Rottenburg

Eine Feier der schwäbischen Sprache

von Marly Scharnowski

Die Baisinger Schloss-Scheuer war voll besetzt, das altersmäßig gut gemischte Publikum war bester Laune und voller Erwartung. Wolfgang Wulz, Vorsitzender des Vereins "schwäbische-mund.art" führte humorvoll durch den Abend – natürlich war die Sprache des Abends Schwäbisch.

Rottenburg-Baisingen. Den Einstieg des Abends übernahm die Sängerabteilung des Sportvereins Baisingen. Schwungvoll wurden die Lieder "Scherenschleifer", "Drei-Männer-Chor" und "Schwäbische Eisenbahn" unter Leitung von Joachim Harm geboten. Donnernder Applaus, die geforderte Zugabe konnte nicht gegeben werden – im Anschluss erfuhr man, sie hätten gerne weitergesungen, mussten sich aber an den Zeitplan halten.

Anton Hunger, in Bayern geboren, arbeitete fast zwei Jahrzehnte als Journalist. Er wurde mit mehreren Journalistenpreisen ausgezeichnet. Seine hintergründige "Gebrauchsanweisung für Schwaben" wurde ein Bestseller, aus dem er eine lockere Zusammenfassung vortrug.

Ja, die Schwaben, das sind die, wo man den Wein schlotzt. "Wer keinen Wein trinkt, ist zu faul zum Kauen", so die Ansicht von Hunger. Das Bier sei auch nicht zu verachten. Die schwäbische Küche passt sich an, die Spätzle gehören geschabt, "faule Weiber-Nudeln" gehören nicht auf den Tisch. Dann kommen noch die Maultaschen, auch "Strudla" genannt. Wie knitz die Schwaben sind, zeigte sich im Kloster Maulbronn, wo angeblich die "Herrgotts Bscheisserle" erfunden wurden.

Er stieg auch in das "tägliche Leben" ein: der Umgangston der Jungen, die man kaum versteht, die niedrige Arbeitslosigkeit, die Bausparer und Häuslesbauer, die schwäbische Sparsamkeit in jeder Beziehung.

Das Licht des schwäbischen Denkens

Schwabenland ist auch die Heimat der Dichter, Denker, Philosophen, der Designer-Outlets, reich an Kunstschätzen und des Fußballs. Die Landschaften – zwischen Tübingen und Überlingen, Baiersbronn und Marbach, Bietigheim und Metzingen sowie der vielfältige Neckar gehören zum Charme des Ländles. Politik, Wirtschaft, Industrie wurden nicht nur gestreift, sondern in das Licht des schwäbischen Denkens gesetzt.

Helga Becker, auch als "Frau Nägele" bekannt, wankte auf ihren Highheels am Arm von Wolfgang Wulz in Richtung Bühne. Für Becker als schwäbisches Original sind die Werke des Autors Josef Eberle alias Sebastian Blau eine wahre Fundgrube. Im roten Kleid mit Netzstrümpfen und pommeligem "Kittele" wurde sich mit viel Applaus begrüßt. Sie stellte sich als "Schwabemädle" vor und ging auch gleich zur Sache. Locker plauderte sie über schwäbische Gepflogenheiten, Gewohnheiten, vor allem in der Ehe und was noch schlimmer ist, bei den Nachbarn, hauptsächlich den Weibern. Ihr Rückblick, wie es in der guten alten Zeit war mit dem Sich-Kennenlernen und heute, "do hod ma faschd koi Luschd mai" war ihre Ansicht. Im Laufe der Zeit klärte sie dann über den Schwaben-Sex auf, mit charmanten Umschreibungen, aber gleichzeitig sehr treffend. Im Laufe des Abends wurde aus der extravaganten Diva eine "gstandene" Putzfrau. Auch in dieser Rolle waren ihre Themen humorvoll und hintergründig, aber nie platt. Sie schaffte es zum Abschluss, den ganzen Saal zum Mitsingen zu bewegen: "Dr Gsangverein" von Sebastian Blau wurde sicherlich nie mit so viel Gefühl und so viel Stimmlagen gesungen.

Eine kleine Pause war angesagt, das Publikum diskutierte vor allem lachend, entspannt und war voll zufrieden. Wie sollte man die Veranstaltung noch toppen?

Die Gruppe "Gradaus" machte sich fertig. Ihren Namen haben sie von ihrer Einstellung: offen und vor allem authentisch. Ihre Musik: schwäbischer Akustik-Folkrock. Zum Einstieg spielten sie "Verspreche" mit dem Text "wie a Blättle im Wind ... mit de Fiass auf’m Boda", dann "Was i däd" gefolgt von "Standet elle uf", passend im Anschluss "I will danza", "enne drenna", "Schalu", als Zugabe "Kerle" und "I fliag zu dir". Die Songs gingen zu Herzen, brachten zum Nachdenken, auch zum Klatschen, man könnte sagen: Sie waren das Dessert der Veranstaltung.

Die Band präsentierte einen modernen, eigenwilligen Stil, jeder der Künstler ist vielseitig. Anke Hagner (Gesang, Ukulele und Flöte), Christoph Kinkel (Gitarre und Gesang), Michael Hammer (Gitarre, Bouzouki), Patrik Haufe (Bass), Andreas Stadelbacher stand mit seinem Saxofon im Vordergrund und Axel Hannemann mit Percussion.

Es war ein gelungener Abend, kein Besucher verließ die Veranstaltung vor dem Ende. Ein echtes Fest der schwäbischen Sprache, ganz im Sinne der Weisheit: "Gott gab allen Menschen auf der Welt ihre eigene Sprache – nur die Schwaben maulten, weil sie keine bekommen hatten. Da sprach Gott: ›Dann schwätzed ihr halt wie I.‹"