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Orgelbau und -musik zum Immateriellen Kulturerbe erklärt

von Ralf Deckert, Adrian Steineck, Ulf Mauder

Waldkirch/Ludwigsburg/Basel/Seoul - Freunde der Orgelmusik wiegen sich im Hochgefühl. Was sie schon lange herbeisehnen, hat sich jetzt erfüllt: Orgelbau und Orgelmusik, in Deutschland so präsent wie sonst kaum irgendwo, gehören nun zum Immateriellen Kulturerbe der Menschheit. Der zuständige Ausschuss der Unesco nahm den deutschen Antrag am Donnerstag bei seiner Sitzung auf der südkoreanischen Ferieninsel Jeju an. »Nicht nur das Tun der Kulturschaffenden ist nun von höchster ethischer Instanz bestätigt«, sagt der Musikwissenschaftler und Mitinitiator der Antrags, Michael Kaufmann, glücklich.

Nun müsse die Anerkennung genutzt werden, damit »personelle und finanzielle Ressourcen für den Erhalt und die Fortschreibung des Instruments und seiner Kultur eröffnet werden«. In der Verantwortung seien nicht nur die Kirchengemeinden als Eigentümer von Orgeln, sondern auch der Staat, der etwa die Ausbildung regele, sagt Kaufmann. Er lehrt an der Hochschule für Kirchenmusik der Badischen Landeskirche in Heidelberg und leitet dort ein Forschungsprojekt auch zur sozialpolitischen Bedeutung der Orgel.

Orchestrien aus Waldkirch  sorgten selbst  in den Wildwest-Saloons  für den guten Ton

Im Südwesten ist die Tradition so allgegenwärtig wie sonst kaum in Deutschland: mit 7000 bis 8000 Instrumenten gibt es hier die größte Orgeldichte. Bundesweit sind es etwa 50.000 Orgeln – vor allem in Kirchen und Konzertsälen, die von Zehntausenden von haupt- und nebenamtlichen Organisten gespielt werden. Auch 60 der rund 400 Betriebe haben nach Darstellung der Vereinigung der Orgelsachverständigen Deutschlands ihren Standort in Baden-Württemberg. Wer Orgelbauer werden will, lernt das alte Handwerk an der Oscar-Walcker-Schule in Ludwigsburg, der zentralen Ausbildungsstätte für den Orgelbau.

»Es ist schwierig, junge Menschen dafür zu begeistern. Aber alle, die hier bei uns lernen, sind mit Leib und Seele dabei«, sagt der Abteilungsleiter Musikinstrumentenbau an der Schule, Werner Stannat. Die Lage des Orgelbaus in Deutschland sei bisweilen nicht einfach, weil es immer weniger Geld gebe und zudem etwa Kirchen und damit die Orgeln aufgegeben würden.

Musikfreunde weltweit schätzen Orgeln als muskalische Glanzpunkte von orchestraler Strahlkraft. Wer eine so hochkomplexe Maschine wie eine Orgel bedienen will, müsse enorme Denkarbeit leisten, sagt Kaufmann. »Um sich zu koordinieren, müssen Kopf und Körper im Einklang sein«, sagt er. »Der Atem muss fließen, dann fließt auch die Musik.«

In der Stephanskirche in Karlsruhe bedient er eine Orgel der Werkstatt Klais (Bonn), zieht die Register, greift in die Tasten, tanzt über die Pedale – der ganze Körper ist in Aktion. »Es ist ein Gefühl von Erhabenheit und Demut gleichermaßen«, meint der Musiker und lässt die voluminösen Klänge sich im Raum entfalten. Er sieht nun eine Perspektive, die Traditionen des Bauens und Spielens von Orgeln neuen Generationen ungebrochen zu überliefern.

Eine besondere Bedeutung kommt dem Orgelbau in Südbaden vor allem in der Stadt Waldkirch (Kreis Emmendingen) zu. Mechanische Musikinstrumente und Orgeln haben hier eine lange Tradition, die bis ins frühe 19. Jahrhundert zurückreicht: Damals eroberten Drehorgeln und Orchestrien aus Waldkirch die ganze Welt und sorgten selbst in den Saloons im Wilden Westen für den guten Ton.

Erst mit dem Aufstieg des Radios und der Schallplatte in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts wurden die Instrumente aus den guten Stuben wohlhabender Familien verdrängt. Geblieben von dem Ruhm einstiger Tage sind in der Stadt im Elztal bis heute das große Internationale Orgelfest, welches alle drei Jahre gefeiert wird, die Orgelausstellung im Elztal-Museum und eine kleine, aber erfolgreiche Industrie von Orgelbauern, die Kirchen- und Drehorgeln bauen und restaurieren.

Spektakulärster Fall in der jüngsten Vergangenheit: eine rund 300 Jahre alte Welte-Orgel aus dem Freiburger Augustinermuseum, die im Jahr 2016 plötzlich ein Eigenleben entwickelte und wie von Geisterhand von alleine zu spielen begann. Der Fall machte bundesweit Schlagzeilen: Erst im Januar 2017 konnte die Orgel dank der Arbeit des Waldkircher Unternehmens Jäger & Brommer wieder für den Konzertbetrieb genutzt werden. Einer beiden Gründer des Betriebs, Wolfgang Brommer, ist Mitverfasser des erfolgreichen Unesco-Antrags gewesen. Die Anerkennung durch die Unesco sei »ein Ritterschlag« für den Orgelbau, meinte Brommer am Donnerstag.

Basler Fasnacht »eine äußerst vielfältige und lebendige Tradition«, die die Stadt mitprägt

Die Basler Fasnacht indes sei laut  Unesco »eine äußerst vielfältige und lebendige Tradition«, welche Musik, mündliche Ausdrucksformen und Handwerk vereine. Mit jährlich fast 20.000 Aktiven und mehr als 200.000 Besuchern sei sie ein bedeutendes kulturelles Ereignis für die Basler Bevölkerung mit Präsenz im politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Leben und präge den Geist der Stadt mit.

Die Unesco habe die vom Schweizerischen Bundesamt für Kultur (BAK) mit dem Basler Fasnachts-Comité erarbeitete Kandidatur »als exem­plarisch gewürdigt«, weil diese die Verwendung des Dialekts zur Vermittlung des Immateriellen Kulturerbes hervorhebe. Nach dem Winzerfest in Vevey im vergangenen Jahr ist die Basler Fasnacht der zweite Schweizer Eintrag auf der Liste des Immateriellen Kulturerbes der Menschheit. Die »drey scheenschte Dääg«, wie die Fasnacht im Basler Dialekt heißt, werden traditionell mit dem »Morgenstraich« am Montag nach Aschermittwoch ab 4 Uhr morgens eingeläutet.