Neubulach

Zwei Tote bei Brand in Mehrfamilienhaus

von Axel H. Kunert und Steffi Stocker

Neubulach - Bei einem Großbrand in Neubulach sind in der Nacht auf Dienstag zwei Menschen gestorben. 16 Menschen wurden aus dem Gebäude gerettet. Sieben Personen erlitten schwere Verletzungen, zwei weitere wurden leicht verletzt. Über 110 Feuerwehrleute waren über Stunden im Einsatz.

Die Betroffenheit im Ort ist groß. Die vielleicht wichtigste Nachricht an diesem Dienstagmorgen vor der Brandruine kommt von Ralf Minet, Pressesprecher des Polizeipräsidiums Karlsruhe, das für die kriminaltechnische Untersuchung am Brandort zuständig ist: "Es war definitiv keine Brandstiftung von außen. Das Feuer ging eindeutig von der Wohnung aus." So die erste Stellungnahme der Brandgutachter, die noch in der Nacht ihre Arbeit am Unglücksort aufgenommen hatten. Wenngleich die genaue Brandursache noch nicht habe geklärt werden können und Gegenstand weiterer Untersuchungen der Gutachter sei.

Mit am Brandort ist auch Neubulachs Bürgermeisterin Petra Schupp. Sie habe die Nacht nicht geschlafen, war eigentlich zu offiziellen Terminen für den Heilstollenverband gerade in Berlin, habe aber den ersten verfügbaren Flieger heute morgen zurück genommen, um vor Ort zur Verfügung zu stehen. Ihr Sohn sei der erste gewesen, der sie von dem neuerlichen Feuer im historischen Ortskern – in Sichtweite der Brandruine des alten Gasthauses Hirsch – informiert habe.

Großes Lob von Schupp für die Feuerwehren und die Rettungskräfte, "die die Herausforderung optimal gemeistert" hätten. Auch "die Überlandhilfe" im Kreis Calw habe wieder vorbildlich funktioniert, die großen Drehleitern aus Calw und Altensteig seien in Rekordzeit am Brandort einsatzbereit gewesen, habe sie sich berichten lassen.

Dramatische Szenen

"Wir sind haarscharf an einer großen Katastrophe vorbeigeschrammt und ich bin sehr stolz auf die Feuerwehr", sagte die Bürgermeisterin. "Durch das hervorragende und bewährte Zusammenspiel aller Wehren konnten wir Schlimmeres verhindern", unterstrich Gesamtkommandant Cetin Karanci. Wobei es dramatische Szenen gewesen sein müssen, die sich ab kurz vor Mitternacht in der Neubulacher Badgasse abgespielt haben sollen. Anwohner und Augenzeugen berichten, dass die Bewohner des großen, aus den 1970er-Jahren stammenden 15-Parteien-Hauses sich vor den Flammen auf die Schneefänger auf dem Dach gerettet hätten. Dort wurden 18 von ihnen von den Feuerwehren über Leitern herunter geholt.

Neben den beiden Toten waren sieben Schwer- und zwei Leichtverletzte durch Rauchgasvergiftungen zu beklagen. Wie der Klinikverbund Südwest mitteilt seien nach dem Brand je vier Personen in den Kliniken Nagold und Calw stationär eingeliefert und ein weiterer Patient ambulant in Calw. Die vier Patienten in Nagold seien stabil und drei wurden bereits entlassen. Die vierte Person darf voraussichtlich am Mittwoch die Klinik verlassen. In Calw konnte ein Patient entlassen werden, die restlichen drei seien weiterhin in stationärer Versorgung, zwei davon intensivmedizinisch, aber in stabilem Zustand.

Besonders tragisch, wie Bürgermeisterin Schupp von Gesprächen mit den Angehörigen der beiden vermutlich verstorbenen Hausbewohner berichtet: die Wohnung von Mutter und Sohn, von der das Feuer ausgegangen sein soll, war frisch renoviert worden. Erst im Mai sollen die beiden gemeinsam in die behindertengerechten Räume eingezogen sein. Und erst vor wenigen Tagen habe man das Helferfest für die gelungene Renovierung dort gefeiert.

Doch jetzt der Schock. Passanten, Nachbarn bleiben in der Straße "Am Brechgraben" stehen, von wo aus man einen freien Blick auf das oberhalb der alten Neubulacher Stadtmauer gelegene Brand-Haus hat – schauen hinauf zu den verkohlten Fenstern und Dachbalken. "Wir kannten die Dame und ihren Sohn alle", erzählt ein älterer Herr. Es seien Mitglieder einer Bäckerfamilie aus der Region. "Es wirkt wie ein Fluch mit all den Feuern hier bei uns", spricht der Mann aus, was wohl viele denken. Diesmal soll es ein wirklicher Unglücksfall sein, was allerdings kein Trost sei.

Tiefe Betroffenheit

Tief betroffen war in der Nacht auch Joachim Bley, Dezernent des Brand- und Katastrophenschutzes im Landratsamt, der ebenso wie Kreisbrandmeister Hans-Georg Heide vor Ort war. "Es ist eine Tragödie und ich ziehe den Hut vor diesen hauptsächlich ehrenamtlichen Feuerwehrleuten", zollte Bley seinen Respekt. Heide war es der noch in der Nacht Landrat Helmur Riegger über das Unglück informierte, der über die Einsatzkräfte sagt: "Sie haben Menschenleben gerettet und dafür gesorgt, dass die verletzten Bewohner in unseren beiden Kreiskliniken Calw und Nagold zeitnah medizinisch versorgt worden sind. Ohne das reibungslose Zusammenspiel vieler ehrenamtlich tätiger Kreisbewohner, wäre ein solcher Einsatz nicht möglich. Ich habe großen Respekt vor dem Engagement der Rettungskräfte."

Von den Brandsachverständigen kommt derweil eine weitere gute Nachricht: wirklich unbewohnbar durch das Feuer sind nur jene Wohnung, in der vermutlich Mutter und Sohn starben; sowie die Wohnung, die direkt darüber gelegen hätten. Alle anderen Wohnungen müssten jetzt noch notwendigen Luftuntersuchungen, die eine Belastung der Atemluft durch Rauch oder ähnliche Schadstoffe final ausschließen sollen, unterzogen werden, bevor die Bewohner zurückkehren können. Diese wurden noch in der Nacht in ein Hotel gebracht oder kamen privat unter.

"In Abstimmung mit der Gebäudeverwaltung ist die Unterbringung mindestens für eine Woche sichergestellt", fasste Udo Zink, Pressesprecher der Feuerwehr im Kreis Calw zusammen. "Dadurch haben wir etwas Luft und werden jeden einzelnen Betroffen ansprechen, um den potenziellen Bedarf für Wohnraum zu erheben", sagte Bürgermeisterin Petra Schupp dazu.

Später am Tag werde die Feuerwehr das Gebäude noch einmal mit einer Wärmebildkamera abgehen, um auch eventuell noch vorhandene versteckte Glutnester ausschließen zu können, sagt Zink. Am Abend solle es auch noch einmal eine Zusammenkunft aller Einsatzkräfte der Feuerwehr geben – um die Eindrücke der Nacht zu verarbeiten.

Große seelische Belastung

"Wir haben alle unseren Job gemacht", so der nüchterne Blick auf den nächtlichen Einsatz. Aber gerade die Bergung der beiden Toten sei auch eine große seelische Belastung für die betroffenen Helfer. Weshalb Notfallseelsorger bereits in der Nacht vor Ort gewesen seien. Und auch am Abend bei dem Treffen für Gespräche und Hilfen zur Verfügung stünden. Auch den Bewohnern des Mehrfamilienhauses stehe der Kriseninterventionsdienst zur Seite.

Die Ermittlungen zur endgültigen Klärung der Identitäten der Opfer stehen noch an, unter Umständen auch mit einer Obduktion. Nach wie vor unklar ist die Brandursache und das Polizeipräsidium in Karlsruhe teilt mit, dass in allen Wohnungen Rauchmelder installiert sind. Der Sachschaden wird von der Polizei auf mehrere Hunderttausend Euro geschätzt.

Info: Was passiert bei einer Rauchgasvergiftung?

Kohlenmonoxid wird über die Atmung aufgenommen. Das geruchlose Gas gelangt dann über die Lunge in den Blutkreislauf, wo es sich an das Hämoglobin in den roten Blutkörperchen heftet. Dort wird normalerweise Sauerstoff gebunden.

Da die Bindung von Kohlenmonoxid an das Hämoglobin bis zu 300 Mal stärker ist als die des Sauerstoffes, können die roten Blutkörperchen letztlich nicht mehr ausreichend Sauerstoff transportieren.

Die Symptome sind dann sehr vielfältig und unspezifisch und reichen je nach Schwere der Vergiftung von Schwindelgefühlen über Kopfschmerzen bis hin zur Übelkeit, grippeähnlichen Beschwerden und Verwirrungszuständen. Werden höhere Mengen Kohlenmonoxid eingeatmet, führt das in kurzer Zeit zu Bewusstlosigkeit und letztendlich zum Erstickungstod.

Da die meisten der Symptome einer Rauchgasvergiftung Ähnlichkeiten zu den Symptomen zum Beispiel einer Grippe aufweisen, wird eine solche Vergiftung von Laien oftmals nicht oder nur sehr spät erkannt. Mit Sicherheit kann eine Vergiftung nur durch einen Labornachweis (von Carboxyhämoglobin) im Blut festgestellt werden.

Die Behandlung einer Rauchgasvergiftung erfolgt in der Regel durch Beatmung (Intubation oder Beatmungsmaske) mit reinem Sauerstoff, um den Anteil des im Blut gelösten Sauerstoffs zu erhöhen und das Kohlenmonoxid zu verdrängen.