Rottenburg

Die Ergenzinger Note fehlt dieses Mal

von Klaus Ranft

Wenn sich am Sonntag der Jubiläumsumzug in der Ergenzinger Partnergemeinde Gols in Bewegung setzen wird, findet dieser – sofern nichts Außergewöhnliches mehr geschieht – ohne einen herausgeputzten Festwagen aus Ergenzingen statt.

Rottenburg-Ergenzingen. Eigentlich ein Novum, zumal sich die "Wagenbauer" fest vorgenommen hatten, zum 50-jährigen Volksfestjubiläum der Partnergemeinde noch einmal tätig zu werden.

Doch mittlerweile sind die Macher von einst, die zum 30-und 40-jährigen Bestehen des Golser Volksfestes eine Woche ihres Jahresurlaubs geopfert hatten und zwei hochkarätige Festwagen bauten, alle über 70 Jahre alt. Sie wollten nicht mehr so recht, sind zum Teil gesundheitlich angeschlagen oder gar verstorben. Kurzum, von dem harten, sechsköpfigen Kern der "Ehemaligen" blieb am Schluss noch einer übrig und der allein konnte bei allem Wohlwollen keinen Festwagen bauen.

Fünf bis sechs handwerklich geschickte Arbeiter notwendig für den Wagenbau

Dazu bräuchte man, so lehrte die Erfahrung, fünf bis sechs handwerklich begabte Arbeiter, und einen gewissen Zeitaufwand. Hinzu kommt ein Tag für die Anreise, ein halber Tag für den Materialeinkauf – dieser ging bislang voll zu Lasten an die Gemeinde Gols – und gut und gerne drei Tage zum Bau eines solchen Wagens. Immer vorausgesetzt, ein Weinbauer stellt Traktor und Anhänger, Werkzeug sowie eine Scheuer für den Wagenbau zur Verfügung.

Letzteres wäre aber vermutlich das kleinste Problem gewesen. Es gab zwar im Frühjahr seitens der Ortsverwaltung und des Fördervereins für die Partnerschaft Ergenzingen-Gols den Versuch, etwas auf die Beine zu stellen, doch wurde schnell klar, dass man die Qualität bisheriger Festwagen nicht erreichen würde.

Dazu kam noch mangelnde Kommunikation. Einige jüngere Burschen wären zwar bereit gewesen, mitzuhelfen, aber das ging unter, oder wurde nicht weiter gegeben.

Dass von Golser Seite die Einladung zum Volksfest relativ spät (erst im Frühjahr) kam, war zumindest für die alten Wagenbauer unbedeutend. Die wussten schon lange, dass man tätig werden sollte, handelten aber aus den genannten Gründen nicht.

Es existierte zwar ein Vorschlag, mit geringerem Aufwand einen Festwagen herzurichten, auf dem sich die bisherigen Wagenbauer ein letztes Mal präsentieren sollten, aber auch dieser ließ sich nicht umsetzen.

Was bleibt, sind schöne Erinnerungen. War der Wagenbau 1997 noch Teil eines Familienurlaubs, bei dem die Männer und einige Frauen im Schuppen des Weinbauern Johann Wendelin werkelten und die restlichen Frauen sich mit den Kindern im Golser Freibad vergnügten und dann zum guten Schluss mit den Männern den Festwagen mit Blumenschmuck versahen, war das 2007 schon etwas professioneller.

Mit Hubert Nisch und Hermann Kessler hatte man gleich zwei "Capos" vor Ort, die sich auch mal fetzten, bevor eine Entscheidung gefällt wurde. Gebaut wurde 2007 ein Wagen mit einer überdimensionalen Waage, auf der sich Golser Wein und Ergenzinger Bier das Gleichgewicht hielten. Es herrschte einfach Euphorie. Die ist allerdings schon längere Zeit verflogen.

Mittlerweile hat sich die Partnerschaft zwischen beiden Gemeinden auf ein reales Maß eingependelt, das es zu respektieren gilt. Die Zeit, in der die Menschen in Gols und Ergenzingen die fast 800 Kilometer lange Reise mit Bussen auf sich nahmen, um Festivitäten beizuwohnen, ist wohl definitiv vorbei.

Im privaten Bereich ist das freilich anders. Da gibt es immer wieder Golser, die ihre Ergenzinger Freunde besuchen und umgekehrt. So werden neben den offiziellen Vertretern der Gemeinde am Wochenende wieder etliche Ergenzinger Bürger in Gols zu finden sein – vor allem auch Jugendliche, die mit dem Flugzeug anreisen.

So gesehen, hat sich die ganze Sache bewährt, denn eigentlich sind es nicht die Rathäuser, die eine Partnerschaft mit Leben füllen müssen, sondern die Menschen aus beiden Gemeinden und das funktioniert zumindest nicht schlecht.