Politik

Friedensnobelpreis durchkreuzt Nadia Murads Hochzeitspläne

von (sb/dpa)

Der Friedensnobelpreis kam für Nadia Murad überraschend - so überraschend, dass er auch privat Einiges durcheinanderbrachte. Im dpa-Interview spricht die 25-Jährige über ihre Bindung zu Deutschland. Und sie hat eine Botschaft an die Kanzlerin.

Der Friedensnobelpreis für Nadia Murad hat die privaten Pläne der irakischen Menschenrechtsaktivistin etwas durchkreuzt. «Wir waren gerade dabei, unsere Hochzeit zu planen, aber dann kam der Nobelpreis», sagte Murad im Interview mit der Deutschen Presse-Agentur in Washington - im Beisein ihres Verlobten und Übersetzers, Abid Shamdeen. Die Hochzeit werde nun verschoben. Die 25-jährige Jesidin hat mehrere Jahre in Baden-Württemberg verbracht und will auch in Zukunft zumindest zum Teil dort leben. Die Bundesrepublik sei für sie so etwas wie Heimat geworden, sagte Murad. Sie hoffe darauf, im Dezember nach Deutschland zu kommen.

Baden-Württemberg hatte vor mehreren Jahren ein Aufnahmeprogramm für besonders Schutzbedürftige aus dem Nordirak gestartet und darüber insgesamt mehr als 1000 von IS-Terroristen bedrohte jesidische Frauen und Kinder in den Südwesten geholt. Unter ihnen war auch Murad.

Das norwegische Nobelkomitee hatte am Freitag bekanntgebeben, dass Murad mit dem diesjährigen Friedensnobelpreis ausgezeichnet wird - gemeinsam mit dem kongolesischen Arzt Denis Mukwege, der Vergewaltigungsopfer behandelt. Murad sagte, die Auszeichnung sei für sie eine große Überraschung - und eine große Ehre.

In Washington hatte die 25-Jährige bei einer Pressekonferenz am Montag ihren ersten großen öffentlichen Auftritt seit der Nobelpreis-Verkündung gehabt. Murad erschien dort in Jeans und Turnschuhen, trat bescheiden und zurückhaltend auf, in der Sache aber bestimmt. Sie forderte Regierungen rund um die Welt dazu auf, mehr gegen Völkermord und sexuelle Gewalt zu tun.

Die junge Frau hat selbst Schreckliches hinter sich. In ihrer Heimat war sie wegen ihrer Religion mehrere Monate lang von der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) als Sex-Sklavin gehalten und brutal missbraucht worden. Murad gelang jedoch die Flucht. Seitdem kämpft sie dafür, dass die Terroristen vor Gericht kommen. Als Sonderbotschafterin der Vereinten Nationen macht sie auf die Qualen der IS-Opfer aufmerksam. Für ihren Einsatz bekommt sie den Preis.

Murads Verlobter Shamdeen ist ebenfalls Jeside aus dem Irak. Er arbeitete in der Heimat als Übersetzer für das US-Militär, lebt bereits seit mehreren Jahren in den USA und hat inzwischen die amerikanische Staatsbürgerschaft. Murad sagte, nach ihrer Verlobung sei sie zu Shamdeen in die USA gezogen und sehe ihren Lebensmittelpunkt künftig zum Teil dort. «Aber ich werde auch in Deutschland leben», betonte sie. «Deutschland hat uns sehr geholfen und unterstützt.» Das gelte vor allem für Baden-Württemberg.

Die 25-Jährige sagte, im vergangenen Jahr habe es Überlegungen gegeben, in Niedersachsen ein ähnliches Hilfsprogramm für Jesiden wie im Südwesten aufzulegen. Dazu sei es aber nicht gekommen. Sie hoffe, dass weitere Jesiden in Deutschland Schutz bekämen. Aber bei vielen werde der Asylantrag abgelehnt, beklagte sie. Murad appellierte an die Bundesregierung, mehr Jesiden Schutz zu gewähren. «Sie fliehen vor Verfolgung, ihr Zuhause ist zerstört. Deshalb verlassen sie ihre Heimat und kommen nach Europa.» Sie bräuchten dringend Hilfe.

Murad sagte, sie habe Kanzlerin Angela Merkel (CDU) bisher zweimal getroffen und beide Male auf dieses Problem aufmerksam gemacht. Sie hoffe, dass sich im Umgang mit jesidischen Asylbewerbern etwas ändern werde in Deutschland.