Notre-Dame de Paris

Warum Katholiken Reliquien verehren

von Markus Brauer

Paris/Stuttgart - „La Sainte Couronne du Christ“ – die Dornenkrone Christi – gilt als eine der wertvollsten Reliquien der katholischen Kirche, die in La cathédrale Notre-Dame de Paris, der Kathedrale Notre Dame von Paris, aufbewahrt wird. Die Reliquienverehrung ist ein Bestandteil katholischer Volksfrömmigkeit. In der evangelischen Kirche ist dieser Brauch unbekannt. Für den Reformator Martin Luther (1483-1546) waren Reliquien „alles tot Ding“.

Reliquien (von lateinisch „reliquiae“ – Zurückgelassenes, Überbleibsel) sind Gegenstände religiöser Verehrung. Besonders Körperteile oder Teile des persönlichen Besitzes eines Menschen, der von der Kirche als Heiliger verehrt wird, gehören hierzu. Daneben gibt es Berührungsreliquien, etwa Kleidungsstoffe, mit denen der Heilige in Berührung kam oder gekommen sein soll.

Drei Klassen von Reliquien

Reliquie ist nicht gleich Reliquie. Nach katholischem Verständnis gibt es Reliquien erster Klasse: der Leichnam eines Heiligen oder Teile davon wie das Herz der spanischen Ordensgründerin Teresa von Avila (15115-1582), die Blutreliquien von Johannes Paul II. oder die Asche von Heiligen, die verbrannt wurden.

Bei Reliquien zweiter Klasse handelt es sich um Gegenstände, die der Heilige berührt haben soll, weshalb sie auch Berührungsreliquien genannt werden. Zu dieser Kategorie gehören beispielsweise das Turiner Grabtuch oder Folterwerkzeuge, mit denen Märtyrer gepeinigt wurden.

Reliquien dritter Klasse schließlich sind Gegenstände, die von Reliquien erster Klasse berührt wurden – etwa kleine Papier- oder Stofffetzen, die auf eine Reliquie erster Klasse gelegt und auf Heiligenbildchen geklebt wurden.

„Sanctum praeputium“ – die „heilige Vorhaut Jesu“

Der Reliquienkult hat in der Kirchengeschichte mitunter bizarre Ausmaße angenommen. So wurde über Jahrhunderte die „heilige Vorhaut“ (lateinisch: „sanctum praeputium“) verehrt, bei der es sich um die Vorhaut Jesus von Nazareth gehandelt haben soll.

Die Reliquie soll Papst Leo III. von Karl dem Großen anlässlich seiner Kaiserkrönung am 25. Dezember 800 in Rom geschenkt worden sein. Der Frankenkönig wiederum soll sie von einem Engel oder von der byzantinischen Kaiserin Irene bekommen haben.

Nach einigen Stationen wurde sie ab dem 16. Jahrhundert in der Pfarrkirche des italienischen Ortes Calcata aufbewahrt, wo sie bei Prozessionen öffentlich gezeigt wurde. 1983 verschwand sie und wurde seither nicht mehr gesehen.

Theologische Symbolik statt Wissenschaft

Für Reliquien ist es unerheblich, ob ihre Echtheit wissenschaftlich bewiesen ist. Es geht vor allem um die theologische Symbolik. So wird im Trier Dom der Heilige Rock, ein unscheinbarer braun-grauer Rock als Symbol für die Menschwerdung Jesu verehrt. Es ist sinnfälliger Ausdruck der Heilsgeschichte, die nur im Glauben erfasst wird.

Zahlreiche andere fromme Relikte fanden im Mittelalter den Weg über die Alpen – so auch die Dornenkrone Christi, die im Jahr 1237 von König Ludwig von Frankreich in Konstantinopel erworben wurde.

Im Aachener Dom werden seit Jahrhunderten vier kostbare Heiligtümer aufbewahrt: die Windeln Jesu, das Lendentuch Christi, das Kleid der Maria und das Enthauptungstuch Johannes des Täufers. Alle vier Jahre findet die Aachener Heiligtumsfahrt statt.

Heiliger Rock, Turiner Grabtuch, Windeln Jesu

Der Heilige Rock in Trier gehört wie das Turiner Grabtuch in die Kategorie Reliquien, die nicht von einem Heiligen stammen, sondern auf das Leben Jesu von Nazareth selbst zurückgehen. Während das Turiner Grabtuch, ein 4,36 Meter langes und 1,10 Meter breites Leinentuch, das Ganzkörper-Bildnis der Vorder- und Rückseite eines Menschen zeigt, handelt es sich beim Trierer Artefakt angeblich um Rudimente der Tunika Christi.

Die Authentizität des Heiligen Rocks ist – wie die auch anderer Reliquien – umstritten. Selbst die katholische Kirche erhebt nicht den Anspruch auf historische Echtheit, sondern beschränkt sich darauf, die analysierten Stoffschichten akribisch aufzulisten.