Nagold

Im Nagolder Rathaus war er das kritische Finanzgewissen

von Roland Buckenmaier

Nagold. Ernst Schanz (66) ist der letzte und einzige Mitarbeiter im Rathaus, der von sich behaupten kann, gleich unter vier Nagolder Stadtoberhäuptern gedient zu haben: Eingestellt wurde er einst von Bürgermeister Eugen Breitling, unter Joachim B. Schultis war er in der Kämmerei und in der Ära Rainer Prewo wie auch bei dessen amtierenden Nachfolger Jürgen Großmann Leiter des Rechnungsprüfungsamtes. Gemein ist allen Chefs die Wertschätzung für den Stadtverwaltungsrat, der zweimal seine Pensionierung hinausschob, jetzt aber unter stehenden Ovationen des Gemeinderats in den Ruhestand verabschiedet wurde. Für CDU-Fraktionschef Wolfgang Schäfer war Schanz "Nagolds kritisches Finanzgewissen".

Für OB Großmann kam dieser Abschied einer Zäsur in Nagolds Verwaltungsgeschichte gleich. Fünf Jahrzehnte stand Schanz in den Diensten der Stadtverwaltung. Was es heißt, im öffentlichen Dienst zu arbeiten, bekam der gebürtige Neuweiler schon als Bub mit, wenn sein Vater als Bürgermeister des Ortes seine Sprechstunden in der heimischen Küche abhielt. Das prägte. Ernst Schanz trat nach der Schule selbst in den öffentlichen Dienst ein und begann als Verwaltungsaktuar – damals eine Art "Feuerwehr", die die Gemeinden im Bezirk in verschiedenen Verwaltungsangelegenheiten unterstützte. Nach dem Studium an der Verwaltungshochschule in Kehl kam Schanz als Stadtinspektor in Nagolds Kämmerei. Bürgermeister Breitling übergab ihm damals die Ernennungsurkunde – mit dem dezenten Hinweis, dass dem Inspektor, der ohne Schlips erschienen war, eine Krawatte gut zu Gesicht gestanden hätte.

Ernst Schanz wurde in den folgenden Jahrzehnten Nagolds Mann der Zahlen. Gebühren und die Kalkulation von Abgaben wurden zu seinem Steckenpferd. Anfangs war Schanz als Sachgebietsleiter fürs Steuerwesen verantwortlich, mit dem Aufstieg Nagolds zur Großen Kreisstadt übernahm das "Käpsele" (OB Großmann) das städtische Rechnungsprüfungsamt, das er bis zuletzt leitete. Großmann erinnerte sich in seiner Laudatio daran, wie die Prüfer der Gemeindeprüfungsanstalt stets an Schanz’ Lippen hingen: "Da hätten sie eine Stecknadel fallen hören."

Auch in den Nachbarstädten wusste man den Rat des Stadtverwaltungsrates zu schätzen: "Er war immer ein Geheimtipp, wenn man nicht mehr weiter wusste", so der OB.

Schanz war es auch, der mit Verve gegen die Entscheidung ankämpfte, anhand des Zensus den Finanzausgleich neu zu ordnen. Aufgrund der Ergebnisse des Zensus 2011 wurde die Bevölkerungszahl in Nagold um 600 Einwohner niedriger geschätzt.

Für Nagold bedeutete dies einen jährlichen Verlust von 600 000 Euro an Finanzausgleich. Wenn am 24. Oktober das Bundesverfassungsgericht aufgrund einer Klage der Stadt Berlin dieses Thema verhandle, werde Schanz – so prophezeite der OB – "sicher in der zweiten Reihe sitzen und die Sache beobachten". Schanz gehöre selbst zu den Experten auf diesem Gebiet und plädiere dafür, statt der Zensus-Schätzungen die Anzahl der Steuer-ID für den Finanzausgleich zugrunde zu legen. "Bleiben Sie kritisch gegenüber Bund und Land", rief Schanz denn auch den ihm stehend applaudierenden Räten zu.

Ganz müssen die Kollegen und auch die Räte den 66-Jährigen vorerst nicht missen. Denn: Den Schlüssel zum Rathaus wird Schanz nicht ganz abgeben. Einmal in der Woche will er an seine alte Wirkungsstätte zurückkehren und seine Nachfolgerin Christa Riethmüller, die zum 1. Oktober ins Rechnungsprüfungsamt wechselt, ins Reich der Zahlen einführen.