Rottenburg

"Man muss sich fast rechtfertigen"

von Daniel Begemann

In Rottenburg ist der Bedarf an ehrenamtlichen Engagierten für die Flüchtlingshilfe nach wie vor groß. Doch die Helfer beklagen das Ende der "Willkommenskultur".

Rottenb urg. Asylcafé "Coffee to Stay" heißt das Angebot, das in Kooperation von evangelischer Kirchengemeinde Rottenburg, dem Verein Fluchtpunkte, dem Asylzentrum Tübingen und mit Unterstützung der Stadt Rottenburg freitags von 18 bis 20 Uhr im Familienhaus Martin Luther stattfindet. Fünf ehrenamtliche Helfer sind kurz nach 18 Uhr in der Küche beschäftigt, das gemeinsame Essen vorzubereiten. Es gibt Toast, Kaffee und Tee. Besucher sind noch kaum da. "Später wird hier richtig viel los sein", sagt eine Helferin.

Sie soll Recht haben: Nach und nach kommen Mütter mit ihren Kindern, Männer bringen ihre Frauen mit, auch Jugendliche nehmen das Angebot wahr. Sie sind aus Afghanistan, Iran, Somalia, Syrien und weiteren Ländern nach Deutschland gekommen. "Zwei Drittel der Besucher sind Frauen", sagt eine Helferin. Der Umgang zwischen den Ehrenamtlichen und den Flüchtlingen ist offen und herzlich. Die Besucher nutzen die Gelegenheit, um ihr Deutsch zu verbessern oder Probleme anzusprechen, sie genießen die Gemeinschaft.

Auch wenn das Asylcafé den Ehrenamtlichen viel Freude bereitet, mangelt es in Rottenburg doch an Helfern. Denn die Angebote in der Stadt sind vielseitig: Es gibt Nachhilfe in Mathematik speziell für Geflüchtete, ein Sprach-Café, ein Café International für Jugendliche ab 16 Jahren und eine Fahrradwerkstatt. Laut Wolfgang Jüngling, Flüchtlingskoordinator der Stadt Rottenburg, bestehe vor allem bei der Nachhilfe ein großer Bedarf an Helfern. Für Leute, die sich gerne engagieren wollen, sei es nicht unbedingt Voraussetzung, Abitur zu haben. "Die Nachfrage ist so groß, dass wir für jeden etwas Passendes finden", sagt Jüngling.

Leicht ist es nicht, Ehrenamtliche zu finden, die sich für geflüchtete Menschen engagieren. Ein Grund sei, dass die Unterstützung in der Gesellschaft gesunken sei. Von der "Willkommenskultur", die 2015 und 2016 in aller Munde war, sei nicht mehr viel übrig geblieben. Ein Helfer sagt: "Als Ehrenamtlicher muss man sich fast schon rechtfertigen, wenn man sich für Flüchtlinge engagiert." Es herrschten sehr viele negative Meinungen zu Flüchtlingen vor. "Wenn ich in einem Chor singe, finden das alle toll. Die Asylarbeit ist nicht mehr so angesagt. Es ist eine Herausforderung", sagt der Helfer.

Zum Freundeskreis Asyl in Rottenburg sind alle eingeladen, die sich für die Arbeit mit Flüchtlingen interessieren. Nächster Termin ist Donnerstag, 23. Mai, um 18 Uhr im evangelischen Gemeindehaus in Rottenburg (Kirchgasse 18). Ansprechpartnerin ist Regina Fetzer, E-Mail pfarramt.rottenburg-west@elkw.de. Informationen zu allen Projekten gibt auch der städtische Flüchtlingsbeauftragte Wolfgang Jüngling unter Telefon 07472/16 54 26 oder E-Mail willkommenskultur@rottenburg.de.