Patienten harren stundenlang in Arztpraxis aus

Krankentransport kommt um kurz vor Mitternacht

von Jürgen Bock

Stuttgart - Ludwig Miehle ist auf die Dialyse angewiesen. Dreimal die Woche muss der Cannstatter dafür in eine Praxis in der Stuttgarter Innenstadt. Neuerdings geht das aufgrund seines Gesundheitszustandes nur noch mit einem Krankentransportwagen (KTW). Doch was der 79-Jährige jetzt erlebt hat, erschüttert die ganze Familie. „Es ist schon beinahe menschenunwürdig, wie mit schwerkranken Menschen umgegangen wird“, sagt seine Frau Doris.

Am 6. Januar, dem Dreikönigstag, steht ein Termin in der Praxis am frühen Nachmittag an. „Die Helfer vom Deutschen Roten Kreuz kamen schon eine halbe Stunde zu spät“, berichtet Doris Miehle. Halb so wild, denken sich die Eheleute, das kann mal passieren. Ab geht es zur Dialyse. Doch als es Abend wird, beginnt sich die Ehefrau zu Hause Sorgen zu machen. Normalerweise kommt mein Mann gegen 18 Uhr zurück“, sagt sie. Als es 19 Uhr ist, ruft sie in der Leitstelle an. Dort teilt man ihr mit, an diesem Feiertag seien nur das Rote Kreuz und die Johanniter verfügbar, andere Rettungsorganisationen und private Transportdienste seien nicht im Einsatz. Deshalb gebe es zu wenig Fahrzeuge. Die Rückfahrt nach Hause könne sich bis weit in die Nacht verzögern.

So kommt es auch. Ludwig Miehle und zwei weitere schwerkranke Patienten warten bis kurz vor Mitternacht in der Praxis. Und mit ihnen das Personal. „Mein Mann kam schließlich erst gegen 0 Uhr völlig erschöpft daheim in sein Bett“, sagt seine Frau. Auch die Rotkreuz-Mitarbeiter seien mit der Situation sehr unzufrieden gewesen – genauso wie das Praxispersonal, das erzählt habe, solche Engpässe gebe es besonders an Feiertagen häufiger. „Ich frage mich, wie in einer Großstadt wie Stuttgart eine so dünne Personaldecke für die Dienste am Menschen möglich ist“, sagt Doris Miehle.

Speziell an Feiertagen gibt es Probleme

In der Dialysepraxis heißt es offiziell, dass die Krankentransporte in der Regel pünktlich und zuverlässig kämen. Allerdings gebe es durchaus auch Engpässe: „Speziell die Feiertage sind schwierig und auch mal einzelne Tage dazwischen.“ Das liege aber nicht immer an der knappen Ausstattung, sondern könne auch durch schwierige Verkehrsverhältnisse verursacht werden.

Generell allerdings hat der Krankentransport in Baden-Württemberg tatsächlich ein strukturelles Problem. Denn die Fahrten sind oft unterbezahlt. „Um es einmal flapsig zu formulieren: Manchmal ist es billiger, sich einen Krankentransport mit zwei Mann Besatzung kommen zu lassen, als ein Taxi“, sagt ein Rettungsdienstexperte. Die Krankenkassen verhandeln die Tarife, die sie für solche Fahrten bezahlen, direkt mit den Leistungserbringern. Im Schnitt, so ist zu hören, liegt die Erstattung für eine Fahrt – egal, wie lange sie dauert – derzeit bei rund 65 Euro. Es gibt aber auch Regionen, in denen nur 45 Euro bezahlt werden – zu wenig, um damit Geld zu verdienen. Also kalkulieren die beteiligten lieber mit einem Fahrzeug weniger als mit einem zuviel. und wenn es im Rettungsdienst eng wird, werden Krankentransporte auch immer wieder für Notfalleinsätze abgezogen.

„Das war in diesem Fall aber nicht so“, sagt Udo Bangerter. Der Sprecher des Deutschen Roten Kreuzes (DRK) begründet den Vorfall am 6. Januar mit der Anmeldelage: „Noch am Vortag waren nur ganz wenig Fahrten für den Feiertag bekannt und geplant.“ Dafür habe man die nötigen Fahrzeuge vorgehalten. Die Entwicklung am nächsten Nachmittag sei dann aber ganz anders verlaufen. Es seien viele Fahrten dazu gekommen, Personal und KTW reichten nicht mehr aus. „Das bedauern wir sehr, denn auch wir wollen natürlich zufriedene Patienten fahren“, sagt Bangerter.

Nicht jeder fährt bei schwacher Auslastung

Eine kleine Kritik an manchen Konkurrenten kann man sich beim DRK aber nicht verkneifen. „Wir fahren an Feiertagen, andere nicht, weil es sich für sie nicht lohnt", sagt Bangerter. Das gelte für alle Zeiten, zu denen es normalerweise eine geringere Auslastung gebe. Auch durch diesen Umstand sei es am Dreikönigstag bei den Rückfahrten zu einer durchschnittlichen Wartezeit von gut eineinhalb Stunden gekommen – Ausreißer nach oben inklusive.

Bangerter kritisiert das generelle System im Land: „Im jüngst geänderten Rettungsdienstgesetz werden die Krankentransporte zwar erwähnt, anders als in der Notfallrettung werden aber keine verbindlichen Höchstwartezeiten genannt.“ Dadurch hätten die Rettungsorganisationen gegenüber den Krankenkassen eine schlechte Verhandlungsposition. Ergebnis sind Tarife, „deren Auskömmlichkeit schwer zu gewährleisten ist“, formuliert es Bangerter vorsichtig. Um den Druck gegenüber den Kostenträgern zu erhöhen, wäre es seiner Meinung nach sinnvoll, auch bei Krankentransporten gesetzliche Fristen einzuführen. „Dann könnte man das besser hinbekommen“, glaubt er. Allerdings ist das Problem seit Jahren bekannt. Immer wieder klagen Patienten über Wartezeiten, die in Extremfällen auch einmal sieben Stunden betragen können. Geändert hat sich bisher allerdings nichts.

Familie Miehle jedenfalls macht sich Sorgen um die Zukunft. „Wenn man dreimal pro Woche auf solche Dienste angewiesen ist, hat man jetzt natürlich die größten Bedenken, wie das funktionieren soll“, sagt Doris Miehle. Sie hofft, dass sie für ihren Mann einen möglichst zuverlässigen Transport organisieren kann – und es künftig möglichst wenig Termine an Feiertagen gibt.