Ein Teil der Familie auf dem heimischen Sofa: Etienne (von links), Sabrina Chevallier, Patrice, Linda und Pfleger Boris Borojevic. Foto: Rahmann

Sabrina Chevallier will einen eigenen Pflegedienst gründen – um für ihr Pflegekind Linda eine gute Versorgung zu gewährleisten. „Wir wollen nicht mehr ein Betrieb sein, sondern Familie sein dürfen“, sagt sie. Für die Startfinanzierung organisiert sie kommenden Samstag den „Linda-Tag“.

„In diesem Haus haben Kinderlachen und Fröhlichkeit mehr Priorität als präzise Ordnung und kleinliche Sauberkeit“, steht an der Eingangstür des Hauses, in dem Sabrina Chevallier mit vier Kindern, Mann und Hund lebt. „Ich bin geschminkt“, sagt die 16-jährige Linda, eines von Chevalliers zwei Pflegekindern, am Esstisch im Wohnzimmer und deutet auf ihr Gesicht. Das habe Linda eingefordert, sagt Sabrina Chevallier und sie unterstütze „alles, was andere 16-jährige auch machen – wenn es nicht gerade Koma-Saufen ist.“

Auch an einfachen Dingen teilzuhaben, die zum Teenager-Dasein gehören, ist für Linda nicht selbstverständlich. Sie hat das Dravet-Syndrom, was mit einer schweren Epilepsie und körperlichen Einschränkungen einhergeht, braucht daher rund um die Uhr Betreuung – und ist mit Hilfesystemen konfrontiert, die nicht für Jugendliche wie sie ausgelegt sind.

Pflegedienste nicht an Jugendliche gewohnt

„Bis Ende des Jahres 2017 habe ich die komplette Pflege selbst übernommen“, sagt Chevallier, die Linda im Jahr 2009 als Pflegetochter aufgenommen hat. Als die Schule und sie selbst mit der medizinischen Versorgung an ihre Grenzen gekommen waren, probierte Chevallier insgesamt zwei Pflegedienste aus. „In der ländlichen Gegend ist es schwierig, dort einen Platz zu kriegen“, sagt sie.

Die meisten Intensivpflegedienste seien zudem nicht auf Kinder und Jugendliche ausgelegt und mit der Pflege von Linda überfordert gewesen. Der ständige Wechsel von Personal sei für Linda, die feste Strukturen und Bezugspersonen braucht, ein enormer Stressfaktor gewesen – was wiederum zu den für Linda potenziell lebensbedrohlichen Epilepsieanfällen führen könne.

2021 habe Chevallier für Lindas Pflege daher das persönliche Budget bei der Krankenkasse beantragt. Grundsätzlich sei seitdem vieles besser geworden, denn Chevallier und ihr Mann suchen seitdem selbst die Mitarbeiter aus, die zu Linda und der Familie passen – aktuell sind das sieben Pfleger.

„Persönliches Budget“ nicht zu Ende gedacht

„Das persönliche Budget ist ein schöner Gedanke, aber unser Gesetzgeber hat die Sache nicht zu Ende gedacht“, sagt die Mutter. Vom Grundbudget erhalten die Pflegedienste ungefähr 30 Prozent mehr Geld als Familie Chevallier mit ihrem Team über das persönliche Budget bekommen, dabei machen sie dieselbe Arbeit: „Und das komplette Risiko – egal für was – trage ich persönlich.“ Auch Fortbildungen für die Mitarbeiter müsse die Familie in der Regel selbst zahlen. Sie müsse wöchentlich rund 15 Stunden mit der Bürokratie und Organisation der Pflege verbringen, wofür es ebenfalls keine finanzielle Unterstützung gebe.

Um diese Missstände zu beheben, möchte sie nun selbst einen Pflegedienst gründen. Die Pflegedienstleitung soll dabei ein Mitarbeiter übernehmen und „ich darf dann einfach wieder ’nur’ Mama sein“. Damit der eigene Dienst genehmigt wird, muss die Familie ein Start-Kapital auf dem „Pflegekonto“nachweisen. Dafür sammelt sie Spenden und veranstaltet zu diesem Zweck am kommenden Samstag den „Linda-Tag“.

Linda rockt

Im Wohnzimmer der Chevalliers ist es lebendig: Hund Dante trottet am Esstisch von Mensch zu Mensch, eines der jüngeren Kinder klettert den Stuhl hinauf. „Ich habe gerockt“, sagt Linda, die gerne Gitarre spielt. In der Schule hat sie einiges von Ägypten gehört – dort will sie einmal Urlaub machen. Erstmal sind aber Touren an den Bodensee und nach Holland geplant. Auf Chevalliers Schoß sitzt Lindas kleiner Bruder, Linda kitzelt ihn sanft und lacht selbst dabei am meisten. Kinderlachen und Fröhlichkeit haben in diesem Haus schließlich Priorität.

Linda-Tag

Programm
Am Samstag, den 14. Oktober von 12 bis 18 Uhr, gibt es in der Hauptstraße 9 in Horb-Nordstetten den „Linda-Tag“. Linda selbst verkauft an einem Marktstand selbst gemachte Bilder und Gebasteltes, Piercings und Massagen zum Sonderpreis, Kinderschminken, eine Tombola, Kaffee, Kuchen und rote Wurst sind geboten.

Erlös
Der Erlös wird als Start-Budget für den Pflegedienst verwendet, den Familie Chavellier gründen will.