die Hobby-Gärtnerin. Manchmal lässt sie der Natur gerne ihren Lauf. Die Struktur ihrer fein säuberlich angelegten Beete hat sich längst aufgelöst und doch – oder gerade deswegen – hat der Garten Charme.

Sie fasziniert "das Schöne"

Ganz anders sieht es im hinteren Bereich aus, der nicht von außen einsehbar ist. "Ich sage immer, vorne ist das Paradies der Bienen und hinten ist meins", meint sie und schmunzelt. Zeitter-Hekeler liebt Dekoration. Ihr Gartenhaus ist mehr ein Gartenwohnzimmer, sehr liebevoll eingerichtet, genau der richtige Ort für einen Kaffee an verregneten Tagen. Drum herum hat die Gärtnerin alle möglichen Dinge bepflanzt, von Schalen über Gießkannen bis zu Gugelhupfformen. Darüber hängen Kränze und Herzen und natürlich passt farblich alles zusammen. Ein paar Nutzpflanzen hat sie auch, das schreibt die Auflage so vor. Aber "das Schöne" steht bei ihr im Vordergrund. "Wenn man um sein eigenes Leben fürchtet, ist es gut, etwas zu pflanzen. Und zu sehen, wie es wächst, verblüht, aber dann irgendwann wiederkommt." Das mache Hoffnung. Sie legt Wert darauf, dass in ihrem Garten immer etwas blüht.

Wie zu erahnen ist, waren die Umstände, die Zeitter-Hekeler schließlich zu ihrem grünen Paradies gebracht haben, unschön. "Vor etwa zehn Jahren wurde ich krank." Krebs lautete die Diagnose. Ein Schicksalsschlag, der mit Einschränkungen verbunden war. "In den Urlaub konnten wir nicht mehr", erinnert sie sich. "Irgendwann dachte ich mir: Warum ersatzweise eigentlich kein Garten?" Es war die richtige Entscheidung. Sie entwickelte eine große Begeisterung für ihr neues Hobby, für das Pflanzen und Gestalten. "Der Garten war die beste Therapie. Er brachte Erholung, Freude und Ablenkung." Wenn sie aus dem Krankenhaus gekommen sei, habe der erste Weg in den Garten geführt. "Dort habe ich sogar Freunde gefunden, mit denen ich mich jetzt auch außerhalb der Anlage treffe", freut sie sich.

Die richtige Entscheidung

Zeitter-Hekeler erinnert sich an einen Garten, an dem sie einmal vorbei kam. Eine ältere Frau sei darin beschäftigt gewesen. Es sei ein sehr schöner Garten gewesen. Einer, auf den sie selbst auch stolz gewesen wäre. Zeitter-Hekeler begann zu schwärmen, in der Hoffnung, mehr gezeigt zu bekommen. "Wie schön Sie es hier haben", sagte sie, doch die Frau habe nur knapp mit "ja, schon" geantwortet.

"Das verstehe ich nicht", meint Zeitter-Hekeler. Sie präsentiert ihren Garten immer gerne, freut sich, wenn sich andere daran erfreuen. Dann kann sie sich gar nicht mehr bremsen, redet von ihren Kräutern, dem Feigenbaum, der nie reife Früchte trägt und den Sonnenblumen, die höher wurden als geplant.

Heute weiß die Hobby-Gärtnerin, dass es kein Opfer bedeuten muss, an ein Stückchen Erde gebunden zu sein. Sie betreut sogar die Gemeinschaftsbeete der Anlage und kümmert sich um die gemeinschaftlichen Grünflächen rund um ihr Haus. Der Entscheidung für ihren Garten verdankt sie die Entdeckung einer großen Leidenschaft. Und vielleicht noch viel mehr.