Nagold

Über diese Brücke konnte sie gehen

von Roland Buckenmaier

Gudrun Blauth war vor zwei Monaten von einer Krankheit so geschwächt, dass sie Angst vor der Zukunft hatte. Heute meistert die 80-Jährige wieder ihren Alltag ganz allein, ihre Lebensfreude ist zurückgekehrt. Dabei geholfen hat ihre eine Nachbarin, die sich voller Begeisterung einem Nagolder Projekt angeschlossen hat.

Nagold. Aus dem Krankenhaus entlassen zu werden, ist für jüngere Menschen ein Freudentag, für viele Ältere aber oft mit Sorgen und Zukunftsängsten verbunden. Wie bei der Nagolderin Gudrun Blauth, die Ende Januar an einer Grippe und dann auch noch an einem Magen-Darm-Infekt erkrankte und deswegen zwei Mal binnen kurzer Zeit ins Krankenhaus eingewiesen wurde. Als sie die Klinik verließ, erkannte sich die zuvor stets rüstige pensionierte Lehrerin selbst nicht mehr wieder: "Das gibt’s noch nicht, dass du so fertig bist". Sie kam kaum aus dem Bett, war völlig kraftlos. Wer sollte ihr zu Hause nach der Entlassung beistehen? "Ich hatte niemand, der auf mich wartet." Selbst nach einer schweren OP vor zehn Jahren hatte sie sich nicht so niedergeschlagen gefühlt. Und die Nachbarin, die ihr in solchen Fällen oft beistand, war selbst an Grippe erkrankt.

Da bekam sie von einer Krankenschwester einen wertvollen Tipp: Der Nagolder Stadtseniorenrat ist dem Beispiel von Kirchheim/Teck und anderen Kommunen im Land gefolgt und hat die Initiative "Beste Genesung zu Hause" ins Leben gerufen, die von dem Nagolder Dieter Möhle koordiniert wird. Mittlerweile kann er auf ein Team von zwölf ehrenamtlichen Begleiterinnen und drei männlichen Begleitern zurückgreifen, die Menschen wie Gudrun Blauth eine Brücke aus der Klinik in den Alltag bauen.

Und eine dieser Begleiterinnen wohnt selbst nur einen Steinwurf von der erkrankten 80-Jährigen entfernt: Jenny Rausch, die 35 Jahre lang in Nagold als Krankenschwester arbeitete und sich in ihrem Ruhestand ehrenamtlich in der Patientenbücherei engagierte. Als sie von dem Projekt erfuhr, war sie begeistert: "Das ist genau das, was wir brauchen", sagte sie sich, auch wenn ihr Mann anfangs skeptisch war, heute aber nach den guten Erfahrungen genauso begeistert hinter "Beste Genesung" steht wie seine lebenslustige Frau.

Helfen ohne zu bevormunden

Gudrun Blauth sollte ihre erste Patientin werden. Für diese Aufgabe war die 70-Jährige frühere Krankenschwester nochmals intensiv fortgebildet worden. Kurse vermittelten ihr wichtige Anregungen für die richtige Kommunikation in solchen Fällen, Alterssimulationsanzüge oder Brillen mit Sehfehlern versetzten die zukünftigen Begleiter besser in die Lage, sich in die Situation der gebrechlichen Hilfsbedürftigen hineinzuversetzen. Den wichtigsten Tipp erhielt sie von einer Pfarrerin in einem Gebet: "Hilf mir zu helfen, ohne zu bevormunden." Das hat sie sich bei ihren ersten Patientin gleich zu Herzen genommen, die als Lehrerin es gewohnt war, selbst die Richtung vorzugehen.

Für die 80-Jährige war dieses Angebot "genau das, was ich brauchte: Ich musste nur anrufen." Das war auch die Botschaft, die ihr Jenny Rausch mitgegeben hatte: "Ich bin immer für Sie da. Tag und Nacht." Das gab ihr Mut: Mit vereinten Kräften würde sie wieder zurück in ihren gewohnten Alltag finden. Über diese Brücke konnte Gudrun Blauth gehen.

Ihre Begleiterin kaufte anhand eines Einkaufszettels für sie ein. Für Jenny Rausch eine "Kleinigkeit", für Gudrun Blauth aber eine ganz wertvolle Hilfe. Zudem nahm ihr die Begleiterin all die Alltagsgeschäfte ab – Bank, Post, Apotheke – und begleitete sie zum Arzt. Die beste Therapie für die schnelle Genesung waren die regelmäßigen Spaziergänge mit der fürsorglichen Nachbarin. Mit diesen Wanderungen – anfangs nur zehn Minuten, nach dreieinhalb Wochen schon mehr als eine Stunde – kam bei der 80-Jährigen auch der Appetit wieder zurück. An Gesprächsstoff mangelte es den beiden Naturfreundinnen nicht. Und wenn man nur über die Tagespolitik schimpfte.

Lebensmut ist zurückgekehrt

Vier, maximal sechs Wochen stehen die Begleiter in solchen Fällen ehrenamtlich und kostenlos zur Seite. Gudrun Blauth war mit der Hilfe ihrer 70-jährigen Nachbarin wieder schnell auf dem Damm und dreht heute allein ihre Runden durch den Wald, wo sie mitunter ihre frühere Begleiterin mit Mann und Hund freudig begrüßen.

Wo noch vor zwei Monaten Niedergeschlagenheit vorherrschte, ist jetzt der Lebensmut zurückgekehrt. Zur Wanderwoche im Sommer, deren Teilnahme sie vor Kurzem noch wegen ihres gesundheitlichen Zustandes infrage stellte, hat sich Gudrun Blauth selbstverständlich schon angemeldet.